Roger Ballens Bilder lassen niemanden kalt

Von: Marco Rose
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Roger Ballen eröffnet seine Ausstellung im Kuk Monschau am 11. Mai. Foto: imago/Kommersant
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Porträt aus dem Buch „Platteland“: Diese Bilder zerstörten die Illusion von weißer Überlegenheit in Südafrika. Foto: Roger Ballen

Monschau. Roger Ballens Bilder lassen niemanden kalt. Das war zu Beginn seiner Karriere nicht anders als heute. In den 90er Jahren bereiste der gebürtige New Yorker seine Wahlheimat Südafrika und porträtierte dabei vornehmlich die Armen und Ausgestoßenen.

Noch heute pflegt er Kontakt zu diesen Menschen, die ein Teil seiner zunehmend absurden Bilderwelt geworden sind. „Manchmal fühle ich mich in unseren westlichen Wohlstands- und Konsumwelten wesentlich fremder und unwohler“, sagt der Starfotograf im Interview mit unserer Zeitung.

Herr Ballen, viele Betrachter empfinden Ihre Kunstwerke als verstörend und zutiefst beunruhigend. Ihre Bilder entführen uns in eine Welt voller Dunkelheit – eine Welt, die wir kaum verstehen können. Wollen Sie uns Angst machen?

Ballen: Ich habe meine Fotos immer für mich selbst gemacht, aus für mich existenziellen Gründen – nicht für ein Publikum. Ich hoffe, dass meine Bilder den Menschen helfen, jene Seiten von sich zu verstehen, die sie fürchten und unterdrücken. Für mich gilt: „Das Licht kommt aus der Dunkelheit.“

Wo finden Sie die Orte, die Außenseiter, die Ihre Fotos prägen? Und wie gelingt es Ihnen, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen?

Ballen: Ich habe immer an Orten gearbeitet, wo sogenannte Außenseiter leben. Es ist schwer zu beschreiben, wie ich dabei vorgehe. Es gibt keine Formel dafür, wie man sich das Vertrauen von Menschen erarbeiten kann. Diese Orte sind von ihrer Natur her gewalttätig und instabil. Für mich ist entscheidend, dass die Beziehung, die ich mit den Menschen dort pflege, von beiderseitigem Nutzen ist.

Ihre Arbeit hat aber nicht viel mit der üblichen, oft romantisierenden Sozial-Dokumentation zu tun. Ist das vielleicht ein Grund dafür, warum Ihnen Kritiker vorwerfen, diese oft armen Menschen schlicht auszubeuten?

Ballen: Diejenigen, die mich der Ausbeutung beschuldigen, haben überhaupt keine Ahnung von der Entstehungsweise meiner Fotos, von meiner Beziehung zu diesen Menschen und ihrem Umfeld. Solche Anschuldigungen kommen in der Regel von Leuten, die mit ihrer eigenen Identität nicht klarkommen. Wichtig ist mir, dass ich selbst mit mir im Reinen bin und ich mit meiner Arbeit im Laufe der Jahre leben kann. Und dass ich ehrlich fühle, dass die Vorteile, die meine Protagonisten aus unserer Zusammenarbeit ziehen, bei weitem die negativen Aspekte überwiegen.

Ihr Buch „Platteland“ hat den Mythos weißer Überlegenheit in Südafrika endgültig gebrochen. Diese weltbekannten Werke, von denen einige auch in Monschau zu sehen sein werden, zeigen Weiße am absoluten Rand der Gesellschaft. Hat dieses Buch eigentlich die Selbstwahrnehmung der Südafrikaner beeinflusst?

