Aachen - Roman über Luther: Auf der Suche nach dem gnädigen Gott

Roman über Luther: Auf der Suche nach dem gnädigen Gott

Von: Joachim Zinsen
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Feridun Zaimoglu: „Ich schätze Luther, weil er nicht einfach drauflos leben wollte.“ Foto: imago

Aachen. Scharfsinniger Intellektueller, bunter Vogel, Magier der Sprache: Feridun Zaimoglu ist einer der spannendsten und kreativsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. In seinem neuen „teutschen“ Roman „Evangelio“ beschäftigt sich der 52-Jährige, der als kleines Kind mit seinen Eltern aus der Türkei in die Bundesrepublik kam und seit Jahrzehnten in Kiel lebt, mit einer deutschen Nationalikone, dem Reformator Martin Luther. Ein Gespräch mit Zaimoglu über Gott und die Welt.

Herr Zaimoglu, was fasziniert Sie an Martin Luther?

Zaimoglu: Luther war ein Mensch, der auch heute leben könnte. Nicht weil er innerlich „zerrissen“ war. Dieses Schnapswort unserer Tage mag ich nicht. Nein, ich schätze ihn, weil er nicht einfach drauflos leben wollte, weil er bußfertig und die ganze Zeit auf der Suche nach dem gnädigen Gott war. Gleichzeitig schätze ich ihn als mutigen Mann, der für seine Vorstellungen den Kopf hinhielt. Er hat für seine Sache gestritten, dabei viel Geschirr zerschlagen, heftig mit sich selbst gerungen, um erst nach vielen, vielen Jahren der Zerknirschung und der Entrückung zu einer großen Klarheit zu finden. Und dann schätze ich Luther natürlich als wortgewaltigen, sprachmächtigen Deutschen.

Suchen Sie auch nach dem gnädigen Gott? Haben Sie sich deshalb so intensiv mit Luther beschäftigt?

Zaimoglu: Ich brauche ihn nicht zu suchen, ich habe ihn bereits gefunden. Dieser Gott ist ein schöner Gott, gepriesen sei seine Schönheit. Er kann nichts für die Hässlichkeiten, die säuische Menschen verbrechen. Der Teufel ist so klug zu wissen, dass er nicht mächtiger ist als der Allmächtige. Der Teufel verspricht den Menschen deshalb Freiheiten. Doch viele Menschen verstricken sich darin und überhöhen sich.

Was macht Ihren Gott denn zu einem Gnädigen?

Zaimoglu: Er verzeiht den Menschen alles. Nur eines nicht: wenn sie sich über andere Menschen erheben und wenn sie in ihnen nur Zahlen und Ziffern sehen. Ohne Menschenliebe gibt es keine Gottesliebe. Dieser Grundgedanke zieht sich durch alle Religionen und ist solch eine Binsenweisheit, dass ich mich fast schäme, sie auszusprechen.

In Ihrem Roman konzentrieren Sie sich auf Luthers Gefangenschaft in der Wartburg und beschäftigen sich viel mit seinen dunklen Seiten. Er hasst Juden, er verflucht permanent den Papst, er verachtet die aufständischen Bauern, er hat eine Hexenphobie. Verstehen Sie Ihr Buch als ein Korrektiv zum Luther-Hype anlässlich des Reformationsjubiläums?

Zaimoglu: Nein, das wäre vermessen. Ich habe mich auf Luthers Wartburg-Aufenthalt konzentriert, weil ich gerne dort bin, wo es gärt. Luther war zu dieser Zeit ohne Macht, aber nicht ohnmächtig. Das Jahr auf der Feste ist in meinen Augen das entscheidende seines Lebens gewesen und war viel wichtiger als sein Anschlag der 95 Thesen. Denn seien wir ehrlich: Luther ist aus den ganzen religiösen Scharmützeln, dem Dreck und der Lautheit seiner Zeit nur heil herausgekommen, weil er auf der Wartburg ein glänzendes Werk vollbrachte – nämlich die Übersetzung der Bibel, seine „Biblia Teutsch“. Sie wurde zu seiner schärfsten Waf- fe.

An anderer Stelle haben Sie einmal erwähnt, dass Sie die Luther-Bibel erstmals im Alter von zwölf Jahren gelesen haben. Wie kommt ein muslimischer Junge, der erst wenige Jahre in Deutschland lebt, auf diese Idee?

Zaimoglu: Zwei Frauen – meine Grundschullehrerin und eine Bibliothekarin – haben mich an Bücher herangeführt. Durch Zufall bin ich dann auf diese dicke, mächtige Schwarte gestoßen. Ich habe sie aufgeschlagen, nichts verstanden, und trotzdem war es um mich geschehen. Diese Worte, diese Sprache! Sie waren so anders als der Arbeiter-Jargon, der in dem Viertel gesprochen wurde, in dem ich mit meinen Eltern und meiner Schwester gelebt habe. Ich habe die „Biblia Teutsch“ später bestimmt ein Dutzend Mal gelesen, bis ich sie nach Jahren endlich einigermaßen verstanden habe. Durch sie bin ich dazu gekommen, mich mit dem Christentum, aber auch mit dem jüdischen Talmud zu beschäftigen.

Sie haben Ihren Roman in einer Kunstsprache geschrieben, die an die Sprache aus der Zeit Luthers angelehnt zu sein scheint. Das verlangt dem Leser einiges ab, versperrt sicherlich auch vielen den Zugang zum Buch.

Zaimoglu: Dessen bin ich mir bewusst.

