„Pariser Leben” im Schauspielhaus Düsseldorf

Von: Guido Rademachers
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„Pariser Leben” im Schauspielhaus Düsseldorf mit (von links) Katrin Röver, Rainer Golke und Anna Kubin. Foto: Sebastian Hoppe

Düsseldorf. Bismarck soll nach der Kriegserklärung Frankreichs 1870 auf einem Stuhl durch sein Zimmer geritten sein und „Jetzt geht´s los” aus dem Finale von Offenbachs „Pariser Leben” gesungen haben. In Hermann Schmidt-Rahmers Inszenierung der Operette am Schauspielhaus Düsseldorf ist alles vorbei, bevor es überhaupt begonnen hat.

Aber die Schauspieler singen immer noch lauthals „Jetzt geht´s los”.

Die tiefe Trostlosigkeit, die solch eisernen Willen zum totalen Amüsement zu schmieden vermag, erfasst einen bereits beim Betreten des Zuschauerraums. Auf der bis zur Brandmauer offenen Bühne dreht sich langsam eine Wartesaallandschaft aus Sesseln und einem Wohncontainer.

Wind pfeift, und vom Bühnenhimmel, in dem wie zum Hohn ein Operetten-Kronleuchter hängt, fällt Schnee. In den 1970er Jahren entdeckte kritisches Theater die Verlogenheit des Bürgertums in der Operette, jetzt geht es nur noch um Verlorenheit. „Wann hatten Sie das letzte Mal Geschlechtsverkehr?”, presst ein Mann, der mit Koffer aufgetreten ist, durch die Zähne. Die Frau neben ihm muss überlegen: „Vor zwei Jahren?”

Bestechend direkt werden so Baron und Baronin von Gondremarck vorgestellt: Götz Schulte als Trottel mit Hornbrille, Männerhandtäschchen, Pfeife und dem Charme von zu steif geschlagener süßer Sahne sowie Katrin Röver als blondes und dauerlächelndes Quietschpüppchen. Schweden sind beide, „im Dunkel vergessen. Das Leben, die Liebe in eisigen Wäldern und schattigen Schären zu Kohle erstarrt.” Eine Projektion mit Godzilla im Schneetreiben bebildert die Sätze. Da kann nur noch ein Paris-Besuch helfen. Die Stadt der Liebe. Oh la la.

Allerdings wird den beiden das Pariser Leben erst einmal vorgegaukelt - durch eine Privatinszenierung Gardefeus, der sich als Fremdenführer ausgibt, um Frau Baronin besser verführen zu können. Eine eilig zusammengewürfelte Spaßgesellschaft schleust die Schweden durch eine Geisterbahn des erotischen Entertainments: eine lausige Show zwischen Pappkulissen, die sich vermutlich nicht sonderlich von den echten lausigen Shows in Paris unterscheidet, und, wie zunehmend klar wird, nicht nur die Gondremarcks auf der Bühne an der Nase herumführt, sondern auch die Zuschauer. Die sind schließlich ebenfalls hergekommen, um das „Pariser Leben” zu sehen.

Markus Scheumann als Gardefeu blickt so vor, nach und gerne auch bei seinen Gags ins Publikum - zum eigentlichen Adressaten. Die Auftritte führen ihn als erstes an die Rampe: Ein Conferencier der Extraklasse, der von Atze Schröder bis Otto Waalkes so ziemlich alles drauf hat, was unterste Schublade ist.

Lässig zurückgelehnt, die Hände in den Taschen feuert er auf eine Gesellschaft, die krampfhaft auf Vergnügen macht, seine faulen Witze zum Totlachen ab. Dazwischen scheppert eine auf zehn Mann reduzierte Kapelle - überwiegend Blechbläser - laut und virtuos durch die Musiknummern. Offenbach klingt schwer nach Zirkusmusik. Und die Schauspieler zeigen vom grellen Operntremolo-Fake (Anna Kubin) bis zur Kaputtstimme mit Gossenflair (Cathleen Baumann), dass hier eigentlich auch keiner singen kann.

Eine der Verrücktheiten dieses schön schrillen und verzweifelt wütenden Operettenabend ist, dass er am ehesten noch auf eins verzichten könnte: auf die Musik.

Die Operette „Pariser Leben” ist noch am 31. Januar sowie am 1., 16. und 18. Februar im Düsseldorfer Schauspielhaus, Gründgens-Platz 1, zu sehen.

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