Perfekter Grusel: Matthias Brandt schockt im Energeticon

Von: Eckhard Hoog
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Wahnsinn! Matthias Brandt in Alsdorf. Foto: Wolfgang Sevenich

Alsdorf. Jäh zerreißt ein Schrei die Stille – alles fährt zusammen. Norman Bates ist aufgewacht und erschrickt – jener Norman Bates, der in die Filmgeschichte eingegangen ist, dessen Name allein das Kopfkino in Gang setzen kann. Das einsame Motel, der Dampf in der Dusche, das Messer, der Abfluss, das Blut...

An diesem Abend bedarf es keiner Bilder, um den Schock in die Glieder fahren zu lassen: Alfred Hitchcocks Klassiker „Psycho“ – angekündigt als musikalische Lesung „Fantasie über das kalte Entsetzen“ im Rahmen des Kulturfestivals der Städteregion Aachen.

Aber das ist wahrlich keine „Lesung“, was der Schauspieler Matthias Brandt und der Jazzpianist und Sänger Jens Thomas über 90 Minuten auf der Bühne im Alsdorfer Energeticon entfesseln, eher eine Performance, atemberaubend, mit Text, improvisierten Klängen, schrillen Dissonanzen, Gesang, Percussion, Schauspiel. Wahnsinn! Buchstäblich.

All das ist noch völlig unerwartet, als Brandt in Blue Jeans und schwarzem T-Shirt Platz nimmt auf dem schlichten Stuhl. Da denkt man noch an den Kommissar Hanns von Meuffels aus dem „Polizeiruf 110“ – ungewohnt leger, vielleicht. Aber mit seinem ersten Schreckensschrei ist das vorbei – und der Blick öffnet sich in die seelischen Abgründe eines schizophrenen Mörders.

Die ruhige Stimme des Erzählers wechselt ab mit gespenstisch hexenhaftem Keifen und Kichern der Mutter, Wimmern und Wüten des Sohnes, der sich in seiner pathologischen Verklemmtheit einer Welt von „Schlampen“ gegenüber wähnt.

Der schüchterne Norman mutiert im nächsten Moment zur herrschsüchtigen Mutter. Brandt spielt die gespaltene Persönlichkeit mit unglaublicher Perfektion, wechselt unvermittelt zwischen gefährlich ruhigen Passagen voller Gewaltfantasien und abrupten Gefühlsausbrüchen, greift zum Wasserglas, wenn der impotente Norman die Depression in Whiskey ertränkt.

Brandt, mitunter fratzenhaft entstellt, geht geradezu körperlich auf in dieser schillernden „Psycho“-Figur – und auch in der des Opfers, das hier nicht Marion heißt wie im Film, sondern Mary wie in dem Roman (1959) von Robert Bloch, der dem Film zugrunde liegt. Im Film wird Mary „nur“ erstochen, im Roman – noch schauerlicher und damit auch in den von Brandt ausgewählten Passagen aus Blochs Buch – wird ihr der Kopf abgeschnitten.

Das ist auch der Höhepunkt im Part von Stimmakrobat Jens Thomas, der den Identitätsverlust Normans mit Klavierspiel, Saitenzupfen, Getrommel, Gurgeln, Grunzen bis hin zu grellem Falsett und Songs von AC/DC begleitet. Am Ende ist das Publikum dermaßen aus dem Häuschen, dass Brandt und Thomas sich motiviert sehen, die Mordszene in der Dusche genüsslich als Zugabe zu bringen. „Der Kopf ist abgeschnitten“ – und der Grusel perfekt. Zum Finale „Highway To Hell“. Standing Ovations für einen unglaublichen Abend.

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