Ruhrtriennale: Wenn ehemalige Zechen zum Schauplatz werden

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Spektakuläre Aufführungsorte für Musiktheater, Schauspiel, Konzerte oder Tanz: Industriedenkmäler des Ruhrgebiets wie die Jahrhunderthalle Bochum... Foto: Matthias Baus
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... die Gebläsehalle... Foto: Matthias Baus
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... und die Gießhalle im Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Julian Roeder
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Von den Münchner Kammerspielen zurück ins Ruhrgebiet: Der renommierte niederländische Theatermacher Johan Simons leitet die Ruhrtriennale von 2015 bis 2017. Foto: Harald Krömer

Aachen. Er will die Besucher der Ruhrtriennale zu Schnaps und Gesprächen in „Johans Saloon“ einladen, in Problemviertel gehen, um neue Zuschauer zu werben, und eine Arbeitslosengeschichte im Kohlenstaub einer alten Industriehalle inszenieren.

Mit Johan Simons als Chef könnte das Kulturfestival etwas bodenständiger werden als zuletzt unter Heiner Goebbels. Der bullige Niederländer mit dem kehligen Lachen, noch Intendant der Münchner Kammerspiele, wird die Ruhrtriennale die nächsten drei Jahre leiten. Im Aachener Theater präsentierte der 68-Jährige das Programm seiner ersten Saison und erzählte im Gespräch mit unserer Redakteurin Jenny Schmetz, warum er sich im Ruhrgebiet wie zu Hause fühlt.

Ihren Vertrag als Intendant der Münchner Kammerspiele haben Sie nicht verlängert. Aus Heimweh, wie Sie sagen. Was ist für Sie Heimat?

Johan Simons: Meine Heimat ist Holland. Mein Haus steht in Varik, einem Dorf zwischen Nijmegen, Arnheim und Utrecht. Das ist nicht so weit weg vom Ruhrgebiet, ich kenne es sehr gut. Die Menschen in diesen Grenzgebieten, der Austausch über die Grenzen hinweg, das liegt mir mehr als das Leben in München. Aber ich will nicht über München schimpfen, ich hatte dort eine gute Zeit!

Aber jetzt sind Sie näher bei Ihrer Familie.

Simons: Ja, nur zweimal, höchstens dreimal im Monat meine Frau und meine Kinder zu sehen, das war für mich einfach unerträglich.

Die Ruhrtriennale zu leiten, ist für Sie auch „wie ein Nach-Hause-Kommen“. Warum?

Simons: Ich bin in der Welt unterwegs gewesen, und jetzt bin ich wieder da, wo ich meine Theatersprache entwickelt habe. Bei der Ruhrtriennale habe ich unter den Intendanten Gerard Mortier und Jürgen Flimm bereits neun Mal inszeniert.

Sie kehren auch zurück zu den Wurzeln Ihrer Arbeit mit der freien Gruppe Hollandia: Schon in den 80er Jahren habe Sie Theater an ungewöhnlichen Orten gemacht, in Scheunen oder Fabriken. Jetzt sind es ehemalige Zechen und Industriehallen des Ruhrgebiets.

Simons: Hollandia war der Erfinder dieser Art von Theater, lange bevor die Ruhrtriennale 2002 damit begonnen hat. Ich wollte nicht in der Stadt, sondern auf dem Land Theater machen, außerhalb der festen Häuser, an realen Orten, bei Tageslicht, ohne Vorhänge und Abdunkelung. Denn mein Antrieb war und ist: Ich will Theater für Leute machen, die eigentlich nie ins Theater gehen.

Ist Ihnen das jemals gelungen?

Simons: Nein, niemals. Aber ich versuche es weiter! Das ist eigentlich eine Utopie, aber für einen Künstler ist es wichtig, in einer Utopie zu leben.

Wie versuchen Sie – getreu Ihrem Motto „Seid umschlungen“ –, Barrieren für Zuschauer abzubauen?

Simons: Ich habe zum Beispiel neue Orte gesucht. In Dinslaken bin ich fündig geworden: Dort werde ich in der ehemaligen Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg Pasolinis „Accattone“ inszenieren, ein Stück, bei dem das Thema Arbeit eine zentrale Rolle spielt. Ich möchte versuchen, auch Menschen aus dem Stadtteil Lohberg einzuladen, einem Viertel, das unter hoher Arbeitslosigkeit leidet. Wenn 15 Anwohner kämen, wäre ich schon zufrieden.

