Lüttich - Regie-Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne im Interview

Regie-Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne im Interview

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Ihre Film sind nur scheinbar „klein“: die belgischen Regisseure Luc (links) und Jean-Pierre Dardenne. Foto: imago/Zuma Press

Lüttich. Am Ufer der Maas führt ein mehr als unauffälliges Klingelschild zum Büro der Produktionsfirma „Les Films du Fleuve“ (Die Filme vom Fluss) der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Nichts weist darauf hin, dass hier in Lüttich zwei mehrfach dekorierte, von der internationalen Kritik hoch gelobte Regisseure arbeiten.

Zweimal schon haben sie den Hauptpreis bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes, die Goldene Palme, gewonnen. Dabei spielt sich das Leben der Dardennes und das in ihren Filmen im Umkreis von ein paar Kilometern rund um Lüttich ab.

Ihr neuer Spielfilm, „Das unbekannte Mädchen“, startet heute in den Kinos. Im entspannten Interview mit unserem Mitarbeiter Günter H. Jekubzik ergänzen sich die Brüder, die man selten einzeln erlebt, auch in den Antworten. Und sie lachen viel dabei. Was man angesichts ihrer Filme nicht unbedingt direkt erwartet.

Wo stehen Ihre beiden Goldenen Palmen, ich sehe sie nicht im Büro?

Luc Dardenne: Die Kartons sind vielleicht noch hier. Aber wir haben sie nicht gerne um uns, weil sie eine Last sein können. Es lässt sich leicht sagen, dass man bescheiden bleiben muss. Aber wenn man die Palmen dauernd sieht, besteht das Risiko, dass man unter einem Zwang arbeitet oder man zu selbstsicher wird.

Wie bei allen Regie-Brüdern – den Coens, den Tavianis, den Reddings – drängt sich die Frage auf, wie Sie zusammenarbeiten.

Jean-Pierre Dardenne: Dazu kann man viel erzählen, aber man kann es eigentlich nicht erklären. Es gibt eine Magie – die ist da, oder sie ist nicht da.

Luc: Ich schreibe die erste Fassung, Jean-Prierre bearbeitet sie, und dann mache ich wieder weiter. Um die Finanzierung kümmern wir uns nicht selbst. Stattdessen filmen wir mehrere Monate mit Video an den zukünftigen Drehorten. Ein bis anderthalb Monate proben wir dann die Rollen ohne Kamera. Die Zeit ist intelligenter als wir. Wir nehmen uns die Zeit.

Ihre Filme zeigen auch immer einen Querschnitt durch das Sozialgefüge einer Gesellschaft. Woher haben Sie das Wissen um die Lebensumstände dieser Menschen?

Jean-Pierre: Wir leben nicht in den so genannten belgischen Filmkreisen – die es übrigens ja auch gar nicht gibt. Für jede unserer früheren Dokumentationen haben wir 50 bis 60 Menschen getroffen. Wir halten den Kontakt mit ihnen, den Kindern, den Enkeln. Und oft fällt uns bei der Drehbucharbeit ein: „Der hatte doch damals dies oder das gesagt . . .“ Wir denken noch viel an die Leute, die wir damals interviewt haben. Aber wir leben jetzt nicht mehr dort. Doch wenn etwas passiert, erfahren wir davon. Im Kopf sind wir immer noch dort.

Wir sitzen hier in Ihren Büros mit dem Blick auf die Maas. Der Fluss steckt im Namen Ihrer Produktionsfirmen. In „Der Junge mit dem Fahrrad“ führen Radtouren am Fluss entlang, und in „Das unbekannte Mädchen“ wird eine Leiche dort gefunden. Was bedeutet Ihnen die Stadt?

Luc: Grundlage unserer Themen ist unsere persönliche Geschichte. Wir sind im industriellen Seraing aufgewachsen, das wie das Ruhrgebiet einen extremen Niedergang erlebt hat. Wir haben eine spezielle Lebensweise innerhalb von wenigen Jahren verschwinden sehen. Zurück blieben Einzelschicksale. Lüttich ist das Symbol für eine Gesellschaft, die zusammengebrochen ist.

