Rotwein aus dem Wasserglas: Günter Grass stellt sein Tagebuch vor

Von: Philipp Seibt, dpa
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Sein SS-Eingeständnis gehörte zu den Medienereignissen des auslaufenden Jahres, die besonders hohe Wellen geschlagen haben: Schriftsteller Günter Grass. Im Rückblick erscheinen mehrere Motive plausibel, weshalb er so lange geschwiegen und sich jetzt offenbart hat. Foto: dpa

Göttingen. Das Glas Bordeaux steht bedrohlich schief auf dem Rednerpult von Günter Grass. Der Autor ignoriert die Schieflage mit einem fröhlichen Lächeln, doch das Publikum ahnt schon, was passieren muss. Ein Aufschrei geht durch den Saal und der Rotwein ergießt sich über das Manuskript und beinahe auch über den Autor selbst.

Nur mit einem beherzten Sprung nach hinten kann sich der Schriftsteller vor Rotweinflecken schützen. Die Zuhörer starren entsetzt auf die Bühne, doch der 81 Jahre alte Grass lässt sich nicht beirren, schüttet sich - diesmal in ein Wasserglas - einen neuen Schluck Wein ein und bemerkt trocken: „Ein etwas feuchter Anfang.”

Grass stellt an diesem Abend an der Universität Göttingen sein neues Buch „Unterwegs von Deutschland nach Deutschland” vor. Darin hat der Literatur-Nobelpreisträger seine Tagebuch-Aufzeichnungen aus der Zeit nach dem Mauerfall veröffentlicht.

Er gibt den Zuhörern die Möglichkeit, die Welt zwischen Januar 1990 und Februar 1991 mit seinen Augen zu sehen. Grass war in dieser Zeit mehrmals in die DDR gereist, um „die Veränderung nach der großen politischen Veränderung im Auge zu behalten”, wie er schreibt.

Mit seiner Lesung am Freitagabend ist Grass einer Einladung der Studierendenvertretung der Universität Göttingen gefolgt, entsprechend viele Studenten sitzen im Publikum. Obwohl viele die Wiedervereinigung nur als Kindergartenkinder oder Grundschüler miterlebt haben, ist das Interesse an Grass Gedanken so groß, dass selbst der größte Hörsaal nicht genügend Sitzplätze bietet. Grass trägt auch bei diesem Auftritt seinen braunen Anzug, dazu ein gestreiftes Hemd, braune Schuhe und seine Brille. Er sieht aus wie immer.

Die Lesung ist ihm wichtig, doch noch wichtiger scheint ihm die anschließende Diskussion zu sein. Die deutsche Wiedervereinigung sei eine „Einheit auf Pump” gewesen, schimpft Grass. Als größten Fehler sieht er die schnelle Einführung der D-Mark in der DDR. Grass schlägt auch den Bogen in die heutige Zeit. Seiner Meinung nach wird das Grundgesetz immer weiter ausgehöhlt und das sei „schlimmer als Terrorismus von außen”. Die Studenten forderte er auf, sich stärker einzumischen: „Ihr müsst aufstehen und das Maul aufmachen - das sagt euch ein 81-Jähriger.” Er selbst wolle versuchen, mit der Veröffentlichung seines Tagebuchs den Politikern „in die Einheitssuppe zu spucken”.

Kurz nach dem Mauerfall hat Günter Grass angefangen, Tagebuch zu führen. Seitdem hat er nicht aufgehört. Ob er jedoch weitere Tagebücher veröffentlicht, steht noch nicht fest.

Günter Grass: Unterwegs von Deutschland nach Deutschland, Tagebuch 1990, Steidl Verlag, Göttingen, 2009, 256 Seiten mit 20 Zeichnungen, 20 Euro.
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