Pralle Szenen, dralle Akte, knallige Farben

Von: Sabine Glaubitz und Paula Konersmann
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Eines von vier Meisterwerken von Peter Paul Rubens, die in der Liebfrauenkathedrale von Antwerpen zu bewundern sind – eine Attraktion für Touristen: „Die Kreuzaufrichtung“. Foto: Stock/imagebroker
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Antwerpen und Rubens, die gehören zusammen wie der Strand und das Meer: Seine Statue steht vor der Liebfrauenkathedrale. Am 30. Mai 1640 starb der Künstler im Alter von 63 Jahren. Foto: Stock/alimdi

Antwerpen. Links der Heilige Georg mit Ritterrüstung und getötetem Drachen, rechts der Heilige Hieronymus in Kardinalstracht und in der Mitte die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind. Das Werk hängt über der Grabstätte von Peter Paul Rubens in der Sankt-Jakobskirche in Antwerpen.

Es war eine Auftragsarbeit, die letztlich in der Sammlung des Künstlers verblieb. Rubens, der vor 375 Jahren – am 30. Mai 1640 – im Alter von 63 Jahren nach langem Gichtleiden starb, hat nicht nur in der flämischen Stadt ein reiches künstlerisches Erbe hinterlassen.

Rubens war einer der Lieblingsmaler der katholischen Kirche. In Antwerpen, wohin er als Zehnjähriger im Jahr 1587 wieder zurückkehrte, zeugen viele Gotteshäuser von seinem Wirken. Die vier Meisterwerke „Die Kreuzaufrichtung“, „Die Kreuzabnahme“, „Die Auferstehung Christi“ und „Die Himmelfahrt Mariens“ hängen allein in der Liebfrauenkathedrale im Zentrum der Stadt.

Zum Katholizismus konvertiert

Rubens konvertierte in Antwerpen zum Katholizismus. Nicht nur deshalb wurde er zum Kirchenmaler par excellence. Durch Licht und Farbe fachte er die weltabgewandte Frömmigkeit seiner Vorgänger wieder an. Er brachte Lebendigkeit in die erloschene Religiosität. „Das Große Jüngste Gericht“ oder „Der bethlehemitische Kindermord“, beide in der Alten Pinakothek in München, zeugen von dieser dramatischen Formulierungskraft.

Sinnlichkeit, Farbe, Licht, Gewalt und mythologische Symbolik: Rubens‘ Bildsprache klingt in den Werken von Generationen von Künstlern nach. Pablo Picasso, Rembrandt und Gustav Klimt zum Beispiel haben in den Motiven und ausdrucksstarken Inszenierungen des Malerfürsten Inspiration gefunden. Wie groß sein Einfluss war, wurde erst vor wenigen Monaten in einer Ausstellung in Brüssel illustriert. Der mehr als 200 Jahre nach Rubens geborene Eugène Delacroix, der wegen seines großzügigen Umgangs mit Farbe als Wegbereiter des Impressionismus gilt, ließ sich zu seiner Zeit als „neuer Rubens“ feiern.

Geboren wurde Rubens vermutlich am 28. Juni 1577 in Siegen. Aus Glaubensgründen lebte die aus Antwerpen stammende Familie im Exil – Vater Jan Rubens, ein Jurist, war Calvinist. Nach seinem Tod kehrte die Mutter mit ihren sieben Kindern in die belgische Hafenstadt zurück. Peter Paul, der Zweitjüngste, besuchte die Lateinschule und verdingte sich für kurze Zeit als Page, widmete sich jedoch bereits mit 15 Jahren der Kunst. 1598 wurde er nach abgeschlossener Lehre in die Malergilde von Antwerpen aufgenommen.

Wenig später zog es ihn nach Italien, wo er 1604 eine Darstellung der heiligen Dreifaltigkeit für die Jesuitenkirche in Mantua schuf. Auch in Genua, Mailand und der spanischen Hauptstadt Madrid fand er Inspiration. 1608 rief ihn die Nachricht von einer schweren Erkrankung seiner Mutter zurück nach Antwerpen. Nach ihrem Tod eröffnete er dort sein eigenes Atelier, das bald Schüler aus ganz Europa anzog.

Rubens konnte sich vor Aufträgen kaum retten. Die Kirche, das zahlungskräftige Bürgertum, der Adel und die Könige Frankreichs, Englands und Spaniens kauften bei ihm. Hinter dem Maler dramatisch inszenierter Jagdszenen und mythologischer Stoffe mit Akten in leuchtender Fleischfarbe verbarg sich ein erfolgreicher Geschäftsmann. Bis zu 100 Schüler und Gehilfen arbeiteten in seinem Atelier, um der Nachfrage gerecht zu werden.

Orientiert an Michelangelo

Rubens orientierte sich an berühmten Vorgängern wie Michelangelo und Caravaggio. Die Gegenreformation verschaffte ihm zahlreiche Aufträge über Antwerpen hinaus, besonders für Altarbilder. Auch aus dem Adel kamen Stammkunden, etwa der französische Hof. Über Rubens‘ persönlichen Glauben ist indes wenig bekannt: Er soll täglich die Messe besucht, aber auch Interesse an sektierenden Strömungen gehabt haben.

Im höheren Lebensalter begann die zweite Karriere des inzwischen hochgeehrten Malers: als Diplomat der spanisch-habsburgerischen Krone. 1628 wurde er Sekretär des Geheimen Rats, verhandelte über den Frieden zwischen Spanien und England – und wurde zum Ritter geschlagen, als der Friedensvertrag nach zwei Jahren unterzeichnet wurde. Rubens seinerseits schenkte dem englischen König Karl I. das Gemälde „Krieg und Frieden“. In London erhielt er den Auftrag zur Ausschmückung des Festsaales des Whitehall Palace, zudem malte er viel für den spanischen König Philipp IV.

In seinen letzten Lebensjahren zog Rubens sich zurück, malte einige wenige Selbstbildnisse und zahlreiche idyllische Landschaften, während Europa vom Dreißigjährigen Krieg erschüttert wurde. Das Ende des Krieges 1648 erlebte er nicht mehr.

Im Rubenshaus in Antwerpen, seiner 1610 erworbenen Wohn- und Werkstätte, begegnet man dem Maler als Privatmann. In dem Anwesen im altflämischen Stil hängen Werke vom Meister und einiger seiner berühmtesten Zeitgenossen wie Anthonis van Dyck und Jacob Jordaens, denn Rubens war ein leidenschaftlicher Sammler. Bis zum 28. Juni ist dort noch eine Werkschau zu sehen, die Porträts seiner vier Kinder und seiner Ehefrauen Isabella Brant (sie starb 36-jährig an der Pest) und Hélène Fourment zeigen.

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