Sand und Bananenbrei: Müllers „Der Auftrag“ wird zur Materialschlacht

Von: Sabine Rother
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Da steht es drin: Rainer Krause mit dem Reclam-Heft von Heiner Müllers „Der Auftrag“, Elke Borkenstein zückt die Web-CAM. Die Inszenierung von Paul-Georg Dittrich hatte in den Kammerspielen des Theaters Aachen Premiere. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Und wer räumt auf? Die Menschen hinter der Bühne sind bei dieser Inszenierung in den Kammerspielen des Aachener Theaters zu bedauern. Eimerweise ausgeschütteter Sand, Wasser, tropfendes Theaterblut, herumgeworfene gelbe Reclam-Heftchen, sogar Plüschtiere, die sich in dieses Chaos verirrt haben.

„Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution“, das 1980 in der Berliner Volksbühne uraufgeführte Drama um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit von Heiner Müller, wird in den Kammerspielen des Aachener Theaters unter der Regie von Paul-Georg Dittrich zur Materialschlacht.

Wie setzt man einen Text dieses Dramatikers in Szene? Eine Frage, die zur Versuchsanordnung reizt. In Aachen sorgt Dittrich von Anfang an für konkrete Distanz zum eigentlichen Text, spielt mit Webcam, MP3-Player und Bildschirmen.

Das Publikum ist gefordert – muss mühsam hinhorchen, rätseln, sich wundern, ekeln und schließlich sogar das von Reihe zu Reihe weitergegebene Mikrofon ergreifen: Der Prosatext mitten in Müllers Stück erzählt in einer Art Kafka-Vision von einem Mann im rasenden Aufzug, der plötzlich in Peru ankommt. In Aachen wird die Erzählung portionsweise eingeblendet und von Zuschauern (mehr oder weniger) vorgelesen.

Ist so eine Form des Mitmachtheaters nicht von gestern? So mancher überraschte Vorleser kommt ins Stolpern, das lenkt ab. Schade um den faszinierenden Text. Als Darsteller arbeiten sich Elke Borkenstein, Torsten Borm, Rainer Krause, Thomas Hamm und Simon Rußig mit vollem Körpereinsatz und komplexen Aktionen durch die Szenen. Wer sich allerdings auf dieses Theaterstück inhaltlich nicht vorbereitet, ist völlig verloren.

Die Geschichte: Drei Abgesandte der Französischen Revolution – Galloudec, Sasportas und Debuisson – sollen auf Jamaika einen Sklavenaufstand anzetteln. Bevor sie besagten „Auftrag“ erfüllen können, hat Napoleon in Frankreich die Macht übernommen. Was tun? Haben die blutig verteidigten Ideale keine Gültigkeit mehr? Hatten sie überhaupt je Gewicht? Wie ist das mit Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit?

Die Darsteller drücken zu Anfang in einer Gemeinschaftsaktion auf die Starttasten ihrer MP3-Player, um dann per Nonstop-Aufsagen mit Knopf im Ohr oder Kopfhörer das komplette Stück ohne Pause herunterzuleiern. Nach jeweils ein paar Momenten kommt ein anderes Ensemblemitglied, tippt dem Sprecher auf die Schulter und übernimmt – häufig mitten in einem Satz. Die Schauspieler lenken ihre Blicke starrend und suchend in die Ferne und sprechen die Texte ins Nirgendwo.

All das spielt sich in einem zunächst utopisch anmutenden, mit knisternder Goldfolie ausgeschlagenem Raum ab. Pia Dederichs sorgt für die Ausstattung.

Üppige gedeckte Tafel

Unter den Folien, die nach und nach heruntergerissen werden, tauchen expressiven Zeichnungen, Zitate und bissige Impressionen zum Stück auf. Leider müsste man sich den Hals verrenken, um alles in Ruhe anzuschauen. Auf der Bühne gibt es einen durch Plexiglaswände abgetrennten Raum mit üppig gedeckter und von Kerzen festlich erhellter Tafel.

Wer nicht an der Rampe den Müller-Text aufsagt, feiert, trinkt, isst, plaudert und bedient den Tischgrill in bester Partylaune. Niemand kümmert, was gerade vorgetragen wird. Dittrichs Botschaft? Die Ideale der Revolution sind hohle Phrasen, unwichtig. Eingeblendete Pressenachrichten von Flüchtlingsströmen werden genauso hingenommen wie das Foto von einem an Hunger elend sterbenden afrikanischen Kind. Torsten Borm spuckt gekauten Bananenbrei darauf, das ist Symbolik mit dem Holzhammer.

Mehr und mehr gleitet die Inszenierungen ab in derartige Handlungen, die dann auch noch mit der Webcam begleitet und optisch vervielfältigt werden. Die gleichfalls symbolträchtig ausstaffierten, zum Teil durch Bodypainting vorbereiteten Gestalten verfallen in quälerische Aktionen, stürzen, stolpern, schütten sich Sand über die Köpfe und bluten zu klassischer Musik, damit man versteht: Verrat, Gewalt, der Ausverkauf jeglicher Menschlichkeit stehen im Mittelpunkt dieses Stücks.

Warum aber muss sich dann Simon Rußig noch durch das selbstmörderische Einpacken in Klarsichtfolie in eine extrem gefährliche Situation bringen? Irgendwann ist die Bühne komplett zugemüllt und rutschig. Elke Borkenstein im abgerissenen Prinzessinnenkleid vollführt einen Handstand mit gespreizten Beinen und antwortet damit Müllers drastischer körperliche Sprache. Zum Schluss gehen die Akteure unvermittelt von der Bühne. Das Publikum wird mit diesem Stück allein gelassen. Man kann der Inszenierung zwar ein gewisses Tempo nicht absprechen, aber das ist nicht genug. Andererseits sagt Müller: „Der Sinn muss gefunden werden, der darf nicht verkauft, verpackt oder angeboten werden.“

„Kontrollierter Wahnsinn“

Die meisten Zuschauer verlassen nach den etwa 75 Minuten ratlos aber aufatmend ihre Plätze, haben vom Text kaum etwas verstanden und erahnen im besten Falle die Aussagen. Später werden sie im Programmheft dazu ein bisschen mehr erfahren. „Kontrollierter Wahnsinn“ hat Müller einmal auf die Frage geantwortet, wie er Theater definiert. Na dann... Der Applaus gilt eher den schauspielerischen Leistungen des Ensembles.

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