Ringen um Gott und die letzten Fragen

Von: Sabine Rother
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Was ist der Mensch und gibt es einen Gott? Diese Fragen stellt Eric-Emmanuel Schmitts Stück „Der Besucher”, zu sehen im Grenzlandtheater mit Volker K. Bauer als Freud, Steffen Laube als geheimnisvoller Unbekannter und Lisa Adler als Freuds Tochter Anna (von links). Foto: Klaus Herzog

Aachen. Ein bedrückender Abend. Es ist der 22. April 1938, wir sind in Wien, genauer gesagt im Arbeitszimmer des Begründers der Psychoanalyse Sigmund Freud. Der 82-Jährige, bereits schwer an Kieferkrebs erkrankt, ringt mit der Entscheidung, ein Dokument zu unterzeichnen, das ihn, dem Juden, und Tochter Anna die Ausreise aus dem von den Nazis „heim ins Reich” geholten Österreich nach England erlaubt.

Doch plötzlich geschieht etwas Unerwartetes... „Der Besucher”, jenes Werk, das den französischen Autor Eric-Emmanuel Schmitt 1993 schlagartig berühmt machte, hatte jetzt im Grenzlandtheater Aachen Premiere. Paul Bäcker, der Regisseur und gemeinsam mit seiner Ehefrau Annette geniale Schmitt-Übersetzer, setzt damit eine Reihe fort, die das Haus in der Elisen-Galerie seit Jahren zum Ort einer eindrucksvollen Schmitt-Rezeption hat werden lassen. Nun „Der Besucher” - ein Werk, bei dem Schmitt das anspricht, was ganz tief in der Seele des Menschen glüht: Gibt es einen Gott? Und wenn ja, was ist mit ihm los angesichts all der Grausamkeiten in der Welt?

Bühnenbildner Charles Copenhaver schuf hierzu den atmosphärisch starken Raum, das Arbeits- und Behandlungszimmer eines betagten Gelehrten. Die legendäre Behandlungscouch steht im Zentrum. Alles ist authentisch bis hin zum ältlichen Telefonverzeichnis in einer Lederhülle. Allgegenwärtig wird die Stadt Wien durch ein Modell des Stephansdoms. Helle, hohe Flügeltüren erlauben den Kontakt zur realen und surrealen Außenwelt.

Als Nazi stapft Eugen May derb herein, stellvertretend für alle, die draußen grölen. Der geheimnisvolle Unbekannter ist Steffen Laube, der immer wieder aus dem nächtlichen Dunkel hinter dem Fenster in die Studierstube gleitet. Lisa Adler ist eine sehr emanzipierte Anna, die liebende, kluge und kämpferische Tochter Freuds, die ihre unbeugsame Scharfsichtigkeit mit einer Verhaftung büßen muss. Mit Volker K. Bauer steht ein Sigmund Freud auf der Bühne, den man schlicht als Ebenbild des großen Psychoanalytikers bezeichnen muss.

Gebeugt, von Zweifeln zerrissen, gebrechlich und dennoch scharfsinnig. Die schmerzliche Sorge um Anna ist Auslöser einer tiefen Verwirrung: In diesem Moment taucht der rätselhafte Besucher auf. Kostümbildnerin Heike M. Schmidt, die treffend für biedere Kleidung bei Anna und Freud gesorgt hat, gibt ihm die Gestalt eines Kavaliers auf dem Weg ins Maxim: Abendanzug, Umhang, weißer Schal Zylinder. Ein besonderer Dialog beginnt.

Plötzlich sieht Freud vor sich, was er bei psychoanalytischen Prozessen nur aus Patienten hervorzulocken vermochte: die eigene Vaterproblematik, die Weltverlorenheit, die Sehnsucht. Laubes „Besucher” ist eine schillernde Persönlichkeit, eine Gestalt, die in ihrer komödiantischen Prägung alle Konventionen beiseite schiebt. Mit großen Augen schaut er dem „Menschlein Freud” zu, dem schließlich das bisherige Leugnen der Gottheit nicht mehr gelingt.

In Bäckers Regie entwickelt sich ein spannendes Kräftemessen. „Gott ist ein Schrei, eine Revolte des Gerippes, ein Versprechen, das nicht gehalten wurde”, formuliert Freud den Schmerz der Kreatur. Und plötzlich wird die Bühne zur funkelnden Milchstraße, eine zauberhafte Mozart-Arie erklingt - ja, Gott hat die Hoffnung auf die Menschheit nicht ganz verloren, seit dieser Klang durch Sphären zu ihm drang...

Starker Beifall vom Publikum - dessen zum Teil unpassende Lacher zeigen, wie Bäcker und Schmitt tatsächlich eine gewisse Verunsicherung gelingt - belohnt eine große Regie- und Ensembleleistung.

Eric-Emmanuel Schmitts „Der Besucher” ist noch bis zum 26. Februar im Grenzlandtheater in Aachen und dann bis zum 10. März in der Region zu sehen. Tickets unter 0241/4746111.

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