„Peer Gynt“ im Theater Aachen: Ein Kraftakt, nicht nur fürs Ensemble

Von: Sabine Rother
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Sein einziger Halt: Björn Jacobsen und Nele Swanton in „Peer Gynt“ im Großen Haus. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Wo die fiesen Trolle ihre glatten, ekligen Rattenschwänze schwingen, ergreift selbst ein hart gesottener Aufschneider wie Peer Gynt die Flucht. Zu seinem Wahlspruch „Sei du selbst“ bilden sie mit ihrem restriktiven „Sei dir selbst genug“ die Exposition für das gesamte Stück.

Wuchtige, sinnliche Bilder, dann wieder schmerzlich stille Szenen, massive Ensemble-Momente und Situationen völliger Einsamkeit prägen diese Inszenierung. Ewa Teilmans hat Henrik Ibsens kompliziertes Werk „Peer Gynt” (Uraufführung 1876) auf die Bühne im Großen Haus des Theaters Aachen gebracht, ein „Dramatisches Gedicht”, das ohne straffe Regie aus dem Ruder läuft.

Klare Handschrift

Teilmans erzählt mit klarer Handschrift die Geschichte eines Getriebenen, der aus der zu Anfang noch verständlichen Flucht in die Fantasie nicht mehr herausfindet, der Sklavenhandel betreibt, Reichtum ergaunert, durch massive Selbstüberschätzung alles verliert, aber vom Leiden nicht geläutert wird, sondern bis zum Schluss über Leichen geht, um seine (Sehn-)Süchte zu befriedigen. Einsicht? Nein, selbst im fortgeschrittenen Alter, in dem seine Männlichkeit erschlafft, ignoriert Peer Gynt, was ihm nicht passt.

Die Regisseurin stellt ihm vier, gegen Ende sogar fünf andere „Peers“ (in gleicher Kleidung) an die Seite – mehr als ein Symbol für diese gefährlich multiple Persönlichkeit. Sie analysieren, flüstern, mahnen und bleiben doch flüchtige Gedanken. Björn Jacobsen kämpft sich textsicher mit steter Präsenz durch das turbulente Dasein dieses Mannes, der in seinem Wahn nur dann innehält, wenn eine zarte Gestalt auftritt – Solveig. Nele Swanton verkörpert sie mit jener reinen, heiteren, nahezu immunisierenden Strahlkraft, die selbst das Dunkle traumwandlerisch überwindet. Blond zunächst, dann ergraut nach langen Jahren des Wartens, bleibt sie letztlich rätselhaft. Der zurückkehrende, sterbende Peer Gynt, der im Irrenhaus von Kairo unter dem Regiment des zynischen Chefarztes Begriffenfeldt (sehr eindringlich: Rainer Krause) zuvor ein irrsinniges Kaisertum genossen hat, liegt ihr zerstört zu Füßen – und sie ist erschrocken distanziert.

Was im ersten Teil fabelhaft funktioniert und Witz hat, zieht sich nach der Pause allerdings doch etwas in die Länge. Zu üppig sind die Szenen angelegt – selbst ein Pegasus mit Engelsflügeln fehlt dem Geschichtenerzähler nicht. Und die Missgeburt– Peer-Junior, gedanklich gezeugt mit der Trollfrau – ist nicht nötig. Denn als Zuschauer versteht man sehr gut, wie sich der Bauernsohn Peer Gynt aus der bedrängenden Enge seines armen Lebens fortträumt in Abenteuer, erotische Abenteuer und lustvolle Macht, ein Prahler – und zugleich ein Ausgestoßener. Eindringlich die Szenen, in denen Peer als „bunter Hund” (tatsächlich trägt er einen unsäglich bunten Norwegerpulli und Pullunder) von der Dorfgemeinschaft in traditionell dunkler Festkleidung verhöhnt, gedemütigt und brutal misshandelt wird. Ein Außenseiter eben, der Neid und Missgunst durch sein Anderssein weckt.

Andreas Becker bietet in seinem großartigen Bühnenbild aus hohen Fensterwänden, die an ein düsteres Gewächshaus erinnern, Raum für Bürgerlichkeit und gleichzeitig für wilde Fantasien von Wüsten und Oasen bis hin zum Schiff im Sturm und wieder zurück in die trübe dörfliche Einöde. Magische Lichttechnik (Dirk Sarach-Craig) verstärkt alle Verwandlungen, für die die Drehbühne nahezu geräuschlos sorgt. Stimmig hierzu hat Becker das Ensemble mit signalkräftiger Kleidung versorgt – ob nun norwegische Festtagshüte oder ein Pfarrer mit plüschigen Eselsohren und ein gigantischer Teufel auf Stelzen in sakralem Violett.

Tod und Lebenssucht

Viel Autobiografisches steckt in diesem Stück, die Kritik an der norwegischen Gesellschaft, die sich in den Trollen manifestieren, aber auch die ewige Geschichte von Tod und Lebenssucht, von „Jedermann“ und „Faust“. Hierzu gibt es gespenstisch in Gläsern konservierte Föten – ein multipler „Homunkulus“ aus dem Urfaust?

Nicole Spiekermann spielt die verzeihende, deftige Aase, deren Mutterliebe Peer sogar Schlimmstes nachsieht, und den dämonischen Knopfgießer, der Peer als „Ausschuss der Menschheit” – zu schlecht für den Himmel, zu lasch in seiner Bosheit für die Hölle – in der großen Kelle einschmelzen will. Eine starke Leistung, wie überhaupt diese Inszenierung ein Kraftakt für das gesamte Ensemble mit über 18 Akteuren bedeutet (in weiteren Rollen: Lara Beckmann, Felix Strüven, Torsten Borm, Tim Knapper, Philipp Manuel Rothkopf, Florian Denk, Johanna Esser, Karina Kettenis, Keara Lindert-Knöppel, Nelson Mendes, Irena Orawiec, Danijel Pavisa, Günter Poschmann, Saskia Pohl). Man erkennt, wie detailgenau Teilmans gearbeitet hat, wie sie die komplizierten Stränge des Stoffs zusammenführt. Eine beständige Klangcollage von Malcolm Kemp mit Grieg-Zitat und mystischem Glockengeläut vertieft die Eindrücke.

Das Bild der Zwiebel, die Schale um Schale verliert und schließlich ohne Kern vergeht, ist Peers Lebensbilanz – und er spuckt den Zwiebelbrei aus. Begeisterter Applaus eines nach dreieinhalb Stunden dann doch teilweise Ibsen-müden Publikums.

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