Mönchengladbach - Oper „Der Konsul“: Musikalischer Appell für eine bessere Welt

Radarfallen Bltzen Freisteller

Oper „Der Konsul“: Musikalischer Appell für eine bessere Welt

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
13962510.jpg
„Der Konsul“, Oper von Gian Carlo Menotti im Theater Mönchengladbach: mit Andrew Nolen und Izabela Matula. Die politisch engagierte Schilderung eines Flüchtlingsdramas ist hochaktuell. Foto: Matthias Stutte

Mönchengladbach. Am Theater Mönchengladbach ist Operndirektor Andreas Wendholz mächtig stolz darauf, mit der 67 Jahre alten Oper „Der Konsul“ von Gian Carlo Menotti ein Werk ausgegraben zu haben, das mit der politisch engagierten Schilderung eines Flüchtlingsdramas wieder hochaktuell ist.

Für den Spielplan eingeplant in den Hochzeiten der Syrien-Krise, fallen einem in diesen Tagen Bilder von Einreisewilligen in den US-Auffanglagern im Schatten der Freiheitsstatue ein zu der Story, in der eine Flüchtlingsfamilie tragisch scheitert. Menottis Werk ergreift brennend für eine bessere, mitmenschlichere Welt Partei, seine ästhetischen Mittel sind streitbar und stellen sich in der sehr ansprechenden Arbeit der jungen Regisseurin Katja Bening erneut zur Disposition. Die Premiere fand jedenfalls einhellige Zustimmung.

Bereits 1950 ein Erfolg

„Der Konsul“ war 1950 ein grandioser, sehr amerikanischer Erfolg. 269 Aufführungen in Serie erlebte das Stück an einem Broadway-Theater, schwappte schnell auf den europäischen Kontinent und wurde schon zwei Jahre später am jungen Theater Krefeld-Mönchengladbach inszeniert, als drittem deutschsprachigem Haus überhaupt. Ausstatter Udo Hesse hat die alten, expressionistischen Gladbacher Bühnenbild-Skizzen ausgegraben und blendet sie – als stolze Reminiszenz – in den Umbauten zwischen den sechs Bildern ein, die die Geschichte der Freiheitskämpfer-Familie Sorel zwischen Wohnzimmer und Konsulat tragen.

In der Erzählweise unentschieden zwischen Kafka und Hitchcock, sprachlich von erhabener Lyrik in Alltags-Slang wechselnd, in den musikalischen Mitteln bei Puccini, Weill und dem jungen Musical unverkrampft sich bedienend, ist „Der Konsul“ ein typisches Produkt seiner Zeit. Seine Wirkung, so wohl kalkuliert sie auch scheinen mag, verfehlt das Werk jedoch auch heute nicht: etwa bei der großen, dramatischen Freiheitsarie der Magda und dem vor Schmalz triefenden Schluss macht sich neben großflächigen Gefühlsschauern auch kühles Schmunzeln über solch unverhohlenes Klischee breit.

Es sind also seine Widersprüche das Spannende an diesem engagiert umgesetzten Opernabend. Und sie lassen sich auch nicht auflösen. Das zeigt Katja Bening in ihrer ersten Gladbacher Arbeit für die Große Bühne, indem sie Menotti beim Wort nimmt und nichts – sieht man mal ab von einem finalen Discokugel-Geflirre – hinzufügt. Sie nimmt vor allem die Personen ernst. Im Zentrum des Geschehens waltet Magda, Ehefrau, Mutter, bestürmt die von der Sekretärin gehaltene Festung des Konsulats, sorgt sich um Mann und Kind, leidet, verzweifelt bis in den Freitod.

Glühender Sopran

Izabela Matula schwingt sich zu großen, mitreißend dramatischen Kantilenen auf, ihr Sopran glüht ebenso ergreifend, wie er sich in dem seltsamen Sprechgesang zurechtfindet, in den Menotti weite Teile seiner Dialoge kleidet. Dem verletzt hereinstürmenden Freiheitskämpfer John gibt Andrew Nolen sein betörendes baritonales Timbre mit, als Schwiegermutter lässt Altistin Satik Tumyan ihre faszinierend unvermittelten Brust- und Kopfregister klingen.

Neben der pittoresk gezeichneten Schar der Visa-Bittenden im Kontor des Konsulats (Markus Heinrich in der Buffo-Figur des Nika Magadoff verzaubert nicht nur gesanglich), ragen die Repräsentanten des Systems heraus. Matthias Wippich hat einen besonders stimmlich fulminanten Auftritt als Chef der Geheimpolizei, als Sekretärin und zweite Hauptfigur thront Janet Bartolova über allem, ihr Sopran bekommt jedoch wenig Gelegenheit zur großen Kantilene.

Menotti schreibt für kleines, farbiges Orchester, in dem das Klavier maßgebliche, auch perkussive Aufgaben übernimmt. Einfache Bläser erinnern an Weill, der Streichersatz zeigt auf Puccini, das Solocello darf auch mal zur Harfe schmachten. Diego Martin-Etxebarria, seit dieser Spielzeit Kapellmeister am Hause, pflegt mit den Niederrheinischen Sinfonikern einen präzisen, wenn gefordert blühenden Orchesterklang. Die Zusammenarbeit mit der Bühne ist reibungslos, sängerdienlich, souverän. Die Titelfigur steht – wohl ein Unikat in der Operngeschichte – nicht auf der Besetzungsliste. Der Konsul bleibt unsichtbar. Kafka lässt grüßen. Alles in allem: Wer Lust auf eine gut gemachte Spielplanrarität mit überraschenden aktuellen Bezügen hat, sollte sich nach Mönchengladbach aufmachen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert