Aachen/Berlin - NS-Raubkunst in deutschen Museen und Sammlungen aufspüren

NS-Raubkunst in deutschen Museen und Sammlungen aufspüren

Von: Eckhard Hoog
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Sie berät seit einem Jahr als Kuratoriumsvorsitzende den Vorstand der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg: Isabel Pfeiffer-Poensgen, ehemalige Aachener Kulturdezernentin und seit 2004 Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder. Foto: Stephanie Pilick/dpa

Aachen/Berlin. Es ist einer der größten Kunstskandale in der Nachkriegsgeschichte, als Ende Februar 2012 rund 1500 Kunstwerke in der Wohnung von Cornelius Gurlitt gefunden werden. Nach internationaler Kritik über den deutschen Umgang mit Herkunftsfragen von Kulturgütern hat seither die Suche nach NS-Raubkunst in deutschen Museen einen ganz neuen Drive bekommen.

Vor allem über die neugegründete Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste Magdeburg, das auch die Provenienzforschung (Herkunftsforschung) am Dürener Leopold-Hoesch-Museum fördert. Isabel Pfeiffer-Poensgen, die ehemalige Aachener Kulturdezernentin, seit 2004 Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, ist die Kuratoriumsvorsitzende der neuen Einrichtung. Wir sprachen mit ihr über die schwierige Aufgabe, NS-Raubkunst in deutschen Museen und Sammlungen aufzuspüren.

Sie sind im November 2015 zur Kuratoriumsvorsitzenden der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste gewählt worden. Was sind Ihre Aufgaben?

Pfeiffer-Poensgen: Dieses international besetzte Kuratorium hat eine beratende Funktion für den Vorstand der Stiftung und sein Team in grundsätzlichen Fragen. Die Idee war dabei, durch die Besetzung des Gremiums national und international eine Vernetzung mit den unterschiedlichsten Einrichtungen und Organisationen zu bewirken. Beispielsweise gehören Ruediger Mahlo für die Conference of Jewish Claims und Nicholas Dean, der Sondergesandte des amerikanischen Außenministeriums für Holocaust-Angelegenheiten, dem Kuratorium an.

Was ist die Aufgabe dieser Stiftung?

Pfeiffer-Poensgen: Die Stiftung soll sich um das gesamte Spektrum der historischen Kulturgutverluste kümmern. Die Priorität liegt dabei bei der NS-Raubkunst, das heißt bei solchen Verlusten, die Bürgern entstanden sind, die als Juden verfolgt wurden.

Diese Aufgabe wurde aus der Vorgängereinrichtung, der Arbeitsstelle für Provenienzforschung (AfP), übernommen, allerdings steht jetzt ein größeres Budget zu Verfügung. Im Jahr 2016 sind das fast fünf Millionen Euro. Damit lassen sich mehr Projekte fördern, bei denen dann dezentral in Museen, Bibliotheken und Archiven die Herkunft von Kunstwerken und Kulturgut erforscht wird.

Diese Recherchen finden nicht nur in den großen Kunstmuseen statt, sondern auch in vielen kleineren Sammlungen, beispielsweise in städtischen Museen, Kunstgewerbemuseen oder Kupferstichkabinetten. Auch in Bibliotheken werden die Bestände systematisch überprüft, dort sind bereits über 785.000 Bücher und historische Drucke auf NS-verfolgungsbedingten Entzug untersucht worden.

Seit der Gründung der AfP 2008 konnten insgesamt 216 Forschungsprojekte gefördert werden. Dass bereits intensiv geforscht wird, wurde leider oft in den aufgeregt geführten Debatten übersehen. Es gibt aber natürlich noch jede Menge zu tun.

Die Gründung des Zentrums als Nachfolgeeinrichtung der AfP am 1. Januar 2015 – ist die durch Druck entstanden nach dem Fall Gurlitt?

Pfeiffer-Poensgen: Während der Fachöffentlichkeit schon länger bewusst war, dass noch viel größere Anstrengungen notwendig waren, hat der Fall Gurlitt auf die politischen Verantwortlichen als Katalysator gewirkt. Das war bereits bei der Gründung der AfP so: Damals gab es die große Diskussion um Kirchners berühmtes Gemälde „Die Straßenszene“ im Brücke-Museum in Berlin, das an die Erbin des Erfurter Sammlers Alfred Hess zurückgegeben wurde.

Es war also ein ganz konkreter Anlass...

Pfeiffer-Poensgen: Genau. Gemeinsam mit dem Bund haben wir damals die Herkunftsforschung um NS-Raubgut mit der Gründung der AfP verstärkt. Aber natürlich hat der Fall Gurlitt die Diskussion noch einmal politisch entzündet. In der Folge wurden insbesondere die Sammlungen in Deutschland für das Thema Suche nach NS-Raubkunst mehr sensibilisiert.

