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Schiller kämpft im Comic um den eigenen Weg

Von: unserem Redakteur Eckhard Hoog
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Merkstein. Friedrich Schiller und der Comic - beim Gedanken an eine mediale Liaison zwischen dem deutschen Klassikdichter und einem Sprechblasen-Abenteuer mögen Bildungspuristen die Haare zu Berge stehen.

Doch keine geringeren Einrichtungen als die Deutsche Schiller-Gesellschaft und das Deutsche Literatur-Archiv in Marbach wissen ganz offensichtlich ihren Schützling, dessen Todestag sich am 9. Mai 2005 zum 200. Mal jährt, ausgerechnet bei einem Comiczeichner in besten Händen: Horus W. Odenthal - Künstlername „Horus”.

Ihn beauftragten sie, zum Gedenktag nächstes Jahr einen Comic zu zeichnen, der einen Teil der Lebensgeschichte des Marbacher Offizierssohns möglichst anschaulich nacherzählt. Der Ehapa-Verlag wird den Band herausbringen.

Seit Juni sitzt Horus nun mit gespitzter Feder und einem Fässchen Tusche Tag für Tag von morgens bis abends an seinem Schreibtisch, um den zeichnerischen Großauftrag wie vorgesehen bis Februar 2005 zu erledigen.

Horus bewohnt nach einem Umzug aus der belgischen Grenzregion seit drei Monaten mit seiner Frau Kirsten, gleichfalls in der Comic-Branche tätig, ein Einfamilienhaus in Herzogenrath-Merkstein. Wir besuchten ihn dort.

Eine schnittige Designer-Brille auf der Nase, weltoffen, eloquent und hochgebildet - dem 42-Jährigen gelingt es auf Anhieb, mit viel Sympathie und intellektuellem Charme für sich einzunehmen.

„Klebengeblieben” ist er in der Aachener Region, erzählt der gebürtige „Erftländer”, klebengeblieben nach dem Grafikdesign-Studium an der Fachhochschule Aachen.

Zeichnen hat er dort nicht gelernt, nein - und er lacht dabei herzlich. Zeichnen ist, meint er, in seinem Fall viel eher die gewachsene Kunst des Autodidakten, der von Kindesbeinen an eigentlich immer nur eines werden wollte: Schriftsteller.

„Schreiben mit Worten und Bildern, das fand ich immer schon toll.” Allerdings nicht in der Manier der amerikanischen Disney-Serienzeichner mit den dominierenden Textblasen im Bild und deren trivialen Geschichten.

Für Horus sind Text und Bild gleichwertig beim Comic, den er als „phantastische Erfindung” bezeichnet, dessen mediales Potential noch lange nicht ausgeschöpft sei. „Die Sprechblase ist dabei gar nicht so wichtig, sie ist nur eine Äußerlichkeit.”

Anspruchsvolle Themen und die Mittel des Comics - das sind für Horus widerspruchslose zwei Seiten einer Medaille. So widmete er in dem Band „Wüstensöhne” (Ehapa Comic Collection) drei Comicerzählungen dem Thema Faschismus.

Über Diskussionen mit amerikanischen Freunden - jahrelang hat Horus ausschließlich und mit großem Erfolg für amerikanische Verlage gezeichnet - ist bei ihm das Interesse an der deutschen Vergangenheit gewachsen.

In der ersten „Wüstensohn”-Geschichte unterhalten sich deutsche Emigranten in Los Angeles und formulieren ihr Bild von Deutschland nach dem Ende der Nazi-Diktatur, in der zweiten erzählt eine 100-jährige Frau in einem Interview aus ihrer Jugend.

Wobei man ausschließlich ihr Gesicht und das wechselnde Minenspiel bei all ihren Versuchen zu sehen bekommt, Missliches zu verdrängen.

2002 bekam Horus den ICOM Independent-Comic-Preis für seine Trilogie „Schattenreich” - nur vordergründig ein Fantasy-Thriller. „Wer sich tiefer darauf einlässt, wird auf ganz anderen Ebenen auch andere Themen entdecken, Fragen nach der Identität zum Beispiel. Was uns im Kern eigentlich ausmacht.”

Über Schiller hat er wochenlang alles gelesen, was ihm in die Finger fiel, und Horus ist seither fasziniert von dieser Persönlichkeit.

Von jenem jungen Mann, dessen Vater ihn an der herzoglichen Offiziersschule in Stuttgart abgeliefert hatte, wo er jahrelang im Korsett penibelster Ordnung Drangsal und Entwürdigungen aller Art erleiden musste.

Der mit dem Gefühl, vieles versäumt zu haben, und mit Hass auf den Herzog und den Vater im Herzen, 1781 auf eigene Kosten sein Stück „Die Räuber” drucken ließ, das bei der Uraufführung ein Jahr später in Mannheim einen solch stürmischen Tumult erzeugte, dass die Wände wackelten. Friedrich Schiller musste flüchten...

„Eine superspannende Ge-schichte”, findet Horus. „Es ist die Geschichte von jemandem, der sich absetzt und gegen alle Widerstände um sein Recht kämpft, so zu leben, wie er glaubt, dass es ihm zusteht. Eine zeitlose Geschichte für alle Heran-wachsenden...”

Im Mai 2005 liegt der Schiller-Comic vor.

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