Safranski: „Nicht alles aufs heilige Podest setzen“

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Goethe als „sportive Herausforderung“: Rüdiger Safranski bei seiner Lesung in Aachen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Das Werk habe das Zeug zum „Hausbuch der Gebildeten“, schrieb die „FAZ“, die „Zeit“ lobt, es sei „elegant, also süffig und zugleich präzise“. Tatsächlich: Rüdiger Safranskis „Goethe. Kunstwerk des Lebens“ (Hanser Verlag, 752 Seiten, 27,90 Euro) hat das Zeug zum Standardwerk über den deutschen Nationaldichter.

Der 1945 geborene, vielfach ausgezeichnete Sachbuchautor Safranski gehört zu den hervorragendsten Biografen in Deutschland. So porträtierte er E.T.A. Hoffmann (1984), Arthur Schopenhauer (1988), Martin Heidegger (1994), Friedrich Nietzsche (2000) und Friedrich Schiller (2004) sowie mit der „Romantik“ (2007) gleich eine ganze Epoche. Jetzt also der Weimarer Dichterfürst, dem er sich schon in „Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft“ (2009) genähert hatte.

Am Wochenende stellte Safranski seine Goethe-Biografie bei der Mayerschen Buchhandlung in Aachen vor. Mit unserem Redakteur Hermann-Josef Delonge sprach er zuvor über „Goethe als Zeitgenossen“, dünne Luft auf dem Olymp und die Kraft der Ironie.

 

Herr Safranski, ist über Goethe nicht schon alles gesagt und geschrieben worden? Warum glaubten Sie, noch eine Biografie schreiben zu müssen?

Safranski: Jede Generation kann sich aus ihrer Perspektive mit diesem wirklich großen Genie der deutschen Geistesgeschichte auseinandersetzen. Man fühlt sich herausgefordert; so ist es mir jedenfalls gegangen. Außerdem: Es kann heute nicht mehr darum gehen, noch irgendeine neue Information über Goethe hinzufügen zu müssen. Er ist tatsächlich der Dichter, über den wir am meisten wissen. Mir ging es darum, einen roten Faden zu finden – entlang der Frage, was er aus seinem Leben gemacht hat.

Kann es sein, dass Sie Goethe in Ihren früheren Werken immer umkreist haben, dass Sie quasi an ihn herangerobbt sind?

Safranski: Der Eindruck ist nicht falsch. Ich habe nicht zielstrebig auf ihn hingearbeitet, aber ich habe mich in vielen Büchern intensiv mit dem 18. Jahrhundert beschäftigt, und da spielte Goethe selbstverständlich immer eine Rolle. Aber an einem gewissen Punkt, und der liegt schon länger zurück, war dann für mich klar: Diesen Olymp will ich auch besteigen. Für einen Biografen ist das fast so etwas wie eine sportive Herausforderung.

Wie ist es eigentlich, wenn man so viele Jahre mit Goethe auf dem Olymp verbringt? Wird da die Luft für jemanden, der selbst schreibt, nicht extrem dünn?

Safranski: Wissen Sie, der stärkste Eindruck bei der Arbeit mit Goethe – und ich habe mich ihm ja ausschließlich über die Primärquellen genähert – war, Goethe bei der allmählichen Verfertigung von Goethe zu verfolgen. Da bekommt man ein anderes Verhältnis zu ihm als nur das ehrfürchtige.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Goethe im Laufe der Arbeit mit und an ihm verändert?

Safranski: Es ist jedenfalls realistischer geworden. Ich habe einen Goethe kennengelernt, der einerseits sehr selbstsicher, andererseits auch von allen möglichen Gefahren bedroht war, inneren wie äußeren. Der mit Depressionen und „Lebensekel“, wie er es selbst genannt hat, zu kämpfen hatte. Der sich daraus mit Schreiben, allgemein mit Tätigsein als Therapie befreit hat. Diesen gefährdeten Goethe hat man gewöhnlich ja gar nicht im Visier.

Wer steht Ihnen denn näher: der Dichter oder der Mensch Goethe?

Safranski: Der Goethe, der es fertigbringt, die verschiedenen Seiten zusammenzubringen: den Amtmann und den Dichter, den Realisten und den Träumer. Das ist eine Lebenskönnerschaft, die ich sehr bewundere.

Ist das etwas, was wir von Goethe lernen können?

Safranski: Absolut. Denn jeder steht ja in der Spannung von verschiedenen Neigungen. Zu sehen, wie man diese leben kann, ohne vor die Wand zu fahren, das ist schon sehr ermutigend.

Goethe, und das ist die Grundthese Ihres Buchs, hat das kunstvoll geplant.

Safranski: Soweit man so etwas planen kann. Jedenfalls gab es so um 1780 bei ihm die lichterlohe Einsicht, dass es das eine ist, literarische Werke zu schaffen, dass es aber noch etwas ganz anderes ist, dem Leben selbst eine kohärente Gestalt zu geben, daraus also quasi ein Werk zu machen.

