Puccinis Opern-Dreiteiler „Il trittico“ überzeugt am Theater Aachen

Von: Armin Kaumanns
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„Il trittico“, Opern-Dreiteiler von Giacomo Puccini am Theater Aachen: (Bild) „Il tabarro“, Szene mit Woong-jo Choi und Linda Ballova; „Suor Angelica“, Szene mit der heftig beklatschten Irina Popova; „Gianni Schicchi“, Szene mit (von links) Kim Savelsbergh, Patricio Arroyo, Leila Pfister, Michael Terada, Jorge Escobar, Katharina Hagopian, Vasilis Tsanatsidis, Enrico Marabelli und Alexey Sayapin. Foto: Carl Brunn
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„Il trittico“, Opern-Dreiteiler von Giacomo Puccini am Theater Aachen: „Il tabarro“, Szene mit Woong-jo Choi und Linda Ballova; (Bild) „Suor Angelica“, Szene mit der heftig beklatschten Irina Popova; „Gianni Schicchi“, Szene mit Kim Savelsbergh, Patricio Arroyo, Leila Pfister, Michael Terada, Jorge Escobar, Katharina Hagopian, Vasilis Tsanatsidis, Enrico Marabelli und Alexey Sayapin. Foto: Carl Brunn
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„Il trittico“, Opern-Dreiteiler von Giacomo Puccini am Theater Aachen: „Il tabarro“, Szene mit Woong-jo Choi und Linda Ballova; „Suor Angelica“, Szene mit der heftig beklatschten Irina Popova; (Bild) „Gianni Schicchi“, Szene mit (von links) Kim Savelsbergh, Patricio Arroyo, Leila Pfister, Michael Terada, Jorge Escobar, Katharina Hagopian, Vasilis Tsanatsidis, Enrico Marabelli und Alexey Sayapin. Foto: Carl Brunn

Aachen. Tod und Geburt – zwischen diesen Polen spielt das Leben. Immer, auch in der Oper. Wenn nun also Mario Corradi, seines Zeichens Regisseur mit Erfahrung und nach „Luisa Miller“ und „Tannhäuser“ mit respektablem Fanclub am Theater Aachen, Puccinis drei unter dem Titel „Il trittico“ verbandelten Kurzopern einen Kinderwagen als roten Faden verpasst, ist die eine Seite der Medaille schon mal geprägt.

Das mit dem Tod versteht sich dann fast von selbst, denn gestorben wird sinnstiftend in allen drei musiktheatralischen Werken, die so prototypisch die Formen Tragödie, lyrisches Drama und Komödie vorführen. Und eine ganz große Klammer gibt es auch noch an diesem durchweg erfreulichen, wenngleich vier Stunden langen Premierenabend. Ein Kettenglied schwebt in allen drei Einaktern vom Schnürboden, groß und grau und bühnenbildtauglich. Auch damit hat es seine Bewandtnis.

Leidenschaft ohne Chance

In „Il tabarro“ (Der Mantel) spielt das nämliche Kleidungsstück die Hauptrolle. Schmiegten sich einst Schiffer, Frau und Kind glücklich hinein, bedeckt das wärmende Textil am Ende die Leiche des schönen Luigi. Er war der jungen Frau zu nahe gekommen und liegt jetzt mit durchschnittener Kehle da. Das wundert niemanden im Saal, denn, so zeigt uns Corradi schon vor dem kurzen Vorspiel: Giorgetta, die Kahnfahrer-Gattin, hat ein Jahr zuvor ihren Säugling, ihr Glück, erstickt, was die Ehe zum doppelt so alten Michele nicht ausgehalten hat. Grau und düster ist diese Welt, die Menschen sehen die Sonne kaum.

