Aachen - Plüschig: Opernabteilung der Aachener Musikhochschule zeigt Ravel

Plüschig: Opernabteilung der Aachener Musikhochschule zeigt Ravel

Von: Armin Kaumanns
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Junge Sängerinnen und Sänger
Junge Sängerinnen und Sänger in Aktion: Bei „LEnfant et les Sortilèges” ist auf der Bühne im Großen Haus Dauerbetrieb. Die diesjährige Produktion der Musikhochschule ist ein voller Erfolg. Foto: Carl Brunn

Aachen. Die letzte Opern-Premiere der Spielzeit gehört in jedem Jahr der Musikhochschule. Dann finden sich besonders viele jugendliche Besucher im Theater ein, Freundinnen und Freunde, Studienkollegen der Nachwuchs-Sänger, die meist zum ersten Mal in ihrem Leben auf einer richtigen Bühne stehen, aber auch stolz-nervöse Eltern, Großeltern und Paten der Künstler.

Und meistens geschieht schon vor dem ersten Ton, dem Moment, zu dem Herbert Götz den Taktstock vor dem Hochschulorchester hebt, Ungewöhnliches im Kultur-Tempel.

Diesmal schallt die Stimme einer Inspizientin durchs Foyer, die auf Französisch offenbar für die Öffentlichkeit Wichtiges zu vermelden hat. Später vernehmen die Besucher die zunehmend hysterischer werdenden Worte eines Mannes, der seine Pudel vermisst - ohne die die offenbar berühmte Pudel-Nummer nicht stattfinden kann.

Betritt man den Saal, befindet man sich unversehens im Varieté. Vielmehr: dahinter. Denn auf der Bühne ist der rote Vorhang noch geschlossen, Tänzerinnen schminken sich, schmieren die Gelenke, einige Männer fläzen sich in Sesseln, die offenbare Leiterin des Etablissements schwingt züchtigend die Reitpeitsche. Wir schauen hinter die glitzernde Welt des Pariser Nachtlebens, denn als die Show beginnt, der Vorhang aufgeht, drehen uns die Tänzerinnen in ihren Rüschenröcken den Rücken zu: Das Publikum sitzt auf der Bühne: Herren mit Zwirbelbärten in Frack und Zylinder. Man(n) will sich amüsieren.

Nun hat das alles nichts zu tun mit Maurice Ravels Oper „LEnfant et les Sortilèges”, die auf dem Programm steht. Selbst die Musik ist von Darius Milhaud und gesungen wird auch nicht, sondern getanzt. Ein Blick auf den Programmzettel verrät: Hier ist ein Regisseur am Werk. Sebastian Jacobs hat sich offenbar gedacht, die angehenden Profi-Sängerinnen und -Sänger sollten ruhig mal erfahren, wie das ist, wenn von der Vorstellung des Komponisten auf der Bühne nichts mehr zu sehen ist.

Ein pädagogisches Programm, bei dem auch die Tänzerinnen und Tänzer der Hochschule pittoresk zum Einsatz kommen können. Das Publikum ist amüsiert, die Musik sehr witzig (und überdies sehr anständig gespielt), der Prolog gelungen.

Nun steht man aber mit Beginn von Ravels betörend diffizilen Klängen auf der Hinterbühne eines Varietés und nicht in einem Kinderzimmer, wie erwartet. Und ein Kind ist auch nicht in Sicht, sondern eine junge Dame, die sich als Verkörperung von Ravels Librettistin Colette erweist - eine skandalträchtige Literatin im Paris der Jahrhundertwende.

Und wirklich gibt es im Verlauf des gut einstündigen Opernabends den berühmten Kuss auf offener Bühne zu sehen, der Colette einen weltberühmten Skandal einbrachte. Bei Ravel heißt das Mädchen Claudette und hier singt Marie Seidler die Partie mit vielen schönen Registern, deren Pracht noch ausbaufähig erscheint. Sie erhält am Schluss den enthusiastischsten Beifall, neben Anne Heffner Jessica Grzanna, die eine erstaunlich gelenkige, bis in höchste Gefilde mit Wonne anzuhörende Koloratursopranistin abgibt - als Feuer, Prinzessin und Nachtigall.

Allerdings ist von den merkwürdigen Zauberwesen im Libretto kaum etwas übrig geblieben. Worum es im Detail auf der Bühne geht, bleibt nicht französisch sprechenden Zuschauern schleierhaft - was wohl ebenfalls zum Konzept gehört. Denn statt symbolistisch schwerer Kost im vermeintlich lichten Gewand eines blutrünstigen Kindermärchens schwelgt die Regie in Ausstattung.

Immer ist was los auf der Bühne, man weiß gar nicht, wohin mit den Augen. Und die Sänger-Darsteller agieren mit Hochdruck. Mancher Stimme hört man die Aufregung an, mancher schon große Erfahrung. Selten wird es unsauber, ganz überwiegend sind die Stimmen auf einem guten Weg. Mit der Regie haben sie sämtlich kein Problem - was ebenfalls ein Vorteil ist, wenn man den Beruf des Opernsängers anstrebt. Fürs Premierenpublikum jedenfalls war der Abend spannend. Ziemlich alles hat geklappt, niemand hat sich blamiert.

„LEnfant et les Sortilèges”, Oper von Maurice Ravel/Darius Milhaud, Theater Aachen, Großes Haus, Produktion der Musikhochschule Aache/Köln, Beginn: 19.30 Uhr, 70 Minuten ohne Pause, in französischer Sprache, keine Übertitel. Termine: 26. Juni, 3., 9. Juli.
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