Perfektion mit Haut und Knochen: Ludwig Mies van der Rohe wird 125

Von: Alexander Brüggemann (KNA)
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Aachen. Ihre Stunde schlug nach dem Ersten Weltkrieg, als die traumatisierten Gesellschaften Europas begriffen: Mit der alten Formensprache der Ornamente und Neo-Stile, des Backsteins und des Stucks ist die totale Umwälzung der technisierten Welt von heute nicht mehr auszudrücken.

Einige wenige Avantgardisten standen bereit, mit neuen Formen, Grundrissen und Materialien auf die Herausforderung der Moderne zu antworten. Einer der wichtigsten von ihnen war der Architekt Ludwig Mies van der Rohe, der vor 125 Jahren, am 27. März 1886, in Aachen geboren wurde.

Sein Name gibt ihm einen Hauch internationaler Noblesse. Dabei war er der Sohn eines einfachen Maurers und Steinmetzen namens Michael Mies. Erst 1922 fügte sich das Konstruktionstalent den Geburtsnamen seiner Mutter, Amalie Rohe, an und verband die Bauteile mit einem eleganten „van der”.

„Architektur beginnt, wenn zwei Backsteine sorgfältig zusammengesetzt werden.” Dieses handwerkliche Credo könnte auf die gute Schule seines Vaters zurückgehen, der ihm sein Geschick und Interesse am Gestalten mitgab.

Schon früh zog es Mies nach Berlin, wo er ab 1905 Stationen im Bereich Holz- und Möbelkonstruktion absolvierte. 1908 wechselte er ins Büro des damaligen Trendsetters der „sachlichen Architektur”, Peter Behrens, wo auch die späteren Visionäre Walter Gropius und Le Corbusier arbeiteten.

Zunächst noch von den Formen des Neoklassizismus geprägt, entwickelte Mies - auch in Auseinandersetzung mit zeitgenössischen philosophischen und künstlerischen Strömungen wie dem Expressionismus und Konstruktivismus - allmählich eine eigenständige Sprache, die auf Qualität des Materials, Fläche und variable Nutzbarkeit setzte. 1927 äußerte er die Überzeugung, die Form solle nicht um ihrer selbst willen, sondern „vom Leben her” gefunden werden. „Form als Ziel mündet immer in Formalismus.

Wirkliche Form setzt wirkliches Leben voraus.” Seine Bauten wollte er zu „neutralen Rahmen” machen, „in denen Menschen und Kunstwerke ihr eigenes Leben führen können”. In diesem Sinn entstanden als frühe Meisterwerke die Mehrfamilienhäuser der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung (1927), der grandiose deutsche Pavillon für die internationale Ausstellung in Barcelona (1928/29) oder die Villa des Ehepaars Tugendhat im mährischen Brno (Brünn, 1930). Auf Drängen von Gropius übernahm Mies 1930 die Leitung des bedrängten Bauhauses in Dessau und Berlin, bis die Nationalsozialisten dort endgültig die Lichter ausmachten.

1937 kehrte er der geistigen Enge Nazi-Deutschlands den Rücken und folgte dem Werben der Neuen Welt. Aus mehreren Optionen zog Mies 1938 die Leitung der Architekturabteilung des Illinois Institute of Technology (I.I.T.) in Chicago. Bereits bei der Neugestaltung des Hochschulgeländes zeigte er die zentralen, zukunftsweisenden Gestaltungselemente seiner amerikanischen Zeit: das sichtbare Bauskelett aus Stahlelementen und die gläserne Fassade. Glas und Stahl als Haut und Knochen des Gebäudes.

Auf diese Weise entstanden die späten Meisterwerke wie das scheinbar schwebende Farnsworth House in Plano (1945/50), die Crown Hall des I.T.T. in Chicago (1956), das New Yorker Bürohochhaus Seagram (1958) oder die Neue Nationalgalerie in Berlin (1962-1968). „Es lag mir daran, alles vernünftig und klar zu halten”, resümiert Mies van der Rohe. „Manche Leute sagen, was ich mache, sei kalt. Das ist lächerlich. Man kann sagen, dass ein Glas Milch warm oder kalt ist. Aber nicht Architektur.

Allerdings kann man sich mit Architektur langweilen. Mich langweilt das Zeug, das ich um mich herum sehe. Es hat keine Logik und keinen Verstand.” Dekoriert mit Auszeichnungen, aber geplagt von Arthritis und Speiseröhrenkrebs, starb Mies 1969 in Chicago. Die revolutionären Ideen des Bauhauses haben eine neue, rationale Richtung des Bauens vorgegeben.

Sie wurden totgeritten in den plumpen Klonen der Vorstädte, den real existierenden Plattenbaulandschaften von Paris bis Prag, von Magdeburg bis Wladiwostok: die Diktatur der geraden Linie; das traurige Gesicht der Architektur des 20. Jahrhunderts. Steht man vor den Originalen, der Villa Tugendhat oder dem Barcelona-Pavillon, begreift man: Um dorthin zu gelangen, wo Mies hingelangt ist, bedurfte es eines Genies. Von dort wieder wegzukommen, braucht es viele.
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