Schrittmacher-Festival: Breakdance ohne Straßenstaub

Von: Sabine Rother
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Parallel-Aktionen: Die Rubberbandance Group aus Kanada beeindruckte beim Schrittmacher-Festival in Aachen. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Sie bewegen sich jenseits der Schwerkraft in Slow Motion, schweben, springen wie in Zeitlupe, gleiten, verflechten die Körper in weich fließender Perfektion: Die kanadische Rubberbandance Group gehörte zu den ersten Compagnien, die 2011 bei der Eröffnung der neuen Spielstätte des Tanzfestivals Schrittmacher in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang auf der Bühne stand.

Sie haben den Aachenern rund um Veranstaltungsleiter Rick Takvorian die Treue gehalten und sind jetzt bei der 20. Ausgabe dabei.

Die 2002 von Choreograph und Tänzer Victor Quijada in Montreal gegründete Truppe hat sich höchster Tanzästhetik verschrieben. Bei „Empirical Quotient“ geht es 70 Minuten lang um das wechselhafte Wirken, Werden und Vergehen emotionaler Prozesse.

Drei Tänzerinnen und drei Tänzer – jeder ein starker Charakter für sich – haben Elemente des Breakdance so kultiviert, dass die wilden Drehungen, das Rotieren auf dem Kopf, akrobatische Handstände und eingefrorene Posen zur klassisch-sauberem Tanz auf höchstem Niveau mutieren und dabei allmählich den Staub der Straße vermissen lassen. Dort ist die HipHop-Bewegung jedoch verwurzelt.

Sehr scharfe Töne

Zu einem Soundtrack, der in scharfen elektronischen Tönen und aufreibender Rhythmik das Vibrieren der Nerven auf das Publikum überträgt, skizziert Choreograph Quijada zusammen mit Tänzerin Anne Plamondon Unaussprechliches. Wie von unsichtbaren Kräften bewegt, wird die zunächst eng geschlossene und in perfekten Parallelaktionen verbundene Gruppe über die Bühne geschoben.

Das sind attraktive Bilder einer Compagnie, die klassisches Ballett verinnerlicht hat und längst frei mit komplizierten Bewegungselementen aus Modern Dance und sämtlichen Schattierungen des Street Dance umgeht. Die Verletzlichkeit der Individuen – ein Thema in unendlichen Variationen.

Das im Breakdance der 1970er-Jahre entwickelte Imitieren der Motorik von Marionetten wird zum Stilmittel, ein Signal für tiefgreifende Verunsicherungen.

Die gespreizte Hand auf der Brust, vieldeutiger Blickkontakt, das Bedecken der Augen des Partners, die magnetische Anziehungskraft, der Körper, die sich nach geschmeidigen engen Kontakt in abenteuerlichen Windungen wieder von einander befreien. Es gibt Fluchten, die in neue Arme führen, wo sich aber bald neues Bedrängen und zwanghafte Belagerung einstellen, werden in faszinierende Sololeistungen umgesetzt. Frauen und Männer durchlaufen und durchleiden häufig getrennt die emotionalen Ebenen.

Zärtlichkeit ufert aus und wandelt sich zur Gewalt, Annäherung zu Ablehnung, sanftes Miteinander endet in der Eskalation. In 70 Minuten ohne Pause wiederholen sich jedoch häufiger die zunächst bestaunten Abläufe. Ein Handlungsfaden zu „Empirical Quotient“ wird nicht erkennbar. Bei aller Virtuosität des Tanzes eine Schwäche des Stücks, das zudem durch die anhaltend zerfetzenden stressenden Klangcollagen nicht unbedingt gewinnt.

Zwischendurch gibt es eine kleine witzige Szene: Drei Männer werden von einer Tänzerin wie ein „Paket“ miteinander verhakt. Mit schelmischem Blick schickt sie das Knäuel in die Ecke, ein ungenutzter Ansatz, der vielleicht szenisch neue Farben ins Spiel gebracht hätte.

Wenn zum Schluss dem jubelnden Publikum als Zugabe eine Runde Breakdance mit temporeichen Elementen der brasilianischen Capoeira-Kampfkunst im Originaltempo geboten wird, löst das die artifizielle Spannung. Wie gut sie das können, wie frech, provokant wirbeln sie über den Bühnenboden. In diesem Moment ist der Urban Dance wieder geerdet.

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