Schauspielchef glaubt an die gesellschaftliche Wirkung seiner Arbeit

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Eine merkwürdige Weltsicht, gepaart mit Humor: Christian von Treskow inszeniert Kafkas „Prozess“ am Theater Aachen – hier mit Benedikt Voellmy, Elke Borkenstein und Florian Denk (von links). Foto: Marie-Luise Manthei/Andreas Steindl
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Wuppertals ehemaliger Schauspielchef Christian von Treskow glaubt an die gesellschaftliche Wirkung seiner Arbeit – jetzt in Aachen.

Aachen. Kulturpolitisch turbulente Zeiten hat Christian von Treskow hinter sich. Als Intendant in Wuppertal musste er Etatkürzungen und die Schauspielhaus-Schließung verkraften. Die Kritik bescheinigte ihm aktuelles, brisantes Theater, aber die verschuldete Stadt verlängerte seinen Vertrag nicht. Warum er trotzdem noch Lust auf Theater hat und nun in Aachen Kafkas „Prozess“ inszeniert, das erzählt der 45-Jährige im Gespräch mit Jenny Schmetz.

Als Schauspielchef in Wuppertal haben Sie erlebt, wie die Stadt ihr Theater kleingespart hat. Können Sie dieser leidvollen Erfahrung dennoch etwas Positives abgewinnen?

Christian von Treskow: Die ständige Bedrohung von außen hat Ensemble und Haus zusammengeschweißt. Es war eine intensive und produktive Theaterzeit. Alle haben immerzu Höchstleistung gebracht. Beliebigkeit durfte es nicht geben, weil in einer Pleitekommune mit jeder Premiere die Legitimation für die städtischen Zuschüsse erneut unter Beweis gestellt werden musste. Dadurch sind viele Aufführungen entstanden, die so sonst nur an viel größeren Häusern zu sehen sind. Das geht natürlich nur für eine gewisse Zeit gut, der Kräfteverschleiß war für alle Beschäftigten gewaltig. Und so ist es auch gut, dass wir nach fünf Jahren Verausgabung jetzt weiterziehen müssen.

Wuppertal steht für viele Kommunen mit Geldsorgen. Fürchten Sie generell um die Zukunft des Stadttheaters?

Treskow: Nein, Städte können auf ganz unterschiedliche Weise mit ihren Geldsorgen umgehen. Hier in Aachen wird das Theater ja auch nicht kaputtgespart. Die ganze Welt beneidet Deutschland um sein Stadttheater-System, und das ist ein sehr vitaler Organismus. Man muss aber auch fragen, wie das Stadttheater zukunftsfähig bleibt.

Wie nämlich?

Treskow: Indem es sich selbst immer wieder runderneuert. Das, was auf der Bühne passiert, muss mit den gesellschaftlichen Fragen Schritt halten. Dann wird das Stadttheater immer seine Berechtigung haben, weil es ein Instrument der Aufklärung ist. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Wuppertal – eine Stadt mit einer völlig fehlgeleiteten Kulturpolitik – auch eine Nazi- und Salafisten-Hochburg ist. Da haben Sie die Antwort, warum wir Stadttheater brauchen!

Sie meinen, Theater kann gesellschaftlich etwas verändern?

Treskow: Wenn man nur einen einzigen jungen Menschen davor bewahrt, sein Leben dem Internet hinzugeben oder sich dubiosen Gruppen anzuschließen, dann hat man die Welt doch schon verändert!

Sie wollen nun zunächst zwei Jahre freiberuflich als Regisseur arbeiten und dann wieder die Fühler nach einer anderen Intendanz ausstrecken. Haben Sie noch Lust auf Kämpfe mit Politikern oder Verwaltungen?

Treskow: Wenn man einmal Blut geleckt hat, möchte man da auch weitermachen. Ich habe ein großes Maß an Frustrationstoleranz. Das ist für mich eher ein sportlicher Kampf! Aber beim nächsten Mal werde ich mir die Kulturpolitiker und den Stadtetat vorher genauer anschauen. (lacht)

Sie sind jetzt erst mal nach Aachen gezogen. Warum?

Treskow: Aus privaten Gründen. Vor meiner Wuppertaler Zeit haben wir, also meine Frau und unsere beiden Töchter, schon drei Jahre in Aachen gewohnt. Hier leben Teile meiner Familie.

