Aachen - Ovationen zum Abschluss der Saison

Ovationen zum Abschluss der Saison

Von: Pedro Obiera
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Ein prächtiges Bild: Marcus R. Bosch dirigiert das Aachener Orchester, die 220 Sängerinnen und Sänger sowie die Solisten beim letzten Konzert der Saison im Eurogress. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Allein der Aufmarsch von sieben Chören mit stattlichen 220 Stimmen beeindruckt schon durch seine bühnenreife Imposanz. Aus den singenden Heerscharen einen homogenen Klangkörper bilden zu wollen, das steht auf einem anderen Blatt.

Aachens GMD Marcus R. Bosch ließ sich jedenfalls nicht die Gelegenheit entgehen, zum Abschluss der Konzertsaison und im Rahmen der Chorbiennale im randvoll besetzten Eurogress vier erstklassige Aachener Singvereinigungen mit Gastchören aus der Ukraine und Tel Aviv sowie dem Overbacher Kinderchor an die nicht einfachen Aufgaben heranzuführen, die Leonard Bernstein in seiner Dritten Symphonie den Sängern abverlangt.

Dass man unter solchen Umständen keine Wunder an makelloser Ausgeglichenheit und Präzision erwarten darf, versteht sich von selbst. Doch gelang es Bosch, die unterschiedlich profilierten Chöre zu einer eindringlichen Interpretation des ebenso gesanglich wie geistig anspruchsvollen Werks zu bewegen.

„Gewissensfragen”

Der Abend stand unter dem Motto „Gewissensfragen” und bezieht sich auf zwei religiös verwurzelte Symphonien der beiden zentralen Komponisten der ablaufenden Saison, der „Reformations-Symphonie” des zum Protestantismus konvertierten Juden Felix Mendelssohn Bartholdy und der „Kaddish”-Symphonie des überzeugten Juden Leonard Bernstein.

Gemeinsam ist den an sich gegensätzlichen Meistern das Bemühen, ihre tiefe und zugleich tiefgründig reflektierte Religiosität durch ihre Musik auszudrücken. Natürlich mit extrem unterschiedlichen Ergebnissen.

Bernstein konzipierte seine letzte Symphonie als symphonisches Oratorium für großen Chor, Kinderchor, Sprecher, Sopran-Solo und großes Orchester.

Der von Bernstein selbst verfasste, umfangreiche gesprochene Text wird durch drei Kaddishs, jüdische Gebete in hebräischer Sprache, ergänzt, wobei im Laufe der drei Sätze Zweifel an der Macht und positiven Kraft Gottes einer letztlich überwiegenden Hoffnung weichen.

Der durch die Sprecherrolle anvisierte melodramatische Duktus erinnert vor allem in den ersten beiden Sätzen an Schönbergs Oper „Moses und Aron”, die allerdings in zweifelnder Resignation endet.

Bosch arbeitet die moderat zwölftönig strukturierte, zerklüftete Klangwelt der ersten Sätze plastisch aus und verfällt auch in den Dur-geschwängerten Schlusshymnen in keinen plakativen Jubel-Ton.

Trotz des gigantischen Stimmenaufgebots verkneift sich Bosch jede Monumentalisierung der letztlich verhaltenen, stilistisch zerrissenen Chorpartie. Dass die Stil- und Stimmungsbrüche recht sicher bewältigt wurden, verdient Anerkennung.

Umso deutlicher konnte bei Bernstein das Orchester glänzen, was bei der 5. Symphonie von Mendelssohn zumindest am ersten Abend nicht immer mit lupenreiner Präzision gelang.

Der ohnehin etwas dickliche Klang der Symphonie präsentierte sich im Eurogress noch massiver, so dass sich auch Bosch der Gefahr pathetischer Schwere nicht immer entziehen konnte.

Neben den hoch motivierten Chören und dem zuverlässigen Aachener Orchester erfüllte die berühmte Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender die umfangreiche Sprecherrolle mit vorbildlicher Artikulation und einer geschickt austarierten Balance von emotionaler Distanz und Intensität.

Mit großem lyrischem Atem, wenn auch manchem angestrengten Spitzenton erwies die Sopranistin Alexandra Coku von der Deutschen Oper am Rhein ihrer kleinen Partie Referenz.

Und zum Mammutchor versammelten sich der Aachener Kammerchor, Carmina Mundi, der junge Chor Aachen, der Madrigalchor Aachen, der Kammerchor Oreya Zhythomyr aus der Ukraine, The Tel Aviv Chamber Choir sowie der Overbacher Kinderchor.

Ovationen für einen außergewöhnlichen Saisonabschluss - für alle Beteiligten.

Man soll den Tag ja nicht vor dem Abend loben, aber an dieser Stelle sei es mal erlaubt: Am Samstag geht die Chorbiennale in Aachen zu Ende, und man kann jetzt schon sagen, dass sie ein grandioser Erfolg war.

Alle Veranstaltungen, auch die Lunch Konzerte zur Mittagszeit, war hervorragend besucht, die Stimmung allenthalben prächtig. Das Publikum hat es genossen, die Sängerinnen und Sänger auch.

Ein letzter Höhepunkt steht noch aus: die lange Chornacht am Samstag ab 18 Uhr. Mehr als 40 Chöre und Vokalensembles aus Aachen und der Euregio beschließen die Biennale mit einem sechsstündigen Nonstop-Programm an fünf Orten in der Aachener Innenstadt: Aula Carolina (Pontstrasse 7), Citykirche St. Nikolaus (Großkölnstrasse), Annakirche (Annastrasse), St. Foillan (Münsterplatz) und die Open-Air-Bühne im Hof.

Um Mitternacht schliesst sich ein „Farewell” mit allen beteiligten Chören auf dem Markt an. Der Eintritt ist frei. Den Organisatoren, Sängerinnen und Sänger und dem Publikum sei gewünscht, dass das Wetter mitspielt!

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