Schätze aus der Video-Steinzeit geborgen

Von: Eckhard Hoog
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Sie arbeiten die einzigartige Videosammlung des Aachener Ludwig Forums wissenschaftlich auf: (von links) Lou Jonas, Anna Sophia Schultz (wissenschaftliche Mitarbeiterinnen), Forumsdirektorin Brigitte Franzen und Projektleiterin Miriam Lowack. Ab Mitte April ist ein Teilergebnis in der Ausstellung „Elektronische Bilder malen“ zu sehen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Selbst Richard Serra (74), die US-amerikanische Bildhauerlegende, war erstaunt, als er jetzt hörte, was in den Archiven des Aachener Ludwig Forums schlummerte und nun wie Dornröschen aus dem Schlaf erwacht: eine längst vergessene Videoarbeit von ihm, entstanden in den siebziger Jahren.

Das war zu einer Zeit, als neue Medien zum ersten Mal als technologische Verheißung auch von der tonangebenden Generation internationaler Künstler begierig ins kreative Repertoire aufgenommen wurden. Und ausgerechnet Aachen bot diesen Pionieren damals eine breite Plattform: in der 1970 gegründeten Neuen Galerie – Sammlung Ludwig, aus heutiger Sicht eine wichtige Weltstation dieser Kunstform, die ihr damaliger Leiter Wolfgang Becker als einen zentralen und programmatischen Schwerpunkt seines Hauses etablierte.

Nam June Paik und Wolf Vostell

Rund 200 Videoarbeiten von so berühmten Künstlern wie Bruce Nauman, Nam June Paik, Ulrike Rosenbach, Wolf Vostell, von hiesigen Größen wie Franz Buchholz und Dietmar Momm haben seither die Zeit weitgehend unbeachtet überdauert. Wie bedeutend die Aachener Sammlung eingeschätzt wird, mag die Tatsache bezeugen, dass die Volkswagen-Stiftung die wissenschaftliche Aufarbeitung der Kollektion mit 500 000 Euro fördert.

Seit knapp zwei Jahren sichtet erforscht, dokumentiert und vor allem organisiert die Restauration der kostbaren Magnetbänder im Rahmen des Projekts „Videoarchiv“ ein Team um Forumsdirektorin Brigitte Franzen: die wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin Miriam Lowack, die „hauseigene“ Kuratorin Anna Sophie Schultz und die von der Universität Lüttich dazugestoßene Video-Expertin Lou Jonas. Alle drei werden über jeweils ein besonderes Thema des Projekts promovieren.

Die technologische Aufarbeitung und Digitalisierung der Bänder übernahm – man glaubt es kaum, aber das gibt es bereits: das „Labor für antiquierte Videosysteme“ am Zentrum für Kunst- und Medientechnologie Karlsruhe. Die Pioniere benutzten damals in der Video-Steinzeit das erste verfügbare Kassettenformat, U-matic, heute längst ausgestorben. Erst mit der dauerhaft haltbaren Digitalversion stand den drei Expertinnen das Material für ihre eingehenden Forschungen zur Verfügung. Und das sind umfassende Fragen nach Thematik, künstlerischer Technik, Entstehung, Kontext und Werkzusammenhang der jeweiligen Videoarbeit – aufgeschlüsselt nach den Bereichen amerikanischer, deutscher und belgischer Provenienz.

Viele Künstler begriffen das neue Medium zunächst noch rein als Sesam-öffne-dich für ein erweitertes Ausdrucksspektrum ihrer bisherigen Möglichkeiten und setzten zum Beispiel malerische Mittel filmisch in Bewegung.

Malerei und neue Medien

Diesem Aspekt ist die Ausstellung „Elektronische Bilder malen“ gewidmet, die am Sonntag, 13. April, um 12 Uhr eröffnet wird. Arbeiten unter anderem von Nan Hoover, Lili Dujourie, Jacques Lennep, Leo Copers, Pol Bury und Ulrike Rosenbach vergegenwärtigen noch einmal, wie Künstler der siebziger Jahre Lösungen in der Verbindung von Malerei und neuen Medien suchten.

Video, Film und Performance erkannte Wolfgang Becker, bis heute hin ein ausgesprochener Freund neuer Medien und technischer Innovationen, damals als die angesagtesten zeitgenössischen Kunstformen, mit denen er Aachen zu einem bedeutenden Standort aktueller Tendenzen etablierte. Und sprang dabei buchstäblich aus dem Schatten des übermächtigen Mäzens Peter Ludwig, dem neumodische Medien ziemlich wurscht waren. Auch daran erinnert das Forchungsprojekt „Videoarchiv“ des Aachener Ludwig Forums.

Richard Serra experimentierte übrigens in seinem Video mit akustischen Rückkopplungen von Gesprochenem.

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