In einem Brief an Lavater schreibt er zu dieser Zeit, er sei bestrebt, die Pyramide seines Daseins „so hoch als möglich in die Luft zu spitzen“.

Safranski: Genau. Und das nimmt er sich dann auch wirklich vor. Es geht ihm dabei gar nicht darum, ein ruhmreiches Leben zu führen, sondern die verschiedenen Neigungen und Fähigkeiten in eine Harmonie zu bringen.

Dazu gehörte auch, und Sie beschreiben das sehr eindrücklich, der Mut zu Zäsuren, der Mut, etwas ganz Neues zu machen – die Flucht nach Weimar gehört dazu, die große Italienreise, aber auch private Brüche.

Safranski: Diese Zäsuren hat er in der Tat ganz bewusst gesetzt. Heute würde man sagen, das waren die Punkte, an denen Goethe sich neu erfunden hat. Er hat sich dabei immer wieder neu seiner selbst vergewissert, mit fast existenziellem Risiko. Das gefällt mir, das liebe ich sogar an ihm.

Dieser Mut, sich selbst immer wieder infrage zu stellen: Auch das können wir von ihm lernen?

Safranski: Natürlich. Wobei wir selbstverständlich keine Rezepte bei ihm suchen dürfen. Aber diese Art und Weise, sein Leben zu führen, dieser Stil: Das beschwingt uns heute noch.

Das ist dann „Goethe, unser Zeitgenosse“, wie Siegfried Unseld geschrieben hat?

Safranski: Da ist er jedenfalls lebendig und kein Standbild.

Gibt es sonst keine Zeitgenossenschaft?

Safranski: Die gibt es wohl. Goethe hat ja mehrere Epochen überstanden. Das beginnt im Rokoko und hört fast in der Moderne, jedenfalls im Industriezeitalter auf. Was er in seinen letzten Jahren über die Beschleunigung des Lebens geschrieben hat, über die Hast und die Unfähigkeit, starke Eindrücke zu konservieren: Da steckt so viel subtile Wahrnehmung der Ambivalenz der Moderne drin. Da merkt man, dass Goethe jemand war, der äußerst wach durch das Leben gegangen ist, der viele Dinge schon früh gespürt hat.

Und seine literarischen Werke? Was sagen die uns heute noch? Anders gefragt: Was sollten wir heute noch von Goethe lesen?

Safranski: Natürlich den „Werther“! Dieses Buch ist so frisch und überhaupt nicht verstaubt, und es berührt uns heute noch zutiefst. Dieser Weltschmerz, diese Sinnlosigkeitsanwandlungen: Da fühlt man sich gut verstanden, gerade als junger Mensch. Nicht umsonst wurde Goethe noch im hohen Alter immer wieder auf den „Werther“ angesprochen – was ihn genervt hat.

Hört sich so an, als wäre der Roman auch Ihr persönlicher Favorit.

Safranski: Jedenfalls steht er auf meiner Liste ganz weit oben. Ich finde allerdings, dass auch die „Wahlverwandtschaften“ ein unglaubliches Buch sind, weil hier das Verhältnis von Natur und Kultur im einzelnen Menschen so gnadenlos analysiert wird. Für mich ist das Goethes tiefstes Werk.

Und wo bleibt der „Faust“?

Safranski: Das ist die Weisheit von Jahrhunderten, die sich darin gesammelt hat, sein Lebenswerk. Bei aller Sperrigkeit und Geduld, die man beim Lesen braucht: ein großes Werk. Und dann natürlich die Gedichte, gerade aus seiner frühen Zeit – mit das Schönste, was die deutsche Lyrik hervorgebracht hat.

Aber nicht alle Werke sind gelungen, Sie decken in Ihrem Buch über einige auch den Mantel des Schweigens.

Safranski: Na klar! Wir dürfen nicht alles von ihm aufs heilige Podest setzen, wie das manche Philologen tun. Sein Werk hatte ein starkes Gefälle.

Herr Safranski, kann man so, wie Sie es tun, auch Bücher schreiben über jemanden, den man nicht mag?

Safranski: Ich kann es jedenfalls nicht. Mindestens Empathie sollte schon dabei sein. Anders ausgedrückt: Ich will mit den Figuren, über die ich schreibe, eine Weile lang gut leben können. Aber natürlich braucht man Abstand. Dafür ist für mich Ironie die entscheidende Voraussetzung – allerdings eine liebevolle Ironie. Die wirkt wie ein Schmiermittel. Wenn man diese Ironie nicht hat, gibt es irgendwann einen Kolbenfresser.

Was kann für Sie als Biograf nach Goethe noch kommen?

Safranski: Darüber rede ich jetzt öffentlich nicht. Nur so viel: In meinem Rhythmus steht jetzt eh ein philosophisches Werk an. Das Thema: die Zeit und was die Moderne mit ihr anstellt.

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