Aachen - Sagenhafte Kunstsammlung im Suermondt-Ludwig-Museum

Sagenhafte Kunstsammlung im Suermondt-Ludwig-Museum

Von: Eckhard Hoog
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Der Enkel des Landrats Fritz Thomée (1862-1944) aus dem sauerländischen Altena kümmert sich heute um den größten Teil der Kunstsammlung, die der Großvater in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zusammengetragen hat: Werner Marks, hier mit einem bronzenen Kopf von Cäsar aus der Antike. Das Suermondt-Ludwig-Museum präsentiert von Mittwoch bis zum 21. Juni 100 Werke aus der Sammlung. Foto: Harald Krömer

Aachen. Ein geschnitztes Hirschhaupt aus dem 16. Jahrhundert äugt von der Wand, eine maasländische Muttergottes mit Kind von 1500 trägt eine silberne Krone erhaben auf dem Kopf, die Heilige Margarethe aus dem 15. Jahrhundert zupft anmutig an ihrem Gewand, ein von Albrecht Dürer in Kupfer gestochenes Bauernpaar schwingt munter das Tanzbein, aus dem Frechener Bartmannkrug von 1550 mögen so manche Rittersleut‘ ihr Bierchen getrunken haben, und der bronzene antike Cäsarkopf schaut ausgesprochen staatstragend drein.

All das und noch viel mehr gehört zu einer neuen Ausstellung im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum, die es in sich hat: „Sammlerglück“ ist sie treffend überschrieben und präsentiert schier Unglaubliches: „Ein Monument der deutschen Sammlergeschichte“, so nennt sie Kurator Thomas Fusenig.

Bis heute erhalten

„Sammlerglück“ das bezieht sich auf den sauerländischen Landrat Fritz Thomée (1862-1944), der mit dem Eifer eines Schmetterlingsfängers im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Hunderte Gemälde, Skulpturen und Antiquitäten zusammengetragen hat – sozusagen als ein „Peter Ludwig der Gründerzeit“. Das Grandiose: Bis in die Enkelgeneration hinein ist diese Kollektion bis heute noch als einzige bürgerliche Kunstsammlung in Deutschland aus dieser Zeit erhalten geblieben, verteilt auf wenige Familienmitglieder – die Nachkommen von Thomées drei Kindern. Einer der Enkel, Werner Marks, der ein Drittel der ursprünglichen Sammlung von seiner Mutter geerbt hat, kaufte in den letzten 20 Jahren 150 Objekte aus der Verwandtschaft wieder zurück. Jetzt präsentiert er in Zusammenarbeiten mit den Kuratoren Thomas Fusenig und Michael Rief, Kustos der Städtischen Sammlungen, erstmals seit einem Menschenalter 100 ausgewählte Werke aus der Sammlung Marks-Thomée in der Öffentlichkeit. Im Anschluss wandert die Schau weiter ins Bode-Museum Berlin.

Passend und zeitgleich zur Mutter aller weltbedeutenden Kunstmessen, der Tefaf in Maastricht (13. bis 22. März), rückt Museumsdirektor Peter van den Brink sein Haus damit wieder effektvoll ins Blickfeld der massenhaft ins Dreiländereck eintrudelnden internationalen Kunst- und Antiquitätenfreunde.

„Sammlerglück“ – „Sammlerwahn“ wäre auch ein treffender Begriff, um die Leidenschaft dieses Altenaer Landtrats in Worte zu fassen. Thomée selbst sprach von einem „Antiquitätenfimmel“, der ihn dazu brachte, zuerst sein bewohntes Landratsamt und ab 1927 sein buchstäblich neu um die Sammlung herum erbautes Haus mit Objekten von der Antike bis zum 19. Jahrhundert regelrecht vollzustopfen. Selbst den Zweiten Weltkrieg hat das alles unbeschadet überstanden: Die Sammlung mit 900 exquisiten Werken war während dieser Zeit im Keller eingemauert – völlig unbemerkt von amerikanischen Soldaten, die das Haus besetzt hatten. In den fünfziger Jahren wurden sie zuletzt ausgestellt; hervorragende Einzelobjekte gelangten hin und wieder als Leihgaben in internationale Ausstellungen.

Der Enkel, promoviert, ist ein ausgesprochen lockerer Typ, vielleicht Anfang 50 – „Kaufmann“, so viel, mehr nicht, mag er über sich preisgeben, kaugummikauend. Unablässig klingelt sein Handy. – „Jetzt gehe ich mal nicht ran.“ Später rutscht ihm „Banker“ als Profession heraus.

„Ich lebe zu Hause mit dieser Sammlung“, sagt er. In seinem Bungalow, irgendwo im Rheinland, soll sie ihr Domizil haben. „Hundert Werke haben wir für die Ausstellung mitgenommen“, erzählt Thomas Fusenig. „Dass die jetzt weg sind, fällt in dem Haus gar nicht auf.“ Das sagt alles darüber, wie sich der „Antiquitätenfimmel“ des Opas – Marks spricht von „Vernarrtheit in Altertümer“ – über die Generationen hinweg erhalten hat.

