Neues Album von U2: Rockmusik im Schatten des Marketings

Rockmusik im Schatten des Marketings

Von: Michael Loesl
Letzte Aktualisierung:
U2
Auch die Bildsprache ist aus der Vergangenheit: Dieses Foto entstand zum aktuellen Album. So ähnlich ließen sich U2 schon in ihrer großen Zeit in den 80er und 90er Jahren ablichten. Foto: Anton Corbijn/Universal Music

Aachen. Die Veröffentlichung einer neuen U2-Platte ist längst kein Ereignis mehr. Dafür hat die irische Band nicht zuletzt vor drei Jahren mit Nachdruck selbst gesorgt. 2014 erschien „Songs Of ­Innocence“, und der musikalische Gehalt des Albums trat als schmückendes Beiwerk in den Schatten einer vollkommen überzogenen Marketing-Kampagne, über die sich unzählige iTunes-Nutzer echauffierten.

Ungefragt, kostenfrei und vielerorts ungebeten landete das Album als Download-Option in weltweit rund 500 Millionen Konten der Multimedia-Verwaltungssoftware. Am selben Tag, als die Computerfirma mit dem Apfel-Logo zur Präsentation eines neuen iPhones geladen hatte, erschienen auch U2 auf der firmeneigenen Bühne im kalifornischen Cupertino. Bemerkenswerterweise in der gleichen Wertigkeit wie das feilgebotene Smartphone.

Eine Fortsetzung des Vorgängers

Häme, Spott und Kritik ließen nicht lange auf sich warten. Von „Rock ’n’ Roll als Anti-Utopie im Datenmüll-Postfach“ war die Rede, und Pop-Promis wie Pink Floyd und Herbert Grönemeyer gingen wegen der Umsonst-Verteilung von Musik auf Distanz zu U2. Die ließen sich den rein quantitativ betrachteten „größten Aufschlag eines Albums aller Zeiten“ derweil fürstlich bezahlen. Fünf Millionen Dollar Pauschale plus Tantiemen und eine auf das Album zugeschnittene, 100 Millionen Dollar teure Werbekampagne musste Apple laut dem US-Branchenblatt „Billboard“ für die Zusammenarbeit berappen.
 
Seitdem das Album schließlich in physischer Form erschienen ist, hält es den Rekord als U2-Platte mit den schlechtesten Verkaufszahlen.
 
Das nun morgen erscheinende neue U2-Album, „Songs Of Experience“, eine Art Fortsetzung der letzten Platte mit anderer inhaltlicher Ausrichtung, droht erneut zum Desaster zu werden. Nicht so sehr wegen der 13 neuen Songs. Die klingen wie alles, was U2 in den vergangenen anderthalb Dekaden veröffentlicht haben: gut abgehangen und vorhersehbar, weil sie kontinuierlich der gleichen Machart folgen. Immer noch im hymnisch-opulenten Sound kniend, den Daniel Lanois und Brian Eno Mitte der 80er Jahre markenzeichenartig an die Band hefteten, fehlt U2-Songs inzwischen jeglicher Innovationswille.
 
Das hilflos wirkende Nutzen der Gesangs-Verfremdungssoftware Autotune im ersten Stück „Love Is All We Have Left“ unterstreicht deutlich, dass U2 der pausenlos im Wandel befindlichen Welt der Töne und Rhythmen schlicht nicht mehr folgen können.
 
Auch Gastauftritte junger, angesagter Kollegen vermögen die Fährte, der das Album folgt, nicht zu entstauben. US-Rapper Kendrick Lamar schimpft obligatorisch über das derzeitige Amerika, die Mädels-Band Haim wirkt in „Lights Of Home“ gezähmt. Intakt geblieben sind die Stadionrock-zuträglichen „Oh, oh, oh“-Chöre und der penetrant-übergroße Gesangsmoment des Bono Vox.
 
Inhaltlich nehmen sich die ursprünglich an Freunde adressierten Lieder, die nach der Wahl Donald Trumps umgeschrieben wurden, weil sie nicht mehr politisch genug erschienen, recht wenig originell aus. „Love Is Bigger Than Anything In Its Way“ verkündet die Band und kramt an anderer Stelle mit der Textzeile „A Rose, It Grows“ noch banaler in der Lyrik-Kiste. Das Dringliche, das unbedingte Muss, aber auch das spielerisch Frische früherer Großtaten wie „Unforgettable Fire“ und „Achtung Baby“ ist U2 während ihrer Rock-’n’-Roll-Feldzüge durch die Stadien dieser Welt offensichtlich abhanden gekommen.

