Köln - Russische Avantgarde: Schatz der Ludwigs wird gehoben

Russische Avantgarde: Schatz der Ludwigs wird gehoben

Von: Susanne Schramm
Letzte Aktualisierung:
russischbild
Um 1913/14 kam dieses Bild einer malerischen Revolution gleich: „Sitzender weiblichen Akt” von Ljubow Sergejewna Popowa - zu sehen bis zum 3. Januar in der Ausstellung „Russische Avantgarde, Teil 1” im Kölner Museum Ludwig.

Köln. Im Sitzen hat sie dem Betrachter ihr Profil zugewandt. Sie ist nackt. Ihr rechter Arm ist angewinkelt und mehrfach abgeschrägt. Der linke zeigt, leicht versetzt, nach hinten, die Hand sucht Halt am Untergrund. Die nicht parallel angeordneten Füße scheinen sich in den Boden zu krallen.

Um 1913/14 schuf Ljubow Sergejewna Popowa ihren „Sitzenden weiblichen Akt” in Braun- und Gelbtönen auf grauem und grünem Untergrund. Was wirkt wie ein Vexierbild aus Halbkreisen, Ecken und Rollen, aus Fleisch, Form und Leinwand, ist bis heute revolutionär, denn es sprengt die Grenzen des Auges beim Betrachten.

Wo fängt der Untergrund an, und wo hört die Oberfläche auf? Wer durchdingt wen? Was ist wirklich, und was bloß Illusion. Popowas Meisterwerk der zersplitterten Tiefe in ihrer geballten vexierenden Gewalt ist eines der Glanzstücke, die ab heute im Museum Ludwig zu sehen sind.

Die Ausstellung „Eine Ohrfeige dem guten Geschmack” - Der Kubofuturismus und der Aufbruch der Moderne in Russland” ist ein überaus ehrenwertes Projekt.

„Wir wollen einen Schatz, der hier im Museum Ludwig liegt, sukzessive aufarbeiten”, sagt Museumsdirektor Kasper König. Dieser „Schatz” besteht aus 800 Werken der „Russischen Avantgarde”, die das Haus betreut, und die, in dieser Dimension, eine der größten Sammlungen darstellt, die weltweit existieren: „Vieles davon ist überhaupt noch nicht gezeigt worden.”

Ziel, so König, sei, das beeindruckende Konvolut, „mit großem Atem auch wissenschaftlich zu bearbeiten.”

Vieles noch nie gezeigt

Permanente Räume im ersten Stock sollen dazu dienen, in den kommenden Jahren immer wieder andere Aspekte der „Russischen Avantgarde” vorzustellen. „Wer immer ans Museum Ludwig denkt, der denkt spontan eher an Picasso oder an Pop Art. Kaum einer weiß, dass wir hier die Werke von 70 Künstlern der Russischen Avantgarde haben, die alles vom Bild bis zur angewandten Kunst abdecken - von 1905 bis zum Ende der 30er Jahre”, ergänzt die stellvertretende Direktorin Katja Baudin.

Ein Teil der Werke stamme noch aus der Sammlung Haubrich, aber der Löwenanteil sei dem Ehepaar Ludwig zu verdanken: „Damals waren sie die einzigen in Westeuropa, die sich für diese Kunst so speziell eingesetzt haben, und fast die einzigen, die so eine Sammlung aufgebaut haben.”

Die neue Projektreihe sei ganz bewusst als „Work-In-Progress” konzipiert. „Wir wollen eine Drehscheibe sein, die immer neue Facetten, Verbindungen und Zusammenhänge präsentiert und Besucher an einzelnen Entwicklungen unserer Untersuchungen teilnehmen lässt”, fasst König zusammen.

Den Anfang machen 37 Werke von 23 Künstlern, die den Austausch Russlands mit Frankreich und Italien vor 1914 dokumentieren, und die dem sogenannten „Kubo-Futurismus” (eine Stilrichtung, die Elemente von Kubismus und Futurismus verschmolz und die reine Abstraktion vorwegnahm) zuzuordnen sind oder weiter generierten.

Vielfältige Positionen

Dazu gehören neben Popova und Alexandra Exter auch Michail Larinow und Natalia Gontscharowa, deren Bilder Licht in Form von schrägen Strahlen einsetzen. Schon diese erste Auswahl zeigt, wie vielfältig die Positionen der „Russischen Avantgarde” sind, wie zum Teil widersprüchlich oder gegensätzlich.

Als zweiter Teil folgt, ab Februar 2010, eine Schau über Kasimir Malewitsch und sein Umfeld. Teil der Forschungsreihe werden auch ein Veranstaltungsprogramm und Projekte mit zeitgenössischen Künstlern sein. Wer wissen will, welchem Zitat Teil eins seinen Titel verdankt, kann das im Begleiter zur Ausstellung nachlesen, ein Flyer gibt Auskunft über das gesamte Projekt, und Tafeln erläutern die Entstehungsgeschichte der Werke.

Eine Familienkarte kostet 18 Euro, Schulklassen können sparen

Ausstellungsreihe zur „Russischen Avantgarde”, Teil 1: „Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack: Der Kubofuturismus und der Aufbruch der Moderne in Russland”. Ab Dienstag bis 3. Januar 2010. Museum Ludwig, Köln, Heinrich-Böll-Platz, 0221/221-26165, http://www.museum-ludwig.de .

Geöffnet: Di.-So. 10-18 Uhr, jeden 1. Do. im Monat: 10-22 Uhr, Mo. geschlossen.

Eintritt (gültig für die Sammlung und für alle Sonderaustellungen): 9 Euro, ermäßigt 6 Euro, Familien: 18 Euro, Gruppen (ab 20 Pers.): 6,50 Euro, Klassen (pro Schüler): drei Euro . Am 1. Do. im Monat ab 17 Uhr ermäßigter Eintritt um 50 Prozent (4,50).

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert