Aachen - Premiere der Mozartoper fordert dem Publikum einiges ab

Premiere der Mozartoper fordert dem Publikum einiges ab

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
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Dreieinhalb Stunden öde Szenerie: Das ist Mozarts wunderbare Oper „Die Entführung aus dem Serail“ derzeit im Theater Aachen.

Aachen. Ach, es tut ja auch mal wieder gut, seinen Denkapparat anwerfen zu müssen, wenn man in die Oper geht. Am Theater Aachen beschert Regisseur Sebastian Hirn seinem Publikum dieses selten gewordene Vergnügen, indem er sich dem (unterstellten) Berieselungsbedürfnis am Beispiel von Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ ziemlich vollständig verweigert.

Stattdessen stürzt er das pittoreske, der damaligen Türken-Mode geschuldete Singspiel mit Lust an intellektueller Überhöhung unsanft vom Sockel. Da ist auf ganzer Linie Schluss mit lustig.

Gedacht hat Hirn sich eine Menge dabei; ob seine Regiearbeit auf dem Teppich bleibt, steht nach der Premiere jedoch sehr infrage. Zumal besagter Teppich nur als Plane vorhanden ist. Die zunächst verwirklichte Idee, Aachens islamische Gemeinden zur Teppichspende aufzurufen und auf diese Weise den Bühnen-Serail auf Wirklichkeit zu gründen, scheiterte am Staub, der aus den Bodenbelägen einen reizenden Weg in die Kehlköpfe der Sänger suchte und fand. Es hätte Hirns Ernsthaftigkeit ein weiteres Attribut hinzugefügt. Aber einen Mangel an Ambition unterstellt Hirn sowieso niemand.

Denn die Idee dieser Regiearbeit ist die der kontrastierenden Collage. Hirn interessiert, welche Dynamik Mozarts naiv daherkommende, von jungen Ideen der Aufklärung angefeuerte Geschichte im Spiegel des Existenzialismus entwickelt. Das sieht dann etwa so aus, dass zur Auftrittsarie des Belmonte, der sich nach seiner geliebten Konstanze verzehrt, auf einem großen, die ganze Bühne überspannenden digitalen Laufband der Text zu lesen ist: „Erzählen heißt, der Wirklichkeit zur Wirksamkeit zu verhelfen“.

Das ist Sartre, wie vieles andere mehr, was an diesem Abend die Arien konterkariert. Oder Nietzsche: „Die Forderung, geliebt zu werden, ist die größte aller Anmaßungen.“ Oder Heiner Müllers wunderbares Gedicht: „Ich bin der Engel der Verzweiflung“. Hirn hat es mit Texten, die die Tür weit aufstoßen in die Zeit der kritischen 70er und 80er, und unserem heutigen Verwundern, dass sie so weit entfernt zu sein scheinen.

Hirn will aber auch weg vom traditionellen Bühnen-Setting, lässt das Personal aus dem Parkett heraus agieren, postiert den Chor im Rang, Auftritte durch die Seitentüren. Zur Ruhe kommt der Zuschauer da nicht. Außerdem besetzt er den Bassa Selim mit einer Frau, gönnt Blonde und Osmin ein handfestes Techtelmechtel.

Zu guter Letzt findet die Regie, dass so ein Happy End wie die große aufklärerische Begnadigungsgeste des Bassa Selim, nicht sein kann. Der Staatsmann wird von seinem Angestellten Osmin kurzerhand erdolcht, da kann der Chor ihm ein langes Leben zusingen, wie er will.

Nun hört sich das spannender an, als es ist. Denn die Szene selbst bleibt bisweilen seltsam öde. Die Figuren gewinnen wenig Profil. Von Emotion, das bleibt die Enttäuschung des fast dreieinhalbstündigen Abends, erzählt nur die Musik. Die allerdings hat mit Kazem Abdullah einen engagierten Sachwalter, der das so schwere Leichte in Mozarts Partitur immer wieder zum Leuchten und Schwingen bringt.

Neben der unglaublich herben Stimme von Pascale Schiller, die den Selim mit großer schauspielerischer Geste verkörpert, zeigen die fünf Sänger-Solisten ansprechende Leistungen. Vor allen Randall Jakobsh stattet den Osmin mit beeindruckend fokussierten Tönen bis in den tiefsten Keller aus. Patricio Arroyo als Belmonte lässt seinen geschmeidigen Tenor in der ihm besonders angelegenen Mozart-Farbe leuchten.

Sein Kollege im Buffo-Fach, Keith Bernard Stonum, forciert die Höhen etwas, läuft aber in der späten Ritter-Arie zu fantastischer Form auf. Die Damen überzeugen fast vollständig. Die Konstanze der Cidem Soyarslan hat viele kostbare Farben, aber etliche Brüche zwischen den Registern. Larisa Vasyukhina als Blonde gefällt stimmlich wie spielerisch.

Da kann das Aachener Publikum zufrieden sein. Und ist es auch, was der Applaus bekräftigt. Nur Hirn und seine Kostümbildnerin Lisa Däßler müssen sich heftige Buhs gefallen lassen. Sie ertragen das äußerlich gelassen.

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