„Ödipus“: Ein faszinierendes Stadtteil-Stück

Von: Grit Schorn
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„King‘s Fate – König Ödipus auf dem Hungerhügel“ (deutsch: Des Königs Schicksal) ist ein engagiertes Stadtteil-Stück des Aachener Theaters und der freien Bühne Theaterausbruch. Zu den Mitwirkenden gehören Burak Caliskan und Benedicte-Lisa Lutumba. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. „König Ödipus auf dem Hungerhügel“ – da staunt so mancher, wie der sagenhafte König Ödipus auf Aachens „Kronenberg“ gelangt ist. Dem famosen Trio Martin Goltsch (Text und Regie), Lukas Popovic (Dramaturgie) und Brigitte Köhr (Spielpädagogik) ist es erneut gelungen, mit einer jungen Darsteller-Riege ein faszinierendes Stadtteil-Stück auf die Bühne zu bringen.

Wobei die „Bühne“ sich diesmal in der St.- Hubertus-Kirche befindet, auch bekannt als „Backenzahn“ wegen ihrer eckigen Form.

Die vierte Kooperation zwischen Theater Aachen und Theaterausbruch geht auch diesmal mitten hinein in einen wenig verwöhnten Stadtteil – dem „Hungerhügel“, wie Kronenberg inzwischen im Volksmund genannt wird. Denn das einstige Aachener Vorzeigeviertel der sechziger Jahre wurde und wird traurigen „Schrumpfprozessen“ ausgesetzt: Die Schule ist geschlossen, die Einkaufsgalerie weicht Eigentumswohnungen, die inzwischen einzige Gaststätte kämpft ums Überleben.

Dass Martin Goltsch und Co. dennoch so viele junge und ältere „Mitspieler“ verschiedener Herkunft auf dem Kronenberg gefunden haben, spricht für die Menschen auf dem „Hungerhügel“.

Was hat das alles mit dem tragischen Schicksal von König Ödipus zu tun, der als Säugling ausgesetzt wurde, weil er einem Orakelspruch zufolge später den eigenen Vater töten und seine Mutter heiraten werde? Es geht um elementare Fragen, die alle Menschen betreffen: Identität, Schicksal, Herkunft, Heimat und Schuld.

Die in der Kirche gezeigten Videos mit Menschen aus dem Viertel sind in zahlreichen Gesprächsrunden und einem eigens eingerichteten Stammtisch entstanden. Sehr lebendige Videos, die Geistliche ebenso wie Schüler zeigen, einen Künstler, eine Lehrkraft oder den letzten Kronenberg-Gastwirt ebenso wie Mitwirkende im Stück. Sie alle treiben die Handlung voran – mit Aussagen, die das Stück widerspiegelt: über Kind-Eltern-Beziehung, Fremdheit, Angst vor Ausstoßung und Versagen. Aber mit Humor und Menschlichkeit machen die Äußerungen auch viel Mut.

Der „Hungerhügel“ von Ödipus sitzt in der Seele. Erst langsam erkennt der König, der Theben triumphal von der Sphinx befreit hat und Iokaste zur Frau erhält, dass er als Kleinkind adoptiert wurde und später als junger Mann seinen ihm unbekannten Vater Laios in Notwehr tötete. Laios‘ Witwe Iokaste ist ahnungslos Ödipus‘ Frau geworden. In kleinen, aber fesselnden Spielszenen zeigen die jungen Mitspieler, wie wichtig Herkunft und Wurzeln auch heute sind – besonders wenn man sich fremd in der eigenen Familie fühlt.

Die Video-Installationen von Luca Fois offenbaren Feuer, Blut und Verzweiflung, immer bedrängender wird das tragische Schicksal des Königs („King‘s Fate“) deutlich. Beeindruckend: die Szenen mit dem Seher Teiresias, der Ödipus seine wahre Herkunft offenbart. Ebenso erschütternd: Iokaste als liebende Frau, die lange die Wahrheit nicht erkennen will. Sie hat unwissentlich ihren eigenen Sohn geheiratet, ihre gemeinsamen Kinder sind in „Blutschande“ entstanden.

Die mitreißende Regie von Martin Goltsch lässt gleich mehrere Mitspieler als Ödipus auftreten: Angst und Grauen des Königs werden vervielfältigt. Mit dabei: Willi Ezilius, der schon mehrfach bei diesen Stadtteil-Projekten mitwirkte. Begeisterung und brausender Applaus in der Kirche für die berührende Aufführung, die Motive von Sophokles‘ „Ödipus“ so intensiv mit Spielszenen und Interview-Videos verbindet.

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