Ballen: „Platteland“ wurde 1994 veröffentlicht, als die erste auch von Schwarzen frei gewählte Regierung an die Macht kam. Die Veröffentlichung war damals äußerst umstritten und machte meine Arbeit international schlagartig bekannt. So beschloss ich nicht zuletzt wegen der gewachsenen Aufmerksamkeit, mehr Zeit für meine Fotografie zu investieren. Zu dieser Zeit arbeitete ich noch als Geologe. Tatsächlich offenbarte mein Buch eine Schicht von armen Weißen, die die Apartheid-Regierung bis dahin bewusst vor der Öffentlichkeit versteckt hatte. Die meisten Menschen nahmen die weiße Bevölkerung sonst als gut organisiert, als militärisch und finanziell erfolgreich und überlegen wahr. Die Serie von Fotografien, die ich aufgenommen hatte, zerstörte diese Illusion.

Sie wurden in New York geboren, leben aber seit Jahrzehnten in Südafrika. Was fasziniert Sie an diesem Land? Sind es die Menschen? Die Natur? Die Brüche in der Gesellschaft?

Ballen: Ich lebe seit 1982 dauerhaft in Südafrika. Ich empfinde das Land als extrem interessant hinsichtlich seiner Kultur und seiner kulturellen Abgründe. Innerhalb kurzer Distanzen kann man außerdem Orte erreichen, die einerseits westlich, andererseits afrikanisch geprägt sind.

Vom klassischen Porträt haben Sie sich inzwischen allerdings mehr oder weniger weit entfernt.

Ballen: Ja, seit 2003 hat sich die Natur meiner Ästhetik wesentlich geändert. Ich glaube, meine Vision ist einzigartig – sowohl in Form als auch Inhalt.

In Ihrem neuen Buch „Asylum of the Birds“ vermischen sich Fotografien, Zeichnungen und Bilder zu einer tatsächlich einzigartigen Kunstform. Können Sie erklären, welche Rolle Vögel und speziell Tauben für Sie spielen?

Ballen: Vögel sind weltweit ein Symbol für Reinheit, Schönheit und Mystik. Die Metaphern und Bilder in diesem Buch entstehen durch die Interaktion der Vögel mit einem Raum, den man am besten als „Roger Ballens Welt“ bezeichnen würde.

Diese Ihre Welt, das „Asylum of the Birds“, ist tatsächlich aber eine Slumbaracke in Südafrika. Verfolgen Sie diese Bilder von Schmutz und Elend? Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ballen: Ich habe in diesem „Vogelasyl“ mehr als fünf Jahre lang gearbeitet. Und ich muss mittlerweile sagen: Manchmal fühle ich mich in unseren westlichen Wohlstands- und Konsumwelten wesentlich fremder und unwohler. Es ist tatsächlich unmöglich zu beurteilen, ob solche Slumbewohner weniger glücklich leben als Menschen anderer gesellschaftlicher Schichten.

Psychologie spielt eine große Rolle in Ihrem Werk. Was verraten uns Ihre Fotos über das Seelenleben von Roger Ballen?

Ballen: Das Seelenleben von Roger Ballen ist komplex, geheimnisvoll und voller Leidenschaft, mehr über sich selbst zu erfahren.

In diesem Jahr zeigt das KuK in Monschau auch die Arbeiten von Elliott Erwitt, den Sie selbst als Ihr Vorbild bezeichnen. Diese Bewunderung für den legendären Meister mag auf den ersten Blick überraschen: Was haben der heiter-komische Erwitt und der düstere Ballen schon gemeinsam? Kann es sein, dass viele den Humor Ihrer Bilder einfach nicht verstehen?

Ballen: Ich habe Elliott Erwitt vor mehr als 50 Jahren kennengelernt und seither oft davon erzählt, dass er mir den Humor in der Fotografie nahegebracht hat. Ich denke, meine Bilder sind von einem absurden Witz geprägt, der mit gewöhnlichem Humor nicht so viel zu tun hat. Absurdität beinhaltet Elemente von Tragödie und Komödie. Und absurd ist auch die unwiderlegbare Tatsache, dass wir die Kräfte des Chaos nicht besiegen können – egal, was wir im Leben auch anstellen.

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