Nur ein Leonardo fehlte: Köln zeigt seine große Zeit

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Köln lässt in einer Ausstellung "Glanz und Größe des Mittelalters" seine Glanzzeit Revue passieren (4. November bis 26. Februar 2012). Es gibt nicht nur Altäre und Heiligenbilder zu sehen, sondern auch Brettspielsteine, nackte Frauen, Glühweinkannen und Reiseandenken. Foto: dpa

Köln. Einst wurde das weibliche Schönheitsideal in Köln entworfen. Im Mittelalter, als sich die Stadt am Rhein mit London und Paris messen konnte, produzierten Kölner Werkstätten in riesiger Stückzahl Bilder und Skulpturen der Gottesmutter Maria und der Heiligen Ursula.

Alle sahen gleich aus: hohe Stirn, schmale Nase, kleiner Mund, über die Ohren gezwirbelte lange blonde Haare und das typische „Kölsche Lächeln”. Eine ganze Reihe dieser Frauen ist jetzt in einer großen Mittelalter-Ausstellung zu bewundern.

Das Museum, in dem sie stattfindet, ruft mit seinem Namen „Schnütgen” eher Assoziationen an Schmollmünder hervor. Tatsächlich aber handelt es sich um eines der bedeutendsten Museen für mittelalterliche Kunst. Seit einem Jahr verfügt es über einen Erweiterungsbau, der ihm nun endlich eine angemessene Entfaltung gestattet. Dies ist nun die erste große Ausstellung seit der Wiedereröffnung.

Von ungefähr 1000 bis 1550 gehörte Köln zu den Kunstzentren Europas. „Wir hatten keinen Albrecht Dürer, wir hatten keinen Leonardo da Vinci, aber wir hatten Werke, die heute in den Museen der Welt zu den größten Schätzen gehören”, sagt die kommissarische Direktorin Dagmar Täube. Von den 225 Exponaten stammen 160 von auswärts, unter anderem aus New York, Philadelphia, Washington, Cleveland, Detroit, Chicago und Los Angeles, denn nirgendwo liebt man Ritter und Minnesänger so sehr wie in dem Land, wo es sie nie gegeben hat.

Köln war im Mittelalter die Top-Touristen-Bestimmung, nur nannte man das damals noch anders, nämlich Wallfahrtsort. Alle wollten den Schrein der Heiligen Drei Könige sehen, deren Gebeine die Kölner in Mailand geklaut und dann in einer Promotion-Tour durch halb Deutschland geschleppt hatte. Die von weither angereisten Pilger nahmen fast alle ein Souvenir mit und hatten dafür die Wahl zwischen Heiligenfiguren in allen Größen und Preisklassen. Manche Köpfe waren aufklappbar und praktischerweise als Tragetaschen zu verwenden.

Die Ausstellung umfasst kostbare Altarbilder, Goldschmiedearbeiten und Figurengruppen, die ursprünglich zusammengehörten, dann aber in alle Winde zerstreut wurden und nun für kurze Zeit wieder vereint sind. Für die Experten ist das eine Offenbarung. Den normalen Besucher werden eher die Dinge anrühren, die eine Verbindung zum Leben der damaligen Menschen herstellen: Elfenbeinsteine für Trick-Track, das beliebteste Brettspiel des Mittelalters; ein Geldbeutel oder eine geradezu protzig mit Gold überzogene Glühweinkanne.

Sehr speziell ist „Der Liebeszauber”, ein gerade mal tellergroßes Bild, das ausnahmsweise kein religiöses, sondern ein weltliches Motiv zeigt: Eine nackte junge Frau versprüht nach einem magischen Ritual Funken, um dadurch einen attraktiven Mann anzulocken. Der schaut auch prompt zur Tür herein und hat bereits einen großen Dolch zwischen den Beinen hängen.

Stilistisch ist die oft schlichte, zurückgenommene Kunst des Mittelalters dem 21. Jahrhundert näher als zum Beispiel der Barock. Aus Cleveland kommt ein über 600 Jahre altes Kruzifix aus Walnussholz, das einen abgemagerten, geschundenen Jesus in Todesagonie zeigt, dabei aber auf jedes Pathos verzichtet. Es könnte als Symbolwerk für Amnesty International dienen.
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