Scapino Ballet Rotterdam eröffnet das Schrittmacher-Festival

Von: Sabine Rother
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Die Masse des spanischen Volkes unter der Diktatur – verbogen und verängstigt: Das Scapino Ballet Rotterdam eröffnete mit „Pablo“ das Schrittmacher-Tanzfestival im Heerlener Theater. Foto: Hans Gerritsen

Heerlen. Ein schießwütiger Diktator, Pistole in der Hand, qualmende Zigarre im Mund, Stechschritt, Menschen in Panik, leidend, schreiend, lachend, sterbend – und über allem das süßliche Aroma von Weihrauch: Scapino Ballet Rotterdam, eine der wichtigsten Compagnien der internationalen Tanzszene, hat im Theater Heerlen den niederländischen Part des internationalen Tanzfestivals Schrittmacher 2017 mit der furiosen Inszenierung „Pablo“ eröffnet.

Am Freitag gibt es den deutschen Start in der Aachener Stahlfabrik Strang, den die israelische Kibbuz Contemporary Dance Company prägen wird. „Unser Festival zeichnet sich erneut durch große Bandbreite aus“, begrüßte Veranstaltungsleiter Rick Takvorian zusammen mit Bas Schoonderwoerd, Direktor des Parkstad Limburg Theaters, auf der bereits von Nebel umwaberten Bühne das gespannte Publikum im voll besetzten Saal.

Und dann rollt endlich Marcos Moraus gewaltiges „Gemälde“ aus Tanz, akrobatischer Performance und Musik an. Vom Orchestergraben aus feuert die Sinfonia Rotterdam unter der Leitung von Conrad van Alphen die Truppe mit Livemusik an. Jedes Stück ist ein Signal, das heftige Tanzreaktionen hervorruft. Ravels „Bolero“ kann sich niemand entziehen, die Marseillaise erklingt, und man denkt an Picassos Parisaufenthalt, Volkslieder wecken Sehnsucht – und werden sofort zur Massenhypnose missbraucht: Ein kurzer Befehl, und die singende Menge steht wie beim militärischen Drill, bückt sich in zerbrochenen Posen – kranke Marionetten, die starr vor Angst sind.

Das hat Tempo, zeigt Perfektion und die tiefe Einheit dieser Compagnie, die atemberaubendes Tanztheater mit bitterem Witz verbindet. Biegsame Körper zucken unter der Peitsche der Machthaber, eine blumengeschmückte Marienstatue fällt wieder und wieder um, während auf dem anderen Bühnenteil einer Frau von mehreren Männern Gewalt angetan wird. Im nächsten Moment falten wieder alle brav ihre Hände, die häufig in abgeknickten Flamencobewegungen flattern. Eine angeschossene Frau tanzt für ihren Peiniger, zu dessen Füßen sie schließlich zusammenbricht. Marcos Morau, geborener Katalane, ist Gründer des spanischen Künstlerkollektivs La Veronal. Seine gestalterische Leidenschaft umfasst sämtliche Formen künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten, nach denen er im Laufe des Stücks begierig greift.

Stierkampf und Bordelle

Zu seiner über 20-köpfige Compagnie gehören Tänzerinnen und Tänzer, die sich in völlig ungewohnte Extreme werfen, solistisch perfekt sind und zugleich in Ensembleszenen die Fähigkeit zur Verschmelzung, zur absoluten Hingabe zeigen. „Pablo“ thematisiert das Spanien zur Zeit Picassos, Stierkampf, Franco, Bordelle, Sex. Der Maler, 1881 in Malaga geboren, 1973 in Frankreich gestorben, ist Moraus Inspirationsquelle für eine kompakte, häufig verstörende Bildersprache.

Der Zuschauer möchte verstehen – und spürt schnell, dass hier schlicht der politische Irrsinn herrscht: Weltkriege, eine Gesellschaft, in der Aufbruch und Rebellion, Angst und Verzweiflung, Bigotterie und hysterische Frömmigkeit herrschen. Namen werden eingestreut – rote Grablichter leuchten für die Frauen in Picassos Leben. Wie eine funkelnde Spur erscheint das Heer der Dichter und Denker, Philosophen, Schauspieler und Regisseure, deren Namen man scheinbar unsortiert, aber bedeutungsschwer in den Raum ruft. Rollstühle und Krücken bieten den skurrilen Kontrast zu schwarzer Spitze und Uniformelementen.

Morau zeigt keine Picasso-Werke, er erweckt sie zum Leben – die Ermordeten im anklagenden Gemälde „Guernica“, die aufgelösten Gesichter, die in ihrer Abstraktion zerbrochene Spiegel einer Persönlichkeit sind. Das Scarpino Ballet Rotterdam fordert sein Publikum heraus, eine experimentierfreudige Compagnie, die keinen Aufwand scheut, bei der man sich nahezu alles traut und in der selbst das gesprochene Wort dramatisiert wird. Wo Szenen dunkle Rätsel aufgeben, ist Intuition gefragt. Was bleibt sind beunruhigende Impressionen, die lange anhalten.

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