„Das ist doch spannender als ein Kriminalroman. Ich erzähle ihnen mal eine Geschichte . . .“ Und dann legt er auch schon los, gestenreich, grenzenlos begeistert. Der Mann ist es offensichtlich gewöhnt, spannend vor Publikum zu sprechen. Das ist die Geschichte: Wie er Cäsars Bronzekopf – die Familie wähnte ihn aus der Zeit der Renaissance – einem Restaurator vom Kölner Museum für Angewandte Kunst zur Untersuchung übergab. Und der zu einem unglaublichen Urteil kam: „Der Kopf stammt aus der Antike.“ Die metallurgische Expertise brachte zusätzlich die Bestätigung: „Der stammt aus der Zeit zwischen dem 1. Jahrhundert vor und dem zweiten Jahrhundert nach Christus.“ Marks: „Das ist der einzige erhaltene Bronzekopf Cäsars aus der Antike auf der ganzen Welt.“ In Florenz soll es einen „Bruder“ geben: „Aber der ist aus Marmor.“

Und so kommt man sich derzeit im Suermondt-Ludwig-Museum vor wie in einer jener fürstlich-barocken Wunderkammern – zauberhaft inszeniert in einer Ausstellungsarchitektur von Uwe Eichholz.

Jedes Stück hat dabei eine ganz besondere Geschichte: Das Bild „Die Geburt Christi mit Stifterin“ von Rogier van der Weyden (1399-1464) zum Beispiel, das auf der rechten Seite bis 1996 noch einen Hirten aufwies. Bis ein Experte im Museum Städel in Frankfurt die Figur in seinem „Sack“ (Marks), der so gar nicht zu den edlen Gewändern der restlichen Herrschaften passte, als Übermalung erkannte und die darunter liegende Malerei, ein Porträt der Stifterin freilegte. „Das war für mich der Kick“, sprüht Werner Marks vor Leidenschaft. „Das war der entscheidende Kick, mich intensiv mit der Sammlung zu befassen.“ Er selbst bezeichnet sich nur als „Aufbewahrer“. „Der Sammler – das war mein Opa.“

Jedes einzelne Stück hat Marks reinigen lassen – der Großvater war passionierter Raucher und hatte seine Schätzchen dermaßen zugequalmt, dass sich eine dicke Patina über die Objekte legte. „Das war auf der anderen Seite auch ein Glück“, sagt der Enkel. „Das wirkte konservierend.“ So ließ er alles „entnikotisieren“, wie er es ausdrückt. Zur Eröffnung erwartet er jetzt die gesamte Verwandtschaft und erhofft sich, dass alle tief beeindruckt sind von der „strahlenden Kraft“ der Werke – und damit überzeugt sind, dass sich alles bei ihm in besten Händen befindet. Gerne würde er weitere Stücke aufkaufen, damit die Sammlung ganz im Sinne des Opas erhalten bleibt, „um sie irgendwann einmal der Öffentlichkeit, einem Museum zu übergeben“, so formuliert er die weiteren Perspektiven.

Bis zum 21. Juni kann sich das Publikum, regional wie international, zunächst einmal ergötzen an einem unglaublichen, bislang nur eingeweihten Kunsthistorikern bekannten Kunstschatz aus mittelalterlicher Skulptur und Malerei, Gemälden aus dem Goldenen Zeitalter der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts, mittelalterlichen Handschriftenilluminationen, Grafiken von Albrecht Dürer, altniederländischer Malerei, Madonnen des italienischen Barocks und und und.

Zwei Engelchen aus dem 16. Jahrhundert erinnern nebenher auch an eine andere nicht ganz unspannende Sammlungsgeschichte: die des Suermondt-Ludwig-Museums selbst. Fritz Thomée, der im Übrigen auch 1906 den Wiederaufbau der Burg Altena starten ließ und auch für deren Ausstattung sorgte, erwarb 1913 einiges, was das Aachener Suermondt-Museum aus seinen Beständen zum Verkauf angeboten hatte: wertvolle Renaissancetüren zum Beispiel, edles Getäfel und eben auch jene zwei wunderhübsche Leuchterengel, die jetzt quasi in ihre Heimat zurückkehren.

Aachen hatte sich damals mit dem Erwerb von 600 Skulpturen, 150 Gemälden und Hunderten Möbelstücken aus der Sammlung des Kölner Bildhauers Richard Moest (1841-1906), auf die der Rang des Hauses bis heute gründet, ein wenig verhoben und brauchte Geld. So wurden andere Teile des Museums veräußert. „Bis in die 50er Jahre wurde um die 350 Werke verkauft“, sagt Thomas Fusenig. Aber das ist wieder eine andere Geschichte...

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