Und die Maas?

Luc: Wenn man hier dreht, ist die Maas immer Teil des Hintergrunds. Aber sie ist auch Grundlage unserer Industrie, ohne Maas gäbe es die Fabriken nicht. Schon in unserer Kindheit war sie immer präsent, denn unsere Schule lag am Ufer. Wir hatten einen Lehrer, der die Industrie gut kannte und uns die verschiedenen Farben der Materialien auf den Schiffen erklärte und woher sie kamen: aus Polen, Italien, Deutschland, Frankreich. Wir hatten auch Geisterschiffe, die es bis vor einigen Jahren noch gab: Da wurde Kalk transportiert, und im Nebel sah das sehr unheimlich aus. Das ist ein unvergessliches Bild.

Ihre Filme betreiben keine Werbung für die Stadt und die Region. Es gibt keine Sehenswürdigkeiten, keinen Bahnhof von Calatrava, keine Treppen am Montagne de Bueren.

Luc und Jean-Pierre: Doch, den Bahnhof hatten wir in „Lornas Schweigen“ (beide lachen).

Luc: Für unseren zweiten Film „ Ich denke an euch“ haben wir die Landschaft gefilmt. Und gesehen, dass sie sehr prägnant ist mit den Fabriken und den Zechen, und dass die Figuren vor diesen deutlichen Formen verschwinden. Seitdem vermeiden wir dekorative Hintergründe.

Werden Sie dafür kritisiert, dass Sie die Gegend wenig schmeichelhaft darstellen?

Jean-Pierre: Ja, aber das interessiert uns nicht. Wie Luc sagt: Uns interessieren nur die Menschen, und wir glauben, dass die Menschen, die wir zeigen, die Zuschauer interessieren.

Finden Sie selbst die Motive der Filme in Lüttich, oder haben Sie Location Scouts dafür?

Luc: Nein, die finden wir alle selbst. In Lüttich und in Seraing, denn wir drehen ja meistens in diesem Vorort, was man Auswärtigen erklären muss.

Bei „Lornas Schweigen“ galt eine Zeitungsmeldung als Initialzündung. Wie war das bei „Das unbekannte Mädchen“ ?

Luc: Am Anfang stand eine Figur, die wir seit Jahren im Kopf hatten. Bereits „Der Junge mit dem Fahrrad“ sollte bei einem Arzt unterkommen; dann wurde eine Fri­seu­rin daraus, gespielt von Cecile de France. In einem früheren Drehbuch gab es eine ältere Ärztin, deshalb haben wir Marion Cotillard getroffen. Aber das passte nicht ganz. So haben wir mit Marion „Zwei Tage, eine Nacht“ gemacht.

Dann haben wir Adèle Haenel bei einer Preisverleihung in Paris erlebt und gedacht: Eine viel jüngere Ärztin sollte die Gefühle bei der Suche nach dem unbekannten Mädchen widerspiegeln. Mit ihrem offenen, unschuldigen Gesicht wird Adèle die Leute zum Reden bringen. Für dieses junge Gesicht haben wir dann das ganze Drehbuch noch einmal komplett umgeschrieben.

Wie sehen Sie Ihre Vorbild-Rolle für das Filmschaffen in Lüttich?

Luc: Wir haben zehn Mitarbeiter für die beiden Produktionsfirmen, die sich auf Dokumentation und Spielfilm spezialisiert haben. Und ohne uns selbst loben zu wollen: In Lüttich gibt es mittlerweile zudem vier weitere Produktionshäuser, die ohne uns nicht existieren würden. Die meisten Menschen dort haben mit uns gearbeitet oder stehen in einer anderen Beziehung zu uns. Dass man auch in Lüttich Filme produzieren kann und nicht nach Brüssel oder Paris gehen muss: für diese Erkenntnis haben wir einiges getan.

Die Kritik zu „Das unbekannte Mädchen“ lesen Sie heute auf unseren Kinoseiten. Luc Dardenne ist bei der Aufführung des Films am heutigen Donnerstag um 20 Uhr im Aachener Apollo-Kino, Pont-straße, zu Gast.

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