Aachen - Oper „Jenufa“: Wenn die Sprach-Melodie zu Musik wird

Oper „Jenufa“: Wenn die Sprach-Melodie zu Musik wird

Von: Sabine Rother
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Schweres Los: Linda Ballova (links) und Diane Pilcher als Jenufa und Buryia in der Aachener Inszenierung von Leoš Janáćeks Oper. Im Hintergrund Chris Lysack und Jelena Rakic. Foto: Carl Brunn
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Ein starkes Trio: Irina Popova, Diane Pilcher und Linda Ballova (von links). Foto: Ralf Roeger

Aachen. Die Verwandtschaftsverhältnisse in diesem Stück sind etwas verzwickt, denn es gibt den Stiefbruder, die Schwiegertochter, die Stieftochter, einen Enkel und einen Urenkel. Aber das allein ist es nicht, was die Arbeit an der Inszenierung von Leoš Janáeks Oper „Jenufa“ am Theater Aachen so außergewöhnlich gestaltet.

„Ich habe bei den Proben zu einer Oper noch nie so oft geweint“, gesteht Sopranistin Irina Popova, die die Küsterin und Drahtzieherin in der Geschichte verkörpert. „Ich kann nichts dagegen tun, die Gefühle überwältigen mich immer wieder neu.“

Erstmals ist „Jenufa“ in tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln zu hören. Michael Helle, von 2000 bis 2005 Schauspieldirektor in Aachen, führt Regie, es dirigiert Aachens Generalmusikdirektor Kazem Abdullah. Tatsächlich sind es der Klang der Sprache und die natürliche Lebensnähe des Textes, die nicht nur der Bulgarin Irina Popova zu Herzen gehen. Als Jenufa, die verführte Stieftochter der Küsterin, steht Linda Ballova im Mittelpunkt der dramatischen Geschichte um ungewollte Schwangerschaft, Vertuschung, mörderische Moral und Kindstötung. „Die Sprache ist für mich Heimat, ein sehr besonderes Gefühl“, sagt sie, die in der Slowakei geboren wurde, in Bratislava studiert hat und in der vergangenen Spielzeit als Aachener Rusalka in der gleichnamigen Oper von Antonín Dvoák ihr Deutschlanddebüt gegeben hat.

Dritte im Kreis der wichtigen Frauen dieser schwierigen Familie ist die Altistin Diane Pilcher, die alte Buryia, Großmutter des windigen Kindsvaters Steva und Schwiegermutter der Küsterin. Die Amerikanerin, geboren in Südkalifornien, lebt seit 1982 in Deutschland. Die Rolle ist ihr vertraut – sogar sehr. „Ich glaube, ich habe das hundert Mal gesungen“, meint sie. Aber eine Aufführung in tschechischer Originalsprache – das ist selbst für sie eine echte Premiere. „Ich habe mir einen Coach gesucht, damit das mit dem Text klappt“, erzählt sie. „Da wir uns aber nicht dauernd treffen konnten, haben wir zwischen Leipzig und Trier per Telefon geübt, das war sehr spannend.“

Das Schauspiel „leji pastorkyna“ („Ihre Ziehtochter“), uraufgeführt 1890 nach einem Roman von Gabriela Preissová, hat Janáek so begeistert, dass er sich zur Komposition eines prallen Sittengemäldes entschloss und damit 1916 in Prag den internationalen Durchbruch erlangte. Die Uraufführung fand bereits 1904 im Tschechischen Theater in Brünn statt. Das Besondere an dieser Oper: Janáek hat die weiche, oft dunkle Tonmelodie der tschechischen Sprache seiner Komposition nicht nur zugrunde gelegt, er hat sich von ihr leiten lassen und damit eine völlig neue national geprägte Form des Operngesangs etabliert. Das Gesungene ist im Original ein durchlaufender Text – einem Roman sehr ähnlich. „Man singt, wie man spricht“, versuchen die drei Sängerinnen ihre Aufgabe zu umschreiben. Dabei wird die Arbeit an der Oper zur reinsten Selbsterfahrung. „Ich dachte, ich kenne meine Stimme“, sagt Irina Popova. „Aber sobald ich diesen Text in tschechischer Sprache singe, verändern sich meine Klangfarben, als ob die Stimme das instinktiv erkennt. Für mich war das eine Überraschung.“

Die Nähe zum Leben beeindruckt Linda Ballova, die die Partie der zunächst lebenslustigen, dann tief unglücklichen Jenufa singt. „Es gibt Regionen, da haben sich diese bornierten Moralvorstellungen sogar bis heute erhalten, ich kenne solche Dörfer“, sagt sie. „Es sind immer Frauen, die zu leiden haben.“ Und die Großmutter? Sie wird im Laufe der Oper „irgendwie vergessen“, wie Diane Pilcher beobachtet. Sogar das ist für sie realitätsnah. „Ich bin ja in meinem Beruf oft unterwegs. Meine Tochter ist 27 Jahre alt, sie und mein Mann organisieren inzwischen unser Privatleben, da habe ich kaum noch etwas zu sagen. So geht es wohl auch Buryia“, meint sie amüsiert.

Die Premiere erwarten die drei Sängerinnen mit Spannung. Tränen? Wenn sie kommen, dann ist das eben so. Einmal kurz durchatmen und weiter singen. Kazem Abdullah sollte das Orchester darauf vorbereiten.

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