Dann werden Sie in nächster Zeit öfter am Theater Aachen arbeiten?

Treskow: Für einen freien Regisseur gibt es doch nichts Besseres, als in der Stadt zu arbeiten, in der er lebt. Aber das letzte Wort hat da der Generalintendant – dem muss meine Arbeit jetzt ja erst mal gefallen.

Kafkas Romanfragment „Der Prozess“ wird regelmäßig auf die Bühne gebracht. Warum hier und jetzt von Ihnen?

Treskow: Kafka hat mich immer gereizt. Ich empfinde eine Geistesverwandtschaft mit ihm, obwohl ich kein literaturwissenschaftlicher Kafka-Experte bin. Kafkas Humor, seine merkwürdige Weltsicht und das Fragmentarische seiner Literatur finde ich spannend. Schon in den 90er Jahren habe ich mit meiner freien Gruppe Theater Oklahoma nach der Erzählung „Beschreibung eines Kampfes“ einen Kafka-Abend gemacht, der ganz ohne Worte ausgekommen ist.

Und warum nun „Der Prozess“?

Treskow: Der Protagonist Josef K. fällt einer ungreifbaren Macht zum Opfer. Nicht ein bürgerliches Gericht oder der Staat machen ihn fertig, sondern eine Art Parallelgericht, das auf Dachböden tagt. Es gibt keine richtige Anklage, keine richtige Verteidigung. Und diese Parallelwelt kann man heute auch benennen: Es ist dieses digitale Universum, das uns kontrolliert und uns Angst macht.

Was verstehen Sie darunter?

Treskow: Angefangen vom Internet über Geheimdienste, die uns ausforschen, bis zu kommerziellen Unternehmen wie Apple, Facebook oder Google, die uns im wirtschaftlichen Sinne manipulieren. Da ist immer jemand, der weiß, was ich denke, was ich tue. Das ist kafkaesk.

Das ist für Sie also der aktuelle Subtext, aber Ihr Josef K. trägt nicht Laptop und Smartwatch, oder?

Treskow: Nein, überhaupt nicht. So lässt sich das im Theater nicht darstellen. Da bleibt etwas Ungreifbares.

Ihre Frau Dorien Thomsen ist gemeinsam mit Sandra Linde für Bühne und Kostüme verantwortlich. Was ist da schon greifbar?

Treskow: Es gibt ein Theater auf der Bühne zu sehen. Kafka war selbst Theatergänger. In seinen Tagebüchern beschreibt er viele Aufführungen, und da findet sich auch sein berühmter Traum von einem völlig widersinnigen Theater.

Was ist da so widersinnig?

Treskow: Die Zuschauerreihen sind zum Beispiel mit den Rücken zur Bühne aufgestellt.

Die Zuschauer in Aachen müssen sich die ganze Zeit umdrehen?

Treskow: Nein, wir kehren nur die ersten Reihen um. Da sitzen Schauspieler. Der Roman ist fast wie ein Filmdrehbuch geschrieben, mit vielen schnellen Ortswechseln. Und auf unserer Bühne ist alles in Bewegung – mit Möbelstücken auf Rollen. Alles zieht an Josef K. wie in einem Traumtheater vorbei.

„Der Prozess“ ist auch Abi-Lektüre. Was mag 17-, 18-Jährige daran interessieren?

Treskow: Es ist ein Entwicklungsroman, von Kafka sehr autobiografisch geschrieben. Josef K. ist ein junger Mann, der sein Verhältnis zur Familie, zum Leben, zum anderen Geschlecht finden muss. Heute würde man sagen: eine Coming-of-Age-Geschichte.

Schüler mögen bei Kafka Düsternis, Verzweiflung oder Nicht-Verstehen fürchten. Aber er ist doch auch ein großer Humorist! Warum ist Kafka für Sie komisch?

Treskow: Ganz schwer zu sagen. Die Beschreibung skurriler Szenen oder der Körperlichkeit der Figuren finde ich oft komisch. Wenn zum Beispiel der Student die Frau des Gerichtsdieners entführt, sie einfach aufhebt und wegträgt. Kafka soll sich beim Schreiben auch sehr amüsiert haben.

Das Publikum darf also auch lachen.

Treskow: Ja, sicher! Aber ein Schenkelklopfer wird's bestimmt auch nicht.

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