Warum haben Sie trotzdem diese Sprache gewählt?

Zaimoglu: Es wäre für mich entschieden falsch gewesen, meinen Roman über Luther in einem heutigen Deutsch zu verfassen. Es gibt ja bereits solche Versuche: Sie sind alle so behäbig, so historisierend … falsch, falsch, falsch! Natürlich hat es lange gedauert, bis ich den Roman in dreieinhalb Monaten wie in einem Fieberwahn so schreiben konnte. Aber Luther ist als aufbrausender Gottesmann nur aus dem Glutkern seiner Frömmigkeit zu verstehen. Dieser Glutkern steckt in Worten und Begriffen der Theologie, die uns heute nicht mehr vertraut sind. Ich aber wollte rein in die Tiefe dieses Glaubens und Denkens. Das ging nur über die Sprache.

Bisher beschäftigten sich Ihre Romane meist mit Personen, die einen deutsch-türkischen Hintergrund hatten. Mit Luther ist jetzt eine alte deutsche Nationalikone eine zentrale Figur. Ist das auch ein persönliches Statement? Wollen Sie sich damit vom Klischee lösen, in erster Linie literarisches Sprachrohr der Deutsch-Türken zu sein?

Zaimoglu: Das war ich nie, es wurde mir immer nur angedichtet. Ich bin ein Schriftsteller in der Stube. Durch meine Bücher zieht sich ein anderer roter Faden. Mir geht es immer um die Sprache. Mir geht es in meinen Büchern immer um die Armen und Beladenen, um jene, die nicht sichtbar sind.

Aber auch als Schriftsteller landet man schnell in einer Schublade.

Zaimoglu: Ja, das ist häufig so. In meinem Fall habe ich sogar selbst dazu beigetragen. Ich bin häufig in Fernseh-Talkshows eingeladen worden, wenn dort über Deutsch-Türken geredet werden sollte. Es lag an mir und nicht an den anderen, dass ich in meinen ersten Jahren als Schriftsteller – unerfahren im Literatur- und Medienbetrieb, aber auch altmodisch zur Höflichkeit erzogen – diese Einladungen immer angenommen habe. Bis ich begriffen habe, dass es keineswegs unhöflich ist, auch einmal Nein zu sagen. Mittlerweile glaube ich aber, dass in mir nicht mehr vornehmlich ein deutsch-türkischer Erklärer gesehen wird.

Es nervt Sie also nicht, immer wieder mit Fragen konfrontiert zu werden wie: Nun erklären Sie uns doch endlich einmal, warum viele Deutsch-Türken auf den türkischen Präsidenten Erdogan abfahren?

Zaimoglu: Nein. Das ist eine ganz normale Frage von besorgten Menschen. Für sie ist das Verhalten einiger Deutsch-Türken ein Schlag ins Gesicht.

Wie beantworten Sie deren Fragen?

Zaimoglu: Auch mir ist es ein Rätsel, warum 440 000 Türkisch- und Kurdischstämmige, die in Deutschland aufgewachsen sind, auf die Idee kommen, hier von der Freiheit zu profitieren und für die Unfreiheit in der Türkei zu votieren. Ich kann es mir nur so erklären: Es handelt sich um Menschen, die in Städten leben, bei denen die Verstädterung aber nicht geklappt hat und die sich deshalb jetzt wieder auf Sippe und Sitte zurückziehen. Doch eigentlich hat ihr Alltag mit diesen Partikeln der Tradition nichts zu tun.

Hat sich das Verhältnis zwischen Deutschen und Deutsch-Türken in jüngster Zeit verschlechtert?

Zaimoglu: Es geht ein Riss durch die deutsche Gesellschaft, der auch bei ihrem türkisch- und kurdischstämmigen Teil zu beobachten ist. Wir haben die Anhänger der AfD, und wir haben Erdogan-Fans. Brüllend melden sich Leute zu Wort, die sonst nichts zu melden haben, trommeln sich auf die Brust und schwenken Fähnchen. Meine große Hoffnung besteht darin, dass diese Menschen ihre völkische Fratze erkennen und dass die ganzen emotionalen Empörungsrituale und plumpen Parteinahmen enden. Aber ich befürchte, das wird Jahre dauern. Ich würde allerdings noch nicht von einer tiefen Spaltung der deutschen Gesellschaft sprechen. Dafür gibt es hier zu viele Menschen mit gesundem Menschenverstand.

Haben Sie auch persönlich feststellen müssen, dass Ihnen Hass entgegenschlägt, weil Sie Muslim sind, weil Sie türkische Wurzeln haben?

Zaimoglu: Natürlich. Aber ich bin fast jeden Tag gut gelaunt. Was soll ich mich an all dem Hass aufhalten? Was soll ich ernsthaft darüber reden und mich vielleicht sogar aufregen? Blödsinn! Er interessiert mich nicht, prallt an mir ab, weil Hass mit meinem Alltag nichts zu tun hat.

Andere deutsch-türkische Autoren, unter anderem Deniz Yücel oder Mely Kiyak, sind unter dem Titel „Hate Poetry“ im vergangenen Jahr bundesweit aufgetreten und haben aus rassistischen Briefen oder E-Mails vorgelesen, die sie erhalten hatten. Sie haben diese ganzen absurden Gedanken und kruden Formulierungen auf die Bühne gebracht. Können Sie Hass einfach weglachen?

Zaimoglu: Ja!

Feridun Zaimoglu: „Evangelio – Ein Luther-Roman“, Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten; Preis: 18,99 Euro

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