Aachen - Schrittmacher-Festival: Die wilden Herzen der jungen Kubaner

Schrittmacher-Festival: Die wilden Herzen der jungen Kubaner

Von: Sabine Rother
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Heftig bedrängt von Leidenschaften: Die Compagnie DanzAbierta aus Kuba beeindruckte beim Schrittmacher-Festival „just dance” in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang mit ihrer Produktion „MalSon” das Publikum. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Getanzte Geschichten, ein Kaleidoskop der Emotionen, pure Lebensfreude und tiefste Verzweiflung - alle das gehört zu den Markenzeichen des international besetzten Aachener Tanzfestivals Schrittmacher, das sich am Wochenende mit „just dance” von seiner neuen, bestens angenommenen Spielstätte - der Fabrik Stahlbau Strang in Aachen - verabschiedete.

Am 2. März geht es in Heerlen weiter - und 2012 hoffentlich auch in dieser eindrucksvollen Industriekulisse an der Philipsstraße.

„Wir haben das Experiment gewagt, und es wurde ein Fest von einem Festival, so Rick Takvorian, Leiter von Schrittmacher. „Das beste Festival, das wir je hatten.” Und das Publikum antwortete mit Applaus. In einer der ersten Reihen klatschte Heinz Herff mit: Er hat 50 Jahre in diesen Mauern hart gearbeitet und feierte nun dort seinen 80. Geburtstag beim Tanz.

Mit der Compagnie DanzAbierta aus Kuba beherrschen an diesem Abend Stars der Szene die tiefe Bühne in der einstigen Werkshalle. Drei Frauen und zwei Männer im perfekten Zusammenspiel der Körper, 60 Minuten, die die Zuschauer bannen.

Auch Videoprojektionen

Mit ihrer von Susana Pous choreographierten, preisgekrönten Produktion „MalSon” setzt das Ensemble, begleitet von faszinierenden Videoprojektionen und getragen von einer heftigen Klangkulisse (beides X Alfonso), die Gedanken, Gefühle, Freuden und Nöte junger Menschen in ihrer kubanischen Heimat um. Und das jenseits aller Klischees. Der Son, die Musik des Landes, durchströmt Stück und Ensemble. Bei „MalSon” sind leidenschaftliche Akteure auf der Bühne, die ein Höchstmaß an tänzerischem Können mit starken Empfindungen verbinden. Modern Dance, Breakdance, kubanischer Hüftschwung, fantasievolle Artistik und strenge Klassikelemente formen bewegende Bilder - kühl und heiß zugleich.

Dabei beeindrucken die Männer mit vielfachen gedrehten Hebungen, raschen Wechseln der Positionen und atemberaubend präzisen Parallelaktionen. Hebungen gibt es übrigens auch für die Frauen der Compagnie, und sie absolvieren diese Einsätze mit größter Leichtigkeit. Dabei tragen die Tänzerinnen 60 Minuten lang zu schwingenden Kleidern hochhackige Schuhe - wer damit derart selbstverständlich tanzt, ist wirklich grandios.

Lust und Leidenschaft, Anziehungskraft und Abwehr im Geschlechterkampf werden funkelnd umgesetzt. Mal weich und sehnsüchtig, dann wieder zornig und mit zackigem Stechschritt durchmessen sie ihre Welt, getrieben von der Suche nach Glück. Das Spiel mit der riesigen Leinwand, über die Bildcollagen aus dem Kuba von heute flimmern, verstärkt die Story. Im Film erkennt man die Akteure von der Bühne, und hin und wieder reichen sich sogar die erotische Filmtraumfrau im roten Kleid und der einsame Kubaner, der hoch oben auf dem einzigen Bühnenelement steht, einem grauen Styroporbrocken, die Hand.

Das felsähnliche Objekt ist wichtiger Teil der Inszenierung. Da zankt man sich um den besten Platz auf dem Podest, werden Eifersucht, Gewalt und Handgreiflichkeiten zum Thema. Männer erobern Frauen, Frauen machen Männer zu Gliederpuppen, Männer formen sich wiederum Frauen - ein endloses und frustrierendes Spiel, das mit getanzter Pantomime glanzvoll und witzig umgesetzt wird.

Dann ein Wolkenflug. Verstörende Visionen von Glück und schöner Zukunft. Der graue Klotz wird zum Hochhausschornstein. Eine junge Frau balanciert dort gefährlich nah am Rande des Todes, will sie springen? Das Blau weicht schwarzen Wolken, die Verzweiflung würgt die Menschen, die im hektischen Gewimmel der projizierten Großstadt untergehen.

Filmaufnahmen ziehen den Blick magisch an - etwa in die Schwindel erregende Tiefe eines Aufzugsschachtes. Immer wieder wird der graue Klotz geschoben und erklommen, rollen sich die Akteure ab und entkommen ihm um Haaresbreite. Harte Rhythmen und Klangbilder hämmern wie der Herzschlag junger Kubaner.

Mit einem stillen Schlussbild endet die Seelen-Achterbahn. Wie auf einer Hafenmauer sitzen Tänzerinnen und Tänzer auf dem Block und blicken in die abendliche Ferne. Ein Paar hat sich gefunden, eine der Frauen rückt traurig ab, die beiden anderen sitzen einfach nur da. Körpersprache bis das Bühnenlicht verlöscht. Euphorischer Beifall.
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