In den „Paradise Papers“

Selbstverständlich steht es den Musikern zu, älter zu werden, stramm auf die 60 zuzugehen und die hormonellen Momente jüngeren Kollegen zu gönnen. Es zwingt auch keins der Lieder zum unbedingten Abschalten der Platte. Aber Lust bereitet das Lauschen der gesättigten Vier nicht.
 
Erschreckend bizarr klingt Bono Vox’ Lamento „American Soul“. Gesegnet seien die Superstars, gesegnet seien die Superreichen, raunzt er darin ironisch. Solche Zeilen rücken das neue U2-Album einmal mehr in Richtung PR-Desaster, seitdem der bürgerliche Name des Sängers, Paul David Hewson, kürzlich in der Schattenwelt des Geldes, in den sogenannten Paradise Papers auftauchte. Der Mann, der längst sein Geld für sich arbeiten lässt und als Facebook-Aktionär zum Milliardär wurde, bedient sich, wenn nicht illegaler, dann aber doch zumindest fragwürdiger Steuervermeidungstricks.
 
Auch das ist freilich nichts Neues. Die 2006 in Irland beschlossene Besteuerung von Lizenzgebühren nahmen U2 zum Anlass, ihre weit verzweigten Firmen in den Niederlanden anzusiedeln. Dort zahlt man für Song-Tantiemen und Verkäufe von T-Shirts mit U2-Aufschrift nämlich verhältnismäßig wenig Steuern. Unter anderem jene Steuereinnahmen fehlten dem irischen Staat für Bildung, Krankenhäuser und der von Vox so vehement geforderten Entwicklungshilfe. Als U2 im Sommer 2011 die Hauptbühne des englischen Glastonbury-Festivals bespielten, ließen Aktivisten einen Ballon über dem Publikum schweben, der die Aufschrift „U Pay Tax 2?“ („Zahlen auch Sie Steuern?“) trug. Die Wohltätigkeitsorganisation Christian Aid hatte zuvor ausgerechnet, dass jährlich Steuergelder in Höhe von 160 Milliarden Dollar in Entwicklungshilfe-Ländern fehlen, weil Profite, die mittels Briefkastenfirmen in ärmeren Ländern generiert werden, in die Steueroasen fließen.
 
Ein Teil dieses dubiosen Systems ist der Wohltätigkeits-Aktivist Bono Vox höchstselbst. Auch er lässt Teile seines immensen Vermögens über Briefkastenfirmen auf Malta und Guernsey verwalten und investierte in Shopping-Center in Litauen. Vox’ Reaktion auf die Enthüllungen der „Paradise Papers“ liest sich so peinlich wie zynisch: „Höchst verzweifelt“ sei er, „wenn die Vorwürfe zuträfen“, ließ er über seinen Social-Media-Kanal verlautbaren.
Verzweifelt war er allerdings nicht, als Jamie Drummond, der Mitbegründer von Vox’ Benefiz-Organisation „One“, die Glastonbury-Aktivisten aggressiv anging und ihnen vorwarf, der Kampagne zur Entschuldung der Dritten Welt mehr zu schaden als die Steuertricks seines Freundes.
 
Widersprüche pflastern die Wege etlicher Popstars. Auch der Amnesty-Unterstützer und Regenwaldretter Sting spielte schon für eine Million Dollar ein Konzert auf Einladung der Tochter des ehemaligen usbekischen Diktators Islam Karimov, der unangenehme Kritiker sprichwörtlich zu Tode kochen ließ.
 
Bono Vox, der eitle Pfau, der selbst ernannte, aber keineswegs legitime Redner für die Ärmsten, der gerne beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos auftauchte und mit den Mächtigsten der Welt kuschelte, sollte sich vielleicht bald anders positionieren mit seinem Geld. Sonst könnte das nächste U2-Album möglicherweise nur noch eine Marginalie in der Berichterstattung über ihn sein.
 
U2, „Songs Of Experience“, Island/Universal

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