Was hilft es, dass Linda Ballova die Facetten ihres wärmenden Soprans leuchten lässt, in seligem Liebesduett mit dem wunderbar italienischen Tenor von Alexey Sayapin den Schmelz Puccini’scher Melancholie zum Strahlen bringt? Woong-jo Choi jedenfalls prunkt in der Michele-Partie von Beginn an mit seinem fulminanten Bass, da hatte eh niemand erwartet, dass die junge Leidenschaft eine Chance hätte.

Den Kinderwagen, in dem die junge Giorgetta eben noch ihr Baby erstickte, schiebt fröhlich jetzt „Suor Angelica“, die Titelfigur des Mittelteils des Opernabends, durch die karge, von weißgrauen Zellenwänden begrenzte Bühne. Irina Popova schreit und wimmert um ihr Glück, das ihr in diesem Moment von ihren adeligen Verwandten entrissen wird, weil es – weil unehelich – den Ruf des Hauses bemakelt. Sie findet sich sodann, sieben Jahre später, im Kloster wieder, ihrem willig angenommenen Gefängnis, in dem die Oberinnen Lederpeitschen unterm Habit führen. Die Popova glüht in Frömmigkeit, Schmerz und Verzweiflung. Nach dem Besuch der Fürstin (herausragend: Marion Eckstein) nimmt die Handlung eine suizidale Wendung, in der die Sopranistin eine halbe Stunde die Bühne und die gespannten Ohren des Publikums für sich hat. Danach Ovationen.

Ausgelassen komödiantisch

Tod und Mutterschaft, in den beiden ersten Tableaus noch sinnstiftend verbunden, finden im geradezu ausgelassen komödiantisch inszenierten dritten Teil des Abends zunächst nicht zueinander. Denn in „Gianni Schicchi“ – der Name klingt schon wie ein Witz – ist niemand schwanger.

Dafür amüsiert sich die Verwandtschaft des reichen, greisen Buoso Donati köstlich, während der Alte unter seiner Zipfelmütze im Bett verreckt. Waren wir eben noch in den 60ern, weist das Porträt des Duce überm Sterbebett in die Zeit des italienischen Faschismus, was aber nichts weiter zur Sache tut, außer, dass Mussolini das vorgebliche Happy End dann lieber nicht von der Leinwand mit ansehen mag.

Das eigentliche Problem ist das Erbe, das der Alte der Kirche vermachte, statt den Anverwandten. Und dazu muss Schicchi (Bariton Enrico Marabelli überzeugt in allen Lagen) her, der Emporkömmling mit Bauernschläue und schmuckem Töchterchen.

Suzanne Jerosme als Lauretta bezirzt den Papa mit dem Ohrwurm der Oper, „O mio babbino caro“, der gar köstlich ins Herz und Zwerchfell trifft, dann geht Schicchi ein Licht auf (schwebt als Glühbirne aus dem Schnürboden), und er macht sich an den großen Coup mit dem Testament. Klar, dass er die Kleinbürger übers Ohr haut.

Klar auch, dass nach dem großen Tumult besagter Kinderwagen auftaucht und auf ein heranwachsendes neues Leben in Laurettas Bauch verweist. Im Saal werden Tränen gelacht, bevor der Schlussapplaus nachdrücklich die große Leistung des Ensembles würdigt.

Denn nicht nur das Sinfonieorchester unter dem ungemein engagierten Kazem Abdullah erhebt die Produktion in den Rang des Besonderen; auch die Masse der solistisch aktiven Chormitglieder zeugt von grundsolider und hochklassiger Qualität an der Basis des Musiktheaterensembles.

Stellvertretend sei Jorge Escobar genannt, der als Simone im „Schicchi“ in Fascho-Uniform nicht nur eine überaus präsente Figur abgibt, sondern auch stimmlich mit der Verwandtschaft locker mithalten kann.

Mario Corradi und sein Bühnenbildner Italo Grassi hatten ganz offenbar wieder großen Spaß an der Arbeit in Aachen, ihr „Il trittico“ sollte nicht die letzte Arbeit sein, die man in Aachen genießen kann.

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