Aachen - Polnische Regie-Altmeister Andrzej Wajda kommt nach Aachen

Polnische Regie-Altmeister Andrzej Wajda kommt nach Aachen

Von: Günter H. Jekubzik
Letzte Aktualisierung:
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Verbindet in seinen Filmen historische, oft polnische Ereignisse mit individuellen Geschichten: Der 87-jährige Regie-Altmeister und Oscar-Preisträger Andrzej Wajda ist am Wochenende in Aachen. Foto: Stock/Newspix

Aachen. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Filmdebüt denkt Andrzej Wajda nicht daran, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Mit dem 87-jährigen Polen kommt am nächsten Freitag einer der bedeutendsten Regisseure des vergangenen und auch dieses Jahrhunderts nach Aachen, um im Eden-Palast mit „Das Massaker von Katyn“ seinen persönlichsten Film zu präsentieren.

 Am Tag darauf wird er im Aachener Rathaus mit der Polonicus-Auszeichnung für sein Lebenswerk geehrt.

Der neben Roman Polanski und dem 1996 verstorbenen Krzysztof Kielowski bekannteste Regisseur Polens verband schon immer historische, oft polnische Ereignisse mit individuellen Geschichten. Dass ihm in „Das Massaker von Katyn“, dem Film aus dem Jahre 2007 über eines der schmerzlichsten Traumata der Nation, die Ermordung des eigenen Vaters begegnet, macht dieses späte Meisterwerk Wajdas noch bewegender.

Andrzej Wajda hat so ziemlich alle Preise gewonnen, die es für anspruchsvolle Filmemacher gibt: Bereits sein dritter Film „Asche und Diamant“ – über die Tragik des Widerstandes gegen Deutsche und Kommunisten – erhielt 1959 in Venedig den Fipresci-Preis. Schon dabei erkannte man stellvertretend für viele weitere Werke: „Andrzej Wajda schildert die nationale Tragödie Polens voller Bitterkeit und tragischer Ironie in meisterhafter filmischer Gestaltung.“ (Lexikon des Internationalen Films).

1981 gab es eine Goldene Palme für „Der Mann aus Eisen“, einen Film, der sich unter den Regeln und Repressalien der kommunistischen Regierung um die Solidarno-Bewegung drehte, genau wie sein allerneustes Werk „Walesa“, das bald Premiere feiern wird. Es sollte auch in Fortsetzung einer Reihe über Arbeiter in Polen nach „Der Mann aus Marmor” (1977) und „Der Mann aus Eisen“ zeitweise „Der Mann der Hoffnung“ heißen. Selbst wurde Wajda 1989 als Kandidat der Solidarno in den polnischen Senat gewählt und blieb bis 1991 Senator.

Einen Goldenen Löwen und einen Ehren-Oscar für „fünf Jahrzehnte außerordentlicher Regie-Arbeit“ gab es schon vor mehr als zehn Jahren, was den energischen Film- und Theaterregisseur zum Glück nicht davon abhielt, weiter eindrucksvolle Arbeiten abzuliefern. Wajda inszenierte nicht nur fast 40 Filme, sondern auch immer wieder auf der Bühne. Die Berlinale legte 2006 mit einem Goldener Bären für das Lebenswerk nach. West-Berlin, „der Ort der Freiheit, der am nächsten zu Warschau lag“, spielte schon in den 1970er und 1980er Jahren eine wichtige Rolle für den Künstler. An der Berliner Schaubühne arbeitete Wajda bei Peter Stein, bei dem er 1987 „Schuld und Sühne“ nach Dostojewski inszenierte.

Ungeachtet enger Kontakte zu Deutschland blieb Wajda gegenüber dem westlichen Nachbarn Polens wachsam. Beim Stichwort Deutschland werde man immer an das Konzentrationslager Auschwitz denken, sagte er in einem Interview. „Goethe und Völkermord, Beethoven und die Gaskammern – all das gehört zum Erbe Deutschlands.“

Den Französischen und Britischen Filmpreis gab es 1983 und 1984 für das historische Revolutionsdrama „Danton“ mit Gerard Depardieu in der Hauptrolle. Man brauchte damals nicht viel interpretatorische Fantasie, um in den Grausamkeiten der Revolutionswirren Bezüge zum Polen der Zeit zu sehen.

Die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte auf höchstem künstlerischen Niveau kulminierte emotional 2007 mit „Das Massaker von Katyn“, als sich die Regielegende im hohen Alter noch einmal an ein für Polen traumatisches Thema wagte: Die Massaker russischer Soldaten und Geheimdienstler an mehr als 22 000 Polen, die im April 1940 in den Wäldern von Katyn ermordet und in Massengräbern verscharrt wurden, wirken bis heute nach.

Der aufwendige und dramatische Film zeigt auf einer Zeitebene den Weg der polnischen Offiziere, Intellektuellen und Soldaten in den Tod. Gezielt sollte die Elite des Landes vernichtet werden. Parallel erlebt man, wie nach dem Krieg der russische Druck dazu führt, dass selbst Angehörige nicht die Wahrheit über Katyn aussprechen durften. Das Unrecht wiederholte sich in der nächsten Generation.

Wajdas Film war nicht nur für ihn selbst, dessen Vater, ein Offizier, dort ebenfalls ermordet wurde, eine Katharsis. Eine ganze Nation konnte sich mit dem tief empfundenen Schmerz auseinandersetzen, und so war der Polnische Filmpreis für „Katyn“ fast Nebensache.

So eindrucksvoll Wajdas Filme waren und sind, seine Karriere machte anfangs scheinbare Umwege: Er wurde 1926 im polnischen Suwalki geboren, im Krieg bekam der für aktive Kampfeinsätze anfangs zu junge Teenager bei Widerstandsgruppen Zeichenunterricht und studierte danach Malerei an der Kunstakademie in Krakau, bevor er zur Staatlichen Filmhochschule nach Lodz ging. Dort lernte er übrigens den jüngeren Roman Polanski kennen, der in seinem Examensfilm mitspielte. Die Freundschaft scheint fortzubestehen, denn Polanski gab einen seiner sehr seltenen Auftritte als Schauspieler 2002 in Wajdas Film „Zemsta“.

Zu den besonders bewegenden Filmen des Altmeisters gehört „Korczak“, ein Holocaust-Drama. Janusz Korczak entschied sich als berühmter Arzt, Schriftsteller und Pädagoge für ein Leben mit „seinen“ Waisenkindern – auch im Warschauer Ghetto und auf dem Weg zum Tod im KZ Treblinka. Der wunderbar gespielte Film war wegen eines surrealen Endes heftig umstritten, was man exemplarisch dafür sehen kann, dass Wajda durchaus ein Künstler mit eigenen Visionen und eigenem Kopf ist.

Im Widerspruch zu Klischees über Kunst in Diktaturen und in freieren Gesellschaften hat er sich nirgendwo in einen gefälligen Mainstream eingereiht. Und so nicht nur Filmgeschichte geschrieben. Denn die intensiven, immer im einzelnen Menschen gebrochenen Einblicke in historische und gesellschaftliche Vorgänge seiner Filme sind derart eindringlich, dass sie Geschichtsbilder prägen. Man könnte dies auch Propaganda nennen, doch gerade die Integrität des epochalen Künstlers ist ein weiterer, hoch anzusetzender Wert seiner Werke.

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