Aachen - „Orphée et Eurydice“: Am Ende bleibt der Liebende allein zurück

„Orphée et Eurydice“: Am Ende bleibt der Liebende allein zurück

Von: Armin Kaumanns
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Leise rieselt der Glitzerschnee: Patricio Arroyo, Katharina Hagopian und das Aachener Sinfonieorchester in Glucks „Orphée et Eurydice“. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Glucks Oper „Orphée et Eurydice“ in „halbszenischer Aufführung“: Überaus erfreulich geriet das, was unter diesem etwas merkwürdigen Label auf der Bühne im Theater Aachen zu erleben war. Tamara Heimbrock, seit dieser Spielzeit Regieassistentin am Aachener Theater, hat die sich ihr bietende Chance, ein bewegungs- und ausstattungsmäßig eingeschränktes Konzept umzusetzen, glänzend genutzt.

 In der letzten Spielzeit war ja Händels „Orlando“ aufgrund der Verletzung eines Ensemblemitglieds etliche Male fast konzertant aufgeführt worden, was beim Publikum außerordentlich gut ankam. Nun also Glucks Reformoper „halbszenisch“. Wieder waren die Premierenbesucher sehr begeistert. Weil nämlich die sehr reduzierten Mittel des Theaters erstens eine umso größere Wirkung entfalteten und zweitens der Sprache der Musik jenen Raum gewährten, der sie frei und berührend sein lässt.

Die beiden grauen, quadratischen Wände (Bühne: Detlef Beaujean) versperren Orpheus den Weg in die Unterwelt, in die die Götter seine geliebte Eurydice abberufen haben. Deckenhoch und mit Dornen bewehrt. Zwei Stühle stehen einsam im schwarzen Raum, Reminiszenz an eine glückliche Gemeinsamkeit, die vom schwarz gewandeten Chor (Kostüme: Renate Schwietert) in eindrücklichem Moll besungen wird.

Koloraturen des Seelenschmerzes

Patricio Arroyo führt in der riesigen Partie des Orphée seinen lyrischen Tenor in höchste, beseelt leuchtende Regionen, meistert später auch die höllischen Koloraturen des Seelenschmerzes und steht doch fast reglos da, Prototyp des verzweifelt Liebenden. Das Volk, später die Geister – die 20 Choristen (Einstudierung: Elena Pierini) treten schematisch auf und ab, singen aus schwarzen, in der Unterwelt aus roten Chormappen: antikisch formreduziert und von meist beeindruckender Homogenität im Klang.

Am Ende des zweiten Aktes wackelte das von Justus Thorau dirigierte Zusammenspiel mit dem Sinfonieorchester zwar bisweilen bedenklich, danach war der Chor aber wieder ganz bei der Sache. Die Musiker spielen auf Instrumenten, die denen aus Glucks Zeit nachgebaut sind. Reichlich fünf Minuten schrauben die Streicher vor jedem Akt an den Darmsaiten, damit der fast um einen ganzen Ton erniedrigte Kammerton für eine gleichmäßige Intonation sorgt. Das ist schwierig, weil weder die Saiten noch die Instrumente so viele Leute wie im bei der Premiere fast vollbesetzten Saal gewöhnt sind.

Gefühl lebt in der Musik. Aus dem (fast bis auf Parketthöhe hochgefahrenen) Graben strömen obertonreiche, meist unvibrierte, im Holz barock näselnde, im Blech angenehm kammermusikalische Klänge. Rigoros luftige Phrasierungen wie bei heutigen Spezialisten-Ensembles hört man nicht, eher das Bemühen, die klanglichen Errungenschaften unserer Zeit zurückzuschrauben. Aber der Aachener „Orphée“ – man hat sich für die französisch gesungene Pariser Fassung entschieden – klingt dennoch reduziert genug, um sich aufs Eigentliche zu konzentrieren. Das ist die Kunst. Und neben dem ersten Kapellmeister am Pult hat auch Tamara Heimbrock ein Händchen dafür.

Die beiden Nagelwände weiten sich, Amor nimmt die Fäden der Handlung auf. Jelena Rakics Kleid ist wie alle anderen, nur eben rot. Das reicht. Ihr Mezzo ist ein wenig zu kühl, im Terzett mit Orpheus und Eurydice etwas detoniert. Aber eindrucksvoll allemal. Was auch für Katharina Hagopian gilt, die als Eurydice betörende Töne verströmt, bis sie Orpheus endlich so weit hat, sie anzuschauen – und damit zu töten. Da hatten sich die Wände ganz geweitet, umso unerbittlicher fällt der Gazevorhang zwischen die Eheleute.

Bevor Amor das Drama dem guten Ende überstellt. Dazu rieselt leise Glitzerschnee vom Bühnenhimmel – und ist doch kein bisschen kitschig. Glucks Ballettmusik untermalt diese Schlussszene, in der Chor und Solisten einer nach dem anderen nach Gusto einer Abschiedssinfonie den Raum verlassen. Die Liebenden lächeln dabei voller Glück. Dann bleibt Orphée allein zurück.

Berechtiger Jubel über eine sehr fein inszenierte und musizierte Premiere. Warum aber Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck nach der Pause den Spannungsbogen durch eine Ansprache auf offener Bühne gänzlich zunichte machen musste, bleibt sein Geheimnis. Er erklärte nicht nur, warum die Musiker so ausführlich ihre Instrumente stimmen, sondern dankte auch noch dem Förderverein des Orchesters, der die historisierende instrumentale Ausstattung erst ermöglicht hat, nebst einem Coaching für historische Aufführungspraxis. Das hätte man auch ins Programmheft schreiben können.

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