Paarleben in Zeiten des Internets

Von: Eckhard Hoog
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Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“ in den Aachener Kammerspielen: mit (von links) Johanna Falckner, Karsten Meyer, Tim Knapper und Julia Doege. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Nach sieben Jahren stellt sich der allseits geschätzte Berliner Autor Moritz Rinke wieder mit einem neuen Stück auf der Bühne vor: „Wir lieben und wissen nichts“. Die Erwartungen waren offensichtlich groß – sieben Theater stehen Schlange, um die Komödie nach der Frankfurter Uraufführung vor vier Wochen nachzuspielen.

Das Theater Aachen stand an erster Stelle und präsentierte am Sonntagabend die Premiere in den Kammerspielen. Und womit wird der Zuschauer nun überrascht? Mit einem klassischen Boulevardstück, einer Beziehungskomödie voller satirischer Spitzen, zum Beispiel auf so neumodische Unverzichtbarkeiten wie Internet, Apps und deren durchschlagende Wirkung auf das Zusammenleben zeitgenössischer Paare – nicht mehr und nicht weniger.

Klar gezeichnete Typen, eine einfache Konstellation zweier gegensätzlicher Paare und spritzige Dialoge voller Pointen produzieren Komik am laufenden Band. Regisseur Robin Telfer hat gar nicht erst versucht, übermäßig dramatischen Tiefsinn in Rinkes Stück hineinzuinterpretieren und inszenierte einen leichten Theaterabend, den man genauso gut in der Komödie am Kurfürstendamm wie im Aachener Grenzlandtheater erwarten konnte.

Kulturgeschichte der Orgie

Sebastian (Tim Knapper), den man angesichts seiner Rundbrille und des Vollbarts auf Anhieb in die Schublade „grüner Intellektueller“ steckt, hockt im leergeräumten Wohnzimmer (Bühne und Kostüme: Siegfried E. Mayer) verkrampft auf einem Stuhl und bekommt den Hintern nicht hoch. Während Hannah (Johanna Falck-ner) herumwuselt und Umzugskartons packt, referiert der Hypochonder, ein Leidender an der gesamten Gegenwart, vornehmlich unter möbelrückenden oder sonst wie lärmerzeugenden Nachbarn, über die Kulturgeschichte der Orgie und andere historische Annehmlichkeiten aus der Vergangenheit. Zum Bedauern seiner Partnerin selbst jeder Körperlichkeit, schon gar allem Orgiastischen aus purer Trägheit völlig abhold, erweist sich Sebastian als der Typus des notorisch rückwärtsgewandt flüchtenden Bücherwurm-Romantikers, lebens- und handlungsunfähig in einer Welt, in der tatkräftige Macher gefragt sind. Über das Schreiben von Vorworten ist er nie hinausgekommen.

Hannah ist der Prototyp des Gegenteils: Die Fruchtbarkeits-App krönt als ultimatives Instrument ihre systematische Verplanung des sexuell-privaten wie des beruflichen Sektors, in dem sie ihr Geld damit verdient, schweizerischen Bankern das buddhistisch-entspannte Atmen beizubringen.

Auf diese beiden konträren Persönlichkeiten trifft das Paar Magdalena (Julia Doege) und Roman (Karsten Meyer) zum Wohnungstausch auf Zeit – genau anders- herum gepolt. Roman, der Internet- und Technikfreak, flüchtet in eine Welt der vermeintlich unverzichtbaren Segnungen der Neuzeit und wähnt sich dabei, selbst daran teilzuhaben – doch sein ganzer Beitrag zum Fortschritt in einer vernetzten Welt ist der simple Außenlack einer Batterie, die mit einem Satelliten ins All geschossen wird. Die Überspitzungen und Kontraste der karikiert gezeichneten Figuren liefern jede Menge situationskomische und satirisch-pointierte Treffer.

Das Stück verharrt allerdings überwiegend im Bereich gehobener Unterhaltung. Roman, der es nicht wahrhaben will, dass er in der kalten, renditeorientierten Kapitalistenwelt längst gescheitert ist, lässt an keiner Stelle wie ein Willy Loman in die Tiefen eines zerrissenen Charakters blicken. Magdalena verkörpert den Typus, der das Kleeblatt vervollständigt: Sensibel, in sich gekehrt, weich und wenn auch leicht versoffen, hat sie sich so etwas wie ein Stück authentischer Menschlichkeit bewahrt.

Den Spiegel halten uns hier zugespitzt vier Lebensentwürfe entgegen, wie sie wohl typisch sind in einer Zeit, die keine Kompromisse zulässt. Zur Auswahl stehen: mitspielen im allgemeinen Trend oder sich verweigern und aussteigen.

Dass man diese Quintessenz nicht unbedingt so ganz todernst nehmen muss, zeigen die ersten Inszenierungen des neuen Rinke-Stücks beide: In Frankfurt trabten zum Schluss zwei Eisbären herein – quasi als Sinnbild der sozialen Kälte. In Aachen schwebt stattdessen Internet-Freak Roman im Raumanzug zu den Sternen und entschwindet im Nichts.

Die Schauspieler Tim Knapper, Karsten Meyer, Julia Doege und Johanna Falckner, ehemaliges Ensemblemitglied, spielen die komödiantischen wie die ernsten und pathetisch-appellativen Elemente des Stücks so gestochen scharf und präzise heraus, dass alles wie ganz spontane Reaktionen wirkt. Da geht auch nicht die feinste Pointe verloren. Allein ihre Blicke in den Momenten der Peinlichkeiten und gegenseitig betretenen Fettnäpfchen – das reinste Vergnügen.

Das Publikum dankte auch dem anwesenden Autor für einen knapp zweistündigen heiteren Abend mit lang anhaltendem Applaus.

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