Kohlenmischhalle, das hört sich staubig an.

Simons: Wenn man auf den Boden stampft, wirbelt noch ein bisschen Staub auf. Aber das ist wunderbar, wie eine Wüste. Da ist kein Bühnenbild, da ist die Realität! Die Halle ist 210 Meter lang und 65 Meter breit, da wirkt jeder Mensch winzig – wie im Universum.

Ist der Auftakt mit „Accattone“, einer Geschichte über Arbeitslosigkeit und Armut, programmatisch zu verstehen, auch als Geschichte des Ruhrgebiets?

Simons: Ach, das ist doch überall Thema! Es geht mir darum, dass wir anders über Arbeit nachdenken. „Accattone“ ist die Leidensgeschichte eines Taugenichts, die mit Bach-Kantaten gemixt wird. Aber darin ist der Arbeitslose der Höchste in der Hierarchie. Wenn jemand zur Arbeit geht, fragen die anderen: Ist das sinnvoll? Man muss seine Identität also nicht immer durch Arbeit begründen. Es gibt auch andere Werte im Leben!

Das sagt ein Workaholic wie Sie?

Simons: Ich habe eine schöne Arbeit! Aber es gibt leider viele Menschen, die nicht so viel Glück haben.

Auch mit 68 Jahren haben Sie also noch große Lust, Theater zu machen. Wie bringen Sie diese Energie auf?

Simons: Ich habe ja auch spät angefangen. Mit 30 Jahren hatte ich erst meine Ausbildung als Tänzer und Schauspieler abgeschlossen, und in beiden Berufen war ich nicht gerade spitze. Schauspieler war für mich ein Angstberuf, ich hatte immer Angst, meinen Text zu vergessen. Regisseur ist da schon besser, da hat man das Sagen. (lacht) Und Intendant ist noch besser. Ich schätze zwar die Arbeit im Kollektiv, aber eigentlich bin ich sehr gerne Boss!

Und da haben Sie noch was nachzuholen?

Simons: Ja, ich muss nicht immer selbst die Sterne vom Himmel pflücken, ich habe auch den Auftrag, Menschen zu finden, die das können, und sie zusammenzuführen. Dafür nutze ich mein sehr großes Netzwerk. Schauen Sie sich mein Team an: Das sind alles sehr junge Leute zwischen 25 und 40 Jahren. Ich fühle mich also auch verantwortlich für den Theaternachwuchs. Das war schon das Anliegen des Ruhrtriennale-Gründers Gerard Mortier.

Ihr Vorgänger Heiner Goebbels hat sich Vorwürfe anhören müssen, sein Programm sei zu kompliziert, zu avantgardistisch, zu elitär, zu verkopft. Das wird bei Ihnen anders?

Simons: Ich habe mich nicht mit meinem Vorgänger beschäftigt. Mein Festival ist vielmehr eine Ode an Gerard Mortier, der vor einem Jahr gestorben ist. Er war nicht nur mein Freund, sondern der beste Intendant, den ich kenne. Mein Ruhrtriennale-Programm hat eine große Breite vom Popkonzert über das Schauspiel bis zum Musiktheater. Es ist eher bodenständig, wir versuchen, große Geschichten von Wagner, Zola oder Proust zu erzählen. Denn in einer Krisen-Zeit, in der ich so wenig Zusammenhang erfahre, ist es für mich als Künstler notwendig, wieder Geschichten zu erzählen.

Sie haben in ganz Europa Theater gemacht. Wie sieht für Sie ein ideales europäisches Theater aus?

Simons: Mit der Ruhrtriennale kommen wir diesem Ideal schon sehr nahe. Sie ist ein Festival mit Künstlern aus ganz Europa. Schon an den Münchner Kammerspielen habe ich das Prinzip der Internationalität beherzigt: Da stehen Deutsche, Belgier, Niederländer oder Esten gemeinsam auf der Bühne. Sie sprechen ganz verschiedene Sprachen und halten dennoch zusammen. So gut, dass die Zuschauer denken: Wow, bin ich froh, dass ich in Europa lebe mit diesen unterschiedlichen Kulturen!

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