Opern-Doppel: Erotik im Uhrenkasten und im Garten

Von: Jenny Schmetz
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Ab ins Versteck: Regisseur Christian Raschke (l.) und Bariton Jan Schulenburg im Bühnenbild von Ravels „L’heure espagnole“. Foto: Harald Krömer

Aachen. Tür auf, Tür zu, rein, raus, Treppe hoch, Treppe runter. Dies waren zunächst die sozusagen logistischen Probleme, die Christian Raschke zu lösen hatte. Der 29-Jährige inszeniert am Aachener Theater Maurice Ravels Oper „L’heure espagnole“.

Und dafür hat der Regiedebütant ein reichlich intellektuell unterfüttertes Konzept entwickelt. Doch in dem amourösen Verwirrspiel müssen ja vor allem die Abläufe stimmen. „Das klappt mittlerweile reibungslos“, sagt er zuversichtlich.Wie ein Uhrwerk, könnte man hinzufügen. Einfach naheliegend, denn auf der Bühne drehen sich riesige Zahnräder. Bei Ravel spielt die „Spanische Stunde“ (1911) in einem Uhrmacherladen, bei Raschke im Inneren einer Uhr. Er möchte den „mechanischen Aspekt“ hervorheben. Zum einen sei der Komponist fasziniert gewesen von den Geräuschen der Fabriken und Maschinen, mit seiner Musik habe er sich lösen wollen vom romantischen Opernschwulst. Zum anderen spricht der Regisseur von der „Herzensmechanik als Ausdruck echter Gefühle“.

Nein, das bedeute nicht, dass die Figuren wie Roboter herumlaufen werden, erklärt der Musikwissenschaftler, der seit der vorigen Saison Regieassistent am Haus ist. Vielleicht wird er das ja noch mal genauer im Programmheft erläutern. Auf Nachfragen kann's Raschke jedenfalls auch einfacher: „Kommen Sie und staunen Sie!“, meint er lachend.

Zu hören, zu sehen und zu staunen gibt es einiges bei der Koproduktion mit der Musikhochschule in Aachen, Köln und Wuppertal, die wie jedes Jahr die Saison beschließt. Denn nicht nur Ravels Repertoirestück wird gezeigt, sondern auch eine Rarität: Adolphe Adams „Le Toréador“(1849). Zusammen also zwei Komödien von zwei französischen Komponisten, viele Verwicklungen um unzufriedene Ehepaare und allerlei Seitensprünge in spanischen Settings.

Gerade probt das Hochschulorchester zum ersten Mal vor der großen Bühne, im Mittelpunkt: Dirigent Raimund Laufen. In der 8.Reihe Parkett: Raschke. Er tuschelt und scherzt leise mit den Sängern, die gerade pausieren. Die Chemie scheint zu stimmen. Kaum älter als sie lobt er die „wahnsinnige Motivation“ der Studierenden. „Alle haben Lust.“ Und das ist in dem Zusammenhang ganz und gar nicht sexuell gemeint. Man sollte jedoch schon erwähnen, dass sich in diesem Opern-Doppel irgendwie so ziemlich alles darum dreht. „Es wird nicht provokativ!“, gibt Raschke aber schon mal Entwarnung.

Einen der verhinderten Liebhaber der Uhrmachergattin Concepción spielt der Bariton Jan Schulenburg. Der 24-Jährige hat sich gerade aus dem „Fatsuit“ gepellt. Dick ausgepolstert quetscht er auf der Bühne als Banker Don Inigo Gomez seinen Bauch in einen Uhrenkasten, der hier wie das riesige Gewicht einer Pendeluhr aussieht. Warm ist es darin, und eng. „Das tropft quasi von der Decke“, sagt er verschmitzt. Für das Versteckspiel gibt es aber auch ein geheimes Hintertürchen zum Luftholen.

Sonst wirkt der Hamburger, der im 6. Semester in Köln studiert, eher cool. Nö, Lampenfieber plage ihn nicht. Seit dem Knabenchor seien Singen und Musizieren sein Alltag, Erfahrungen habe er bereits in der Jungen Kammeroper Köln gesammelt, aber die große Bühne jetzt sei doch ein „großer Luxus“.

Und dann noch ein bisschen Lebenslauf: Er ist alleinstehend, war schon in der Schule ein Außenseiter, erzählt der junge Mann – allerdings nicht etwa von sich selbst, sondern von Don Inigo Gomez. Denn Raschke will „den Figuren Biografien geben“, „ernstzunehmende Charaktere“ entwickeln, dann erst käme die Komödie zum Vorschein, findet der Regisseur. Mit einer Slapstick-Klamotte ist also nicht zu rechnen.

Riesige Pflanzen

Auch nicht beim unbekannteren Werk vor der Pause. „Viele kennen noch nicht mal den Komponisten“, meint Raschke. Dabei hat Adolphe Adam (1803-1856) mehr als 70 Opern und Ballette geschrieben, am populärsten sind „Giselle“ und „Der Postillon von Lonjumeau“.

Mit „Le Toréador“ erwarte das Publikum eine „vollkommen andere Ästhetik“ als bei Ravel. Statt riesiger Zahnräder riesige Pflanzen: Im Garten eines Ex-Stierkämpfers entspinnt sich die erotische Dreieckskomödie.

„Eine locker-leichte Geschichte, die in erster Linie unterhält“, sagt Raschke, mit „wunderschöner Musik“, die an Donizetti und Rossini erinnert. Besonders virtuos: die Partie der Sängerin Coraline. Spielen wird sie eine ehemalige Aachener Studentin, die russische Sopranistin Larisa Vasyukhina. Sie hat bereits als Blonde in Mozarts „Entführung“ und in „Faust 1+2 #konzentriert“ aufhorchen lassen. Dazu erklingen gesprochene Dialoge, die Raschke aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt hat. Kein Problem für den Mann aus dem baden-württembergischen Städtchen Bad Friedrichshall, denn er hat in Paris und Saarbrücken einen deutsch-französischen Master gemacht.

Schulenburg lobt stattdessen die gute Arbeit der Französischlehrerinnen, denn Ravels Sprechgesang sei schon „eine Herausforderung“. Und vom „Farbreichtum im Orchester“ schwärmt er. „Da ist richtig was zu hören!“ Schon 14 Karten habe er an Freunde aus Hamburg verkauft. Die dürfen sich dann auch freuen, dass ihr Freund nicht leer ausgeht. Der dicke Banker bekommt am Ende auch noch eine Frau ab.

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