Raffinierte Klänge und witzige Gesten

Von: Alfred Beaujean und Axel Costard
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Großartiger Gesang ist bis zum 14. Juni bei der ersten Internationalen Chorbiennale in Aachen zu erleben: In der Aula Carolina sang am Samstag unter anderem der Aachener Kammerchor unter der Leitung von Martin te Laak. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Wenn vor hundert Jahren einer der vielen Aachener Männerchöre siegreich von einem nationalen Wettsingen heimkehrte, wurde er am Bahnhof vom Stadtrat begrüßt, und die Stadt stiftete eine neue Vereinsfahne. Als der Kammerchor Carmina Mundi unter Harald Nickoll den Ersten Preis beim Deutschen Chorwettbewerb gewann, wurde das kaum registriert.

Das hat sich gottlob geändert, wie eine überfüllte Kirche St. Nikolaus anlässlich des Eröffnungskonzerts der Aachener Internationalen Chorbiennale zeigte.

Vereinsfahnen sind nicht mehr gefragt, dafür umso mehr das Interesse der Musikfreunde an Aachens opulenter Chorszene. Dass der preisgekrönte Elitechor Harald Nickolls den Anfang des einwöchigen Spectaculums machte, war nur recht und billig.

Carmina Mundi setzt Maßstäbe

Er setzte gleich zu Beginn Qualitätsmaßstäbe, die es den Nachfolgeensembles schwer machen dürften. Carmina Mundi ist auf die extreme chorische Moderne offenbar spezialisiert. Intonationsfestigkeit und Klangraffinesse waren gleich zu Anfang zu erkennen bei Eric Whitacre Leonardo, der von seinen Flugmaschinen träumt. Den Höhepunkt in dieser Richtung bildete die Wiedergabe der geradezu halsbrecherisch schwierigen lateinischen Messe von Leonard Bernstein mit Altsolo und Schlagzeug, in der am Ende geklatschte Elemente des Gospels mitspielen. Das war schlicht grandios.

Eine ganz andere Welt eröffnete im zweiten Konzertteil der Gastchor Oreya aus dem ukrainischen Zhytomyr. Er bot eine buntere Folge, in der Bearbeitungen wie Samuel Barbers Streicher-Adagio, ein virtuoses Allegro von Friedemann Bach und - im Kranz von Zugaben - sogar Dvoraks „Neue Welt” nicht fehlten. Man liebt den Raumklang, lässt die Sängerinnen und Sänger von im Raum verteilten Positionen singen. Da steht der brave Rheinberger neben Frank Martin und Alfred Schnittke. Der Chorklang ist herber, vor allem in den Männerstimmen. Aber auch hier: hohe chorische Qualität. Alles in allem: ein Riesenerfolg für beide Chöre.

Unter dem Motto „Der Liebe voll” präsentierten sich in der vollbesetzten Aula Carolina zum zweiten Konzert drei Chorensembles. Der Madrigalchor Aachen unter Hans Leenders bot in ausgewogener Kammerchormanier Psalmmotetten von Lotti Jacobus Gallus, Mendelssohn und anderen in kultivierten Wiedergaben. Energischer ins Zeug ging Martin te Laak mit seinem Kammerchor Aachen, der getreu dem Motto des Abends Vertonungen aus dem Hohen Lied des Alten Testaments sehr klangschön wiedergab. Sätze von Melchior Franck, der Franzosen Lesur und Durufl erklangen sehr lebendig und expressiv-eindringlich.

Auftragswerk von Hochman

Von besonderem Interesse war die Uraufführung einer eigens für das Chorfestival komponierten Auftragsarbeit des israelischen Komponisten Gilad Hochman, ein Klangstück, das den Chor mit einem kantablen Cellosolo, von Walter Mengler wunderschön gespielt, konfrontierte, ohne in experimentelle Zonen vorzustoßen.

Den prachtvollen Beschluss machte der in Nationaltrachten auftretende estnische Kammerchor Noorus, geführt von Raul Talmar, der abweichend vom Programm estnische Chorsätze bot und zum Schluss die Hörer mit einem von Gesten unterstrichenen witzigen Stück begeisterte. Schade, dass keine Zugaben möglich waren: Von diesem Ensemble hätte man gerne noch mehr gehört.

„Altmodisch und süß” hat Leonard Bernstein die von ihm komponierte Vertonung von Psalmen einmal bezeichnet. Als eher modern und unkonventionell werden sie wohl von den rund 400 Zuhörern in St. Jakob empfunden worden sein, die am Samstag das Konzert des Jungen Chores Aachen unter der Leitung von Fritz ter Wey verfolgten. Die mit Schlagzeug (Mark Bessonov), Harfe (Manou Liebert), Orgel (Michael Hoppe) und Countertenor (Benno Schachtner) intonierte Version der „Chichester Psalms” rief große Begeisterung hervor.

Zuvor stand die Kantate „Von der Vergänglichkeit des Irdischen” von Ernst Krenek (1900-1991) auf dem Programm, eine Vertonung von zumeist düsteren, zum Teil friedensbewegten Gedichten aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Thematisch passend, musikalisch jedoch etwas weniger zeitgenössisch gestaltete sich die Darbietung des renommierten israelischen Chores Tel Aviv Chamber Choir unter der Leitung von Michael Shani, der vor wenigen Tagen noch in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem zu Ehren der Opfer des Warschauer Ghettos aufgetreten ist.

In St. Jakob teilte sich der Chor zunächst in zwei Hälften auf, sang raumerfüllend in Dialogform ein Stück aus dem jüdischen Gebetsbuch.

Das Motto des Abends, „Visionen”, muss wohl mit der Symbolik am Schluss des Konzerts in Zusammenhang gesehen werden, als beide Chöre, der israelische und der deutsche, Wolfgang Amadeus Mozart gemeinsam sangen.

Folgende „Lunchkonzerte” finden bei der Internationalen Chorbiennale in Aachen am Montag und Dienstag statt: Der Kammerchor Oreya aus Zhytomyr (Ukraine) singt am Montag um 12.30 Uhr in der Kirche St. Paul, Jakobstraße. Der Segakoor Noorus aus Tallinn (Estland) singt am Dienstag um 12.30 Uhr im Krönungssaal des Rathauses. Eintritt frei.

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