Preisträger Franz Erhard Walther erklärt seine Kunst

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
14690239.jpg
Aachener Kunstpreisträger 2016: Franz Erhard Walther. Der 77-Jährige und seine Frau Susanne stellten gestern im Aachener Ludwig Forum einzelne Objekte aus seiner Ausstellung vor, die am Donnerstagabend während deer Preisverleihung eröffnet wird. Foto: Harald Krömer

Aachen. Soeben ist er als bester Künstler der Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden, knapp ein halbes Jahr zuvor wurde ihm von einer hochkarätigen Jury offensichtlich in weiser Erkenntnis der mit 10.000 Euro dotierte Kunstpreis Aachen zugesprochen: Franz Erhard Walther (77).

An diesem Donnerstag findet um 19 Uhr die Preisverleihung statt, dort wo den Ausgezeichneten traditionell eine Ausstellung ausgerichtet wird: im Ludwig Forum. Der Kunstpreis Aachen wird gestiftet vom Verein der Freunde des Ludwig Forums, der Stadt Aachen und der Aachener Wirtschaft.

Walther führte die Handlung, das Agieren mit Werkstücken in die Kunst ein. In der Schau sind zahlreiche Fotos, frühe Papierarbeiten, Textil- und Stahlobjekte als eine Art Reminiszenz an verschiedene Phasen seines Schaffens versammelt. Im Interview erklärt uns Franz Erhard Walther die Hintergründe.

Herzlichen Glückwunsch auch zu Ihrem großen Preis auf der Kunstbiennale von Venedig! Waren Sie überrascht, als Sie dort als bester Künstler ausgezeichnet wurden?

Walther: Na, ich war natürlich überrascht, aber letzten Endes nicht verwundert. Ich habe gesehen, wie sich meine Arbeit zu all dem anderen verhält. Das hat sich schon herausgehoben.

Jetzt passt es natürlich super, dass Sie auch den Kunstpreis Aachen bekommen. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Walther: Das ist eine große Ehre für mich.

Wenn wir einmal an Ihre Anfänge zurückgehen: Es ist häufig die Rede davon, dass Sie am Anfang von Ihren Mitstudenten wie Gerhard Richter oder auch von Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie ausgelacht wurden, als Sie mit farblosen Textilien ankamen. Stimmt das?

Walther: Das stimmt. Die haben über mich gespottet und ihre Witzchen gemacht. Das war so.

Hat Ihnen das was ausgemacht?

Walther: Schön war das nicht. Ich war aber durchaus meiner Sache sicher. So eine Ablehnung in dieser Form zu erfahren, das war nicht schön.

Sie sagen, Sie waren Ihrer Sache sicher – wieso und welcher Sache?

Walther: Das ist eine lange Geschichte gewesen, bevor das in Düsseldorf 1962 so war wie gerade beschrieben. Es gibt Arbeiten von mir von 1956/57, bei denen der Gedanke der Handlung schon enthalten ist.

Was ist die grundlegende Idee Ihrer Kunst?

Walther: Na ja, dass sie nicht mehr vom Visuellen ausgeht, sondern dass das Werk in Handlungssituationen entwickelt wird von Personen, die auf die Werkstücke zugehen, sei es in der Betrachtung oder auf physische Art.

Diese Vorstellung, dass eine Handlung Teil des Werkes ist und in der Folge auch Handlung selbst zum Werk werden kann, das war damals ein absolut ungewöhnlicher Gedanke, der so noch nicht in der Kunst existierte. Über lange Zeit ist diese Position nicht verstanden worden.

Der Akteur, der mit Ihrer Kunst umgeht: Was hat er davon? Welche Erfahrungen nimmt er mit?

Walther: Das ist schwer zu sagen. Ich kann nur von dem ausgehen, was mir erzählt wird, und von meinen eigenen Erfahrungen. Man sprach von neuen Raumerfahrungen, neuen Raumdefinitionen, neuen und anderen Zeiterfahrungen. Zu sehen, dass das Verhältnis mehrerer Personen im Raum zueinander eine Skulptursituation sein kann, die in der Zeit existiert, die mit dem eigenen Körper vollzogen wird – das sind offenbar interessante Erfahrungen.

Ihre Position nennt man Partizipationskunst. Ist es richtig zu sagen, dass Sie ihr Begründer sind?

Walther: Ich habe das als Erster gemacht, soweit man das sehen kann. Ich finde den Begriff für mich nicht wirklich passend. Es ist natürlich eine Beteiligung dabei, aber wenn ich sage, in der Handlung selbst entsteht das Werk, dann ist das mehr als eine Beteiligung. Aber es ist ein summarischer Begriff, der verwendet wird. Ich akzeptiere ihn.

Man sagt, dass Sie sehr spät Anerkennung gefunden haben. Sehen Sie das auch so?

Walther: Das ist so. Ich habe Jahrzehnte warten müssen.

Gab es einen Punkt, wo man sagen kann, da haben Sie den Durchbruch erfahren?

Walther: Das hat es immer wieder mal gegeben, aber dann kam letztlich doch immer die Frage auf: Was bedeutet es wirklich, was er da macht? Ich habe Ende 1969 bis März 1970 eine Ausstellung in New York, im MoMA, gehabt. Die hat eine enorme Aufmerksamkeit bekommen. Das hat die Leute fasziniert, auch in den Presseberichten, auch in Deutschland.

Aber auch da wieder das Problem: Was bedeutet das? Ich war jeden Tag da, habe Führungen gemacht und alles erklärt. Und wenn ich dann von „sculpture“ sprach, hieß es: Wie kannst du behaupten, dass Personen eine Skulptur sein können? Das ist heute vor dem Hintergrund der Performancekunst, die in den 70ern entstanden ist, kein Problem mehr. Aber damals schien das eine haltlose Behauptung zu sein.

Würden Sie sagen, dass Ihre Kunst auch einen politischen Akzent setzt?

Walther: Für mich ist Kunst hochpolitisch, aber nicht, weil sie politische Themen enthält, sondern weil Kunst Freiheit bedeutet. Freiheit ist für mich hochpolitisch. Da tritt die Person als Person auf, sie ist autonom. Sie kann „Ich“ sagen, sie kann ihre Welt formulieren, artikulieren . . .

Sie benutzen ein ganz bestimmtes Material. Welche Rolle spielt das? Warum Textilien und Stahl?

Walther: Stahl kam später dazu. Mit Stoffen zu arbeiten, das hatte einen ganz einfachen Grund: weil zu dieser Zeit in der Kunst niemand mit Stoff gearbeitet hat. Das war sozusagen neu und nicht von Geschichte beschwert. Würde ich also Handlung verbinden mit klassischem Materal – Holz, Stein, oder Metalle – wäre immer die Erinnerung an die Geschichte da, an den Gebrauch dieser Materialien. Und davon war Stoff völlig frei.

Noch einmal zurück zu Ihrem Werdegang: An der Düsseldorfer Kunstakademie waren Sie einige Jahre Schüler des Aachener Kunstprofessors Karl Otto Götz. War diese Phase irgendwie wichtig oder prägend für Sie?

Walther: Für mich hat Götz eine große Rolle gespielt. Aus einem einfachen Grund: Er hat uns allen Freiheiten gegeben. Das war so großartig, so großzügig, das hatte ich vorher nicht erlebt. Ich hatte in Frankfurt studiert an der Städelschule – da bin ich wegen meiner Arbeiten rausgeflogen. Und Götz sagte: „Sie sind ein ernsthafter junger Mann, machen Sie einfach.“ So ein Vertrauen zu haben, das war Gold wert. Ich bin Götz bis heute emotional sehr verbunden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert