RWTH präsentiert neue Edition von Walther von der Vogelweide

Von: Hermann-Josef Delonge
Letzte Aktualisierung:
5975167.jpg
Eine (Neu-)Entdeckung wert: Walther von der Vogelweide, hier als Brunnenfigur vor den Türmen des Würzburger Doms. Foto: dpa
5974887.jpg
Prof. Thomas Bein mit „seiner“ Walther-Edition. Foto: A. Steindl

Aachen. Es soll ja schon Rektoren der RWTH Aachen gegeben haben, die sich über Minnelyrik als Studieninhalt lustig gemacht haben. Es ist das alte Lied, nicht nur mit alten Liedern: Die exzellente Technische Hochschule tut sich nicht immer leicht mit ihren geisteswissenschaftlichen Abteilungen. Dabei gibt es auch hier bemerkenswerte (Forscher-)Leistungen.

Jüngstes Beispiel: eine neue Ausgabe der Texte Walther von der Vogelweides, des wohl bedeutendsten Dichters mittelalterlicher – Minnelyrik!

Dahinter steht eine Forschergruppe rund um Thomas Bein, Professor im Lehr- und Forschungsgebiet Germanistik/Mediävistik der RWTH. Bein hatte sie eingerichtet, als er 1999 von der Universität Bonn nach Aachen wechselte. Sie hebt die maßgebliche Edition der Werke Walthers, die von dem berühmten Germanisten und Mittelalterforscher Karl Lachmann bereits 1827 begründet und von Beins Bonner Lehrer Christoph Cormeau fortgeführt worden war, auf eine neue Stufe. Und öffnet ganz neue Perspektiven auf den Dichter, der bereits im Mittelalter als „Nachtigall“ verehrt wurde.

Es gibt keine Ur-Ausgabe

Das Grundproblem: Es gibt kein Original und damit auch keine Ur-Ausgabe der Lieder und Gedichte Walthers. Sie existieren vielmehr in verschiedenen Handschriften, die zwischen 1270 und Mitte des 14. Jahrhunderts entstanden sind. Die vier großen Handschriften, auf die sich die Forschung vor allem bezieht, variieren zum Teil beträchtlich: im Bestand und in der Abfolge einzelner Strophen etwa oder im Wortlaut (hier heißt es zum Beispiel „Minne“, dort „Liebe“).

Damit nicht genug: Die germanistische Philologie ist in den vergangenen Jahrhunderten sehr unterschiedlich mit diesen Handschriften umgegangen. Thomas Bein selbst definiert grob zwei Schulen: Die eine ist an einer Rekonstruktion des Textes interessiert, die andere eher an einer Dokumentation. Seine Maxime: „Wir wissen vom Original nichts. Wir können uns nur daran orientieren, was wir haben: die überlieferten Handschriften. Wer daraus ein ,Original‘ konstruieren will, der handelt spekulativ.“ In der Ausgabe der Aachener Arbeitsgruppe stehen deshalb immer da, wo die Unterschiede relevant sind, unterschiedliche Fassungen einzelner Lieder und Gedichte nebeneinander, ganz so, wie die Handschriften sie wiedergeben – ein Novum in der 200-jährigen Editionsgeschichte der Texte Walter von der Vogelweides.

So ist etwa das berühmte „Palästinalied“ in fünf Fassungen zu lesen. Selbst Cormeau, dessen philologische Arbeit mit dieser 15. Auflage fortgesetzt wird, ist nicht so weit gegangen. Der habe, erinnert sich Bein an die Arbeit an der 14. Auflage, nicht selten ein Machtwort gesprochen, wenn man sich mal wieder tagelang mit einer Textvarianz auseinandergesetzt habe. Die „Edition Bein“ macht den nächsten Schritt: Jedem Text ist ein Kommentar beigegeben, der die Bedeutung erschließt und die unterschiedliche handschriftliche Überlieferung dokumentiert. In einem Glossar werden immer wiederkehrende, zentrale Wörter der Dichtung Walthers erläutert. Und fünf Liedern sind sogar Noten oder Notenfragmente beigegeben.

Wer soll das aber lesen? Klar ist: Diese Ausgabe richtet sich in erster Linie an Germanistikstudenten. Sie versteht sich explizit als Alternative zu Ausgaben, die nur eine Textversion bieten, dafür aber die Übersetzung vom Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche mitliefern. So einfach will es Bein den Studenten nicht machen – obwohl auch er aus eigener Erfahrung nur zu gut weiß, wie gedrängt die Studieninhalte in den neuen Bachelor-/Master-Studiengängen vermittelt werden (müssen). „Was früher in drei Vorlesungen Thema war, das müssen wir heute in eine packen“, sagt er.

Doch die grundsätzliche Frage ist eine andere; Bein sieht sich in seiner Arbeit an der Hochschule immer wieder damit konfrontiert – selbst bei Germanistikstudenten. Sie lautet: Warum sollte man sich heute noch mit mittelhochdeutscher, geschweige denn althochdeutscher Literatur auseinandersetzen? Beins theorielastige Antwort: Weil diese Texte zu unserem kulturellen Gedächtnis gehören. Die konkretere Version: Weil wir nur so verstehen können, wie sich die Sprache und Kultur entwickelt haben. Weil wir nur so nachvollziehen können, wie und warum sich die Bedeutung einzelner Begriffe verschoben hat. Weil wir nur so etwas über die höfische Kultur und den Literaturbetrieb im Mittelalter erfahren können, über die damals herrschenden Frauen- und Männerbilder (und ihre Veränderung bis heute), über Gefühle im Wandel der Zeiten (ist „Minne/Liebe“ um 1200 dasselbe wie „Liebe“ im Jahr 2013?).

Das ist nicht nur für Experten oder Studenten interessant, das bietet auch genug spannenden Stoff für die Schule. Doch hier gilt: Obwohl das Mittelalter in Büchern, Filmen und Ausstellungen allgegenwärtig ist, spielt es als Thema im Deutschunterricht eine untergeordnete Rolle. Doch es geht auch anders. So haben Germanisten federführend der Universität Duisburg/Essen vor drei Jahren das Online-Projekt „Mittelneu“ angeschoben, auf das Bein gerne verweist. Das Ziel: Ideen entwickeln, wie sich mittelhochdeutsche Gedichte und Erzählungen auf neue Weise in den Deutschunterricht integrieren lassen (www.uni-due.de/mittelneu).

Dass das funktionieren kann, beweisen die guten Erfahrungen, die Bein selbst bei einem von der Robert-Bosch-Stiftung geförderten Projekt im Jahr 2006 in Schulen der Region gesammelt hat. Damals ging es zwar um das Generalthema „Wissenstransfer im Deutschunterricht“, Gegenstand waren aber auch mittelalterliche Sachtexte und die Frage, wie man sie im Unterricht vermitteln kann. Die Begeisterung der Schüler, erinnert sich der Aachener Germanist, habe ihm Hoffnung gemacht. Sie hätte wohl auch den spöttischen RWTH-Rektor eines Besseren belehrt.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert