Quirlig, vielseitig und kein bisschen naiv

Von: Jenny Schmetz
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„Sehr schöne, schnulzige Songs“ und „schnucklige Kollegen“: Ihr erster Auftritt als Maria in der „West Side Story“ am Theater Aachen war für die Sängerin Rosemarie Weissgerber (24) ein Sprung ins kalte Wasser. Aber sie hat ihn genossen, sagt die neue Stipendiatin der Theaterinitiative. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Beinahe wäre aus ihrem Stipendium am Aachener Theater gar nichts geworden. Rosemarie Weissgerber hatte das Vorsingen einfach verpennt. Nein, verpennt nicht wirklich, widerspricht die 24-Jährige. Also vergessen?

„Es ging irgendwie unter“, sagt die Sängerin weniger entschuldigend als bestimmt. Den Kragen ihres knallroten Mantels hat sie hoch unters Kinn geschlagen, bei herbstfrischen 15 Grad fürchtet sie keine Erkältung und trinkt ihren schwarzen Kaffee draußen zwischen den Säulen vor dem Theater. „Ich bin sehr verpeilt – das können Sie schon so schreiben.“ Ganz so verpeilt aber wohl doch nicht. Es gab dann nämlich noch ein zweites Vorsingen, zu dem es die Sopranistin schaffte. Dort konnte sie die Jury um Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck überzeugen und 21 Mitbewerber ausstechen.

Bloß nicht gegen die Wand laufen!

Jetzt hat Rosemarie Weissgerber schon ein paar Mal die Hauptrolle der Maria in Leonard Bernsteins „West Side Story“ gesungen. „Ich habe es genossen“, sagt sie und erzählt nicht von Lampenfieber, aber bastelt noch ein bisschen an ihrem Verpeilt-Image: „Ich bin nicht gegen eine Wand gelaufen – das war meine größte Sorge!“ Sie muss lächeln, aber eine Kollision wäre nicht mal so unwahrscheinlich, denn zwei riesige mobile Wände gleiten immer wieder über die Bühne, und dazwischen wuseln rund 40 Tänzer, Sänger, Schauspieler und Statisten. Eine Mega-Produktion, in der man als Anfängerin schon mal den Überblick verlieren könnte.

Bisher war ihre größte Partie Humperdincks Gretel in einer Produktion der Kölner Musikhochschule. Dort hat die Sängerin ihren Bachelor gemacht, in zwei Jahren will sie mit ihrem Master fertig sein – und jetzt schon mal wie ein Profi auf der Aachener Bühne arbeiten. „Ich komme als Studentin her, aber das wird ignoriert, sobald ich im Betrieb drin bin“, sagt Weissgerber. Und da sind die Bedingungen auch nicht immer so einfach: „Ich bin halt die Zweitbesetzung“, meint die Praktikantin abgeklärt. „Da habe_SSRq ich nicht so viele Proben und nur einen einzigen Durchlauf, keine zweite Chance – die ist schon die Vorstellung.“ Zwar werde man „ins kalte Wasser geworfen“, gibt sie zu. „Aber die Kollegen sind total schnuckelig.“

Jetzt präsentiert die Opernsängerin also erstmals ein Musical: „sehr schöne, schnulzige“ Songs. Privat bevorzugt sie eher Jazz – oder Sinfonien, denn ihr Freund studiert auch Musik. Ein gewisses lockeres Studenten-Feeling vermittelt „Rose“ im Gespräch: „Können wir Du sagen?“, lautet ihre erste Frage, bevor sie von ihrer Vorliebe für vegetarisches Essen, Fair Trade und selbstgenähte Klamotten erzählt. Dabei wiegt sie die Kaffeetasse zwischen ihren Fingern mit rosa lackierten Nägeln.

Nach dem amerikanischen Musical wartet auf sie die deutscheste aller deutschen Opern: Webers „Freischütz“. Rosemarie Weissgerber wird das Ännchen singen. „Du bist halt ein Ännchen“, höre sie ständig von ihrer Dozentin, der Altistin Mechthild Georg. Ist sie so eine Frohnatur? Weniger, meint Weissgerber. Aber ziemlich klein (1,63 Meter) und quirlig. Als Soubrette möchte sie nicht abgestempelt werden, schließlich singe sie mit ihrem dunkel timbrierten hohen Sopran auch Pamina oder Zerbinetta. Zum „Freischütz“ hat die Mainzerin aber eine ganz besondere Beziehung: Als 14-Jährige intonierte sie im heimischen Staatstheater bereits als Brautjunger „Wir winden dir den Jungfernkranz“. „Besonders diesen Moment hinter den Kulissen werde ich nicht vergessen“, erinnert sie sich. „Wenn man vom Publikum noch nicht gesehen wird, aber weiß: Ich gehe gleich raus!“ Zwar hat sie dank musikalischer Eltern schon mit sieben Jahren im Mädchenchor des Mainzer Doms und danach immer wieder auf diversen Bühnen gesungen, „aber ich habe nicht schon immer gewusst: Ich werde Sängerin!“

Nach dem Abi hat sie sich mit sehr gutem Notenschnitt sogar „für alles Mögliche“ beworben: neben Musik noch Literatur, Jura und BWL – und wurde an allen vier Hochschulen angenommen. Dabei hatte sie vor der Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Mainz gerade mal vier Gesangsstunden genommen. „Sehr naiv“, meint sei rückblickend.

Weniger naiv hört sich die Einschätzung ihrer Berufsaussichten an. Da sie nun ein Jahr lang von der Theaterinitiative Geld erhält und zudem Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes ist, kann sie zurzeit „sehr gut leben“ – und auch etwas sparen. „Ich bin schon realistisch“, sagt Weissgerber. „Ich bin Sopran – ich weiß nicht, wie es später mal aussehen wird.“ Die Konkurrenz ist sehr groß, doch ständig an sich zweifeln wolle sie auch nicht. „Ich weiß, was ich kann!“

Und sie weiß auch, was sie noch nicht so gut kann. Das Organisieren etwa könnte noch besser klappen. Von der Theaterinitiative hat sie die Einladung zu deren „Dinner auf der Bühne“ am kommenden Sonntag erhalten, berichtet die Stipendiatin erfreut. Was sie dann singen wird? „Singe ich da auch?“, fragt Weissgerber ein bisschen verpeilt. Ja, sie soll da auch singen!

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