Saisonauftakt im Theater: Kleine Rebellin kommt groß raus

Von: Jenny Schmetz
Letzte Aktualisierung:
„Ich habe mir den Text durch d
„Ich habe mir den Text durch den Mund, durch den ganzen Körper und wieder raus gewürgt”: Emilia Rosa de Fries steht am Sonntag als Luise in Schillers „Kabale und Liebe” auf der Bühne des Aachener Theaters. Das Probenbild zeigt eine Szene mit Robert Seiler als Ferdinand. Foto: Carl Brunn

Aachen. Gerne schummelt Emilia Rosa de Fries schon mal ein bisschen mit ihrer Körpergröße. Sie kratzt an der 1,65-Marke, wenn sie ein, zwei Zentimeter dazugibt. Warum immer die Kleinste sein? Aber sooo riesig wollte sie nun wirklich nicht werden. Sieben Meter lang ist das Banner, das derzeit zwischen den Säulen des Aachener Theaters flattert.

Darauf: ein Mädel in Schnürstiefeln, Rock und Mieder, die Arme zurückhaltend hinterm Rücken verschränkt und doch ziemlich trotzig dreinblickend.

So schwebt Schauspielerin Rosa Emilia de Fries als Luise zurzeit über den Passanten auf dem Theaterplatz - und macht damit Werbung für den Saisonauftakt mit Schillers Trauerspiel „Kabale und Liebe” am kommenden Sonntag. Als das Banner mit Hilfe eines Krans ausgerollt wurde, da stand sie zufälligerweise mit ihrem Kollegen Robert Seiler, der Luises Geliebten Ferdinand spielt, vor dem Theater. „Guck mal, da bist du”, hat er sie noch gewarnt. „Aber da hat’s mich kurz aus den Schuhen geholt”, erzählt sie. „Und dann wollte ich erst mal weg!”

Drei Stunden Schlag auf Schlag

Andererseits findet die 24-Jährige es schön, dass ihr als Aushängeschild solch ein Vertrauen geschenkt wird. Immerhin kommt sie als Anfängerin ans Aachener Haus. Und die Luise ist ihre erste große Bühnenrolle. „Da kann ich mich echt austoben, aber auch immer wieder verzweifeln”, sagt sie beim Gespräch in einem Aachener Lokal. „Schiller, diese Sprache, dieses Stück, drei Stunden lang kommt - bam, bam, bam - alles Schlag auf Schlag”, sagt sie und schiebt sich eine Gabel Grünkohl in den Mund. Grünkohl mit Mettwurst: „Das ist für mich total Rheinland.”

Im Rheinland, in Düsseldorf, ist Emilia Rosa de Fries aufgewachsen, bei ihrer Mutter, einer Buchhändlerin. Bevor es sie ins Schwabenland zum Schauspielstudium nach Stuttgart zog.

Ihr Vater, früher Soziologe beim Deutschen Gewerkschaftsbund und heute noch in der Linkspartei aktiv, wohnt in Berlin. Dort ist die Tochter dann oft ins Theater gegangen. Vom Vater hat sie wahrscheinlich auch die „tendenziell linke” politische Einstellung. Vielleicht auch das Selbstbewusstsein: „Ich versuche, vor Konflikten nicht zu scheuen”, sagt sie. „Auch, wenn’s manchmal wehtut.”

Auf jeden Fall hat Emilia Rosa de Fries vom Papa ihre Vornamen: Emilia heißt sie nicht etwa nach Lessings „Emilia Galotti”, sondern nach der norditalienischen Region Emilia-Romagna. Ihr Vater ist Italien-Fan. Und Rosa? „Nach Rosa Luxemburg.”

Der Nachname stammt von ihrer Mutter. In Straßburg ist die Suche nach Vorfahren steckengeblieben, aber in Aachen wird sie eh nicht mehr so oft danach gefragt wie in Stuttgart. „Hier heißt ja sogar eine Pommesbude so”, sagt sie, lacht, und nestelt an ihrem knallgelben Sweatshirt, darunter enge Jeans und abgestoßene Turnschuhe.

Kurz zuvor bei der Probe war sie noch das brave Bürgermädchen. Obwohl, richtig brav eigentlich auch nicht. Da hat sie schwer atmend ihr kinnlanges braunes Haar gerauft und dem intriganten Sekretär Wurm - gespielt von Thorsten Hamm - die Stirn geboten. Die 16-jährige Luise ist für die Schauspielerin „keinesfalls ein eingeschüchtertes Mädchen”. „In dieser Szene wird ihr das Kreuz gebrochen”, meint Regisseurin Bernadette Sonnenbichler. Und doch: Bei Emilia Rosa de Fries scheint die kleine Rebellin auf.

Nach der Probe ist sie noch nicht zufrieden. „Wie kann ich Zerbrechlichkeit ohne Leiden darstellen?” Danach sucht sie. „Und ich hoffe, dass die Suche mit der Premiere noch nicht beendet ist.”

Überhaupt: dieses Pathos, dieser hohe Ton. Zitternde Stimme, blutendes Herz, rotgeweinte Augen, Luise-Sätze wie: „Du hast den Feuerbrand in mein junges friedsames Herz geworfen, und er wird nimmer, nimmer gelöscht werden.” Wie kann man das heute spielen, ohne im Kitsch zu versinken? „Gnadenlos dagegen ankämpfen”, findet die Schauspielerin. „Ich habe mir den Text durch den Mund, durch den ganzen Körper und wieder raus gewürgt.” Immer mit dem Anspruch, so lange zu probieren, „bis mich Kalle von nebenan versteht”.

Sie sucht nach Übersetzungen ins Heute, versucht, an der Figur „anzudocken”. Dass der Ständekonflikt des 18. Jahrhunderts heute ohne politische Sprengkraft sei, mag stimmen. Aber die Konflikte des Stücks sind für sie „total heutig”, ohne dass die Inszenierung krampfhaft modern sein müsse. Zwei junge Menschen, die sich lieben, und eine Art Diktatur, die das verhindert. „Das gab es immer, und das wird es immer geben.”

Dennoch könnte diese Tragödie einer absoluten Liebe manchem Zuschauer vielleicht fern sein. „Eine total schlechte Abklatsche von ,Romeo und Julia’”, „sehr langweilig” und „unverständlich” - so lauten Schüler-Kommentare in Internet-Foren. Wie will die Schauspielerin solchen Miesmachern „Kabale und Liebe” - das Wort liegt mit Blick auf den Grünkohl-Rest nahe - „schmackhaft” machen? Emilia Rosa de Fries muss nicht lange überlegen. „Durch mich!”, sagt sie. Die braunen Augen blitzen. Sie lächelt. Und ist plötzlich wieder ganz groß.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert