Obama und Pharao sitzen in einem Boot

Von: Ulrich Fischer
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Ob die Pharaonen regieren oder US-Präsident Barack Obama: Die Politik verläuft scheinbar nach immer gleichen Regeln - mitunter mit blutigen Folgen, wie man sieht. Das ist die Botschaft von John von Düffels Bühnenbearbeitung von Thomas Manns Romanzyklus „Joseph und seine Brüder”, die jetzt im Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Foto: Sebastian Hoppe

Düsseldorf. Knapp sechs Stunden Geduld und Sitzfleisch hat das Düsseldorfer Theater-Publikum am Wochenende für „Joseph und seine Brüder” bewiesen. Die Uraufführung der Bühnenbearbeitung von Thomas Manns epochalem vierteiligen Romanzyklus erzählt die alttestamentarische Geschichte von Josephs Aufstieg zum Großwesir im Reich des Pharao nach.

Theater-Autor John von Düffel hatte die epische Breite energisch auf das für einen Theaterabend Mögliche beschnitten. Das Publikum war von der nüchternen und ironischen, geistvollen und überraschend aktuellen Inszenierung begeistert und bedankte sich am Sonntag mit lang anhaltendem Schlussapplaus.

Düffel arbeitet vor allem die ökonomische und die psychologische Deutung des Stoffs heraus. Frömmigkeit, so meinte Mann, sei eine Form der Eitelkeit. Wer meint, Gott habe nichts Besseres zu tun, als auf ihn zu blicken und minutiös Tugend und Laster zu notieren, leide an einem krankhaft übersteigerten Selbstgefühl. Joseph gehört zu diesen Menschen wie sein Vater Jaakob.

Der berühmte Traum

Die ökonomische Deutung setzt bei Pharaos berühmtem Traum ein von den sieben mageren Kühen, die die sieben fetten fressen. Josephs geniale Deutung erscheint bei Thomas Mann wie bei Düffel als frühe Konjunkturtheorie. Eine antizyklische Haushaltspolitik bewährt sich und sorgt für den Erfolg Josephs als Großwesir. Thomas Mann erklärte in dieser Verkleidung Franklin D. Roosevelts New Deal.

Regisseur Wolfgang Engel sorgte mit einer nüchternen, an Brecht angelehnten epischen Spielweise für Durchsichtigkeit der Epochen: Präsident Obamas Konjunkturprogramm ähnelt ebenso Roosevelts Politik wie der des Pharao. Ganz im Sinne Manns und John von Düffels wird das Immergleiche der Politik betont wie die Ähnlichkeit der Typen. Auf der Bühne spielen die Schauspieler des achtköpfigen Ensembles mehrere Rollen, um die Ähnlichkeit der Typen durch die Epochen hindurch zu betonen.

Doch dieser Deutung steht ein wesentlicher Zug des Stücks entgegen: Die Einsicht, dass Menschen Götter machen, kommt der Menschheit erst spät, in der Zeit der Aufklärung. Jaakob und Joseph verharrten noch im Glauben, Gott habe sie berufen. Manns Gedanke des geistigen Fortschritts steht in unüberbrückbarem Gegensatz zur Behauptung, alles bleibe sich immer gleich.

Doch das schmälert nicht den Reiz der Aufführung - im Gegenteil. Der Widerspruch würzt die Fülle. Die Schauspieler glänzen. Einen Höhepunkt bildet das Werben von Potiphars Weib um den keuschen Joseph - Janina Sachau schont sich nicht bei der Offenlegung der ungestillten Begierde von Potiphars Gattin. Michele Cuciuffo zeigt, welche Anstrengung es Joseph kostet zu widerstehen.

Ein anderer Höhepunkt ist die Deutung von Pharaos Traum. Joseph ist nach vielen bösen Erfahrungen mit seiner überbordenden Eitelkeit klüger geworden und schmeichelt dem König, indem er ihm einflüstert, er habe selbst klug seinen Traum gedeutet.

Cuciuffo schultert die Riesenrolle, ohne je Ermüdung zu zeigen. Sein Joseph erweist sich am Ende als geschmeidiger Opportunist, der den Mächtigen geschickt schmeichelt, um Karriere zu machen.

„Joseph und seine Brüder” im Düsseldorfer Schauspielhaus, Gustaf-Gründgens-Platz 1. Weitere Aufführungen: am 28. Februar, 18 Uhr; 1. März, 17 Uhr; 7. März, 18 Uhr; 8. März, 17 Uhr. Am 1. und 7. März gibt es zusätzlich um 16.30 Uhr eine Einführung.
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