Die Gurlitt-Taskforce hat in den zwei Jahren nur vier Fälle von NS-Raubkunst eindeutig klären können. Da fragt man sich doch: Lohnt sich der ganze Aufwand überhaupt?

Pfeiffer-Poensgen: Das ist, glaube ich, nicht eine Frage des Lohnens. Wir müssen es machen, weil uns unsere Geschichte dazu verpflichtet. Und wir sind es ohne Wenn und Aber den Opfern schuldig, aufzuklären, was noch aufklärbar ist. Leider lassen sich nicht alle Fälle hundertprozentig aufklären. Dokumente sind verschwunden, viele entzogene Werke aus Privatbesitz sind nicht eindeutig identifizierbar, da sie nie dokumentiert wurden.

Die Washingtoner Erklärung von 1998, in der sich 44 Unterzeichnerstaaten verpflichtet hatten, während der NS-Zeit beschlagnahmte Kunstwerke in den eigenen Beständen ausfindig zu machen und deren rechtmäßige Eigentümer zu suchen, empfiehlt, faire und gerechte Lösungen zu finden.

Das gilt gerade für Zweifelsfälle: Es gibt neben der Restitution auch die Möglichkeit des Vergleichs, zum Beispiel in Form einer Entschädigung. Aber es gilt eben immer: Die Museen müssen in die Lage versetzt werden, ihre Sammlungen zu erforschen, um bei entsprechenden Funden auf die Erben zugehen zu können.

Warum ist Provenienzforschung eigentlich so schwierig? Hätte die nicht viel früher beginnen müssen?

Pfeiffer-Poensgen: Provenienzforschung ist schwierig, weil nicht jedes Objekt zweifelsfrei identifiziert werden kann, weil es zum Beispiel auf den Gemälderückseiten keine Hinweise auf frühere Eigentümer gibt, weil viele Kunstwerke nicht dokumentiert sind, nicht in der kunsthistorischen Literatur oder in den historischen Quellen, mit denen die Forscher arbeiten, auftauchen – oder weil sie schlicht keine Einzelstücke sind, also zum Beispiel druckgrafische Blätter, die in Auflagen produziert wurden.

Wenn Sie da ein Blatt haben, das es x-mal gibt und das keinerlei Vermerke früherer Eigentümer, zum Beispiel einen Sammlerstempel hat, sagen Sie da mal zweifelsfrei, wem es gehört hat! Was den zweiten Teil Ihrer Frage angeht: Auf jeden Fall. Ich frage mich das auch ganz persönlich: Wieso hat das nicht schon die Generation vor uns getan? Natürlich wäre vieles mit Zeitzeugen leichter aufzuklären gewesen. Nur ist das ja für uns heute kein Argument, wir müssen einfach sagen: Wir machen es jetzt.

Gibt es eigentlich verlässliche Schätzungen, wie viel NS-Raubkunst unerkannt in deutschen Museen schlummert?

Pfeiffer-Poensgen: Nein, man kann davon ausgehen, dass über die Hälfte der deutschen Sammlungen Objekte in ihrem Besitz haben, die vor 1945 entstanden und nach 1933 erworben wurden. Diese Bestände müssen überprüft werden.

Am Dürener Leopold-Hoesch-Museum hat der Experte Kai Artinger von 109 Kunstwerken nicht ein einziges eindeutig als NS-Raubkunst identifizieren können. Aber immerhin sind fast zwei Drittel der Gemälde bedenkliche Zweifelsfälle aufgrund von Indizien. Sollte man angesichts dieser Zahlen nicht generell bei etwaigen Rückgabeforderungen großzügiger verfahren?

Pfeiffer-Poensgen: Ohne Kenntnis der konkreten Unterlagen kann ich leider zu einzelnen Fällen keine Stellungnahme abgeben. Das Dilemma über Zweifelsfälle versucht ja die Washingtoner Erklärung aufzulösen und empfiehlt eine faire und gerechte Lösung. Letzten Endes müssen die einzelnen Träger die Bewertung eigenständig vornehmen und eine verantwortbare Lösung finden. Wir können über das Zentrum nur die Provenienzforschung fördern.

Im Moment werden 17 Museen und Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen bei der Provenienzforschung vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste unterstützt. Reicht das bei über 900 Museen in NRW? Ist das nicht doch eine aussichtslose Sache?

Pfeiffer-Poensgen: Ich kann die Museen nur ermutigen, einen Antrag zu stellen, denn Mittel sind nun ausreichend vorhanden. Natürlich ist es noch eine große Aufgabe, aber nicht alle Museen und Sammlungsteile sind betroffen. Das Zentrum Kulturgutverluste berät übrigens Sammlungen auch bei der Voruntersuchung und Eingrenzung von Beständen, die zu untersuchen sind.

Was war eigentlich bislang der größte Erfolg bei der Aufarbeitung, der größte „Fund“?

Pfeiffer-Poensgen: Aus Perspektive der Kulturstiftung der Länder denke ich beispielsweise an die Almanach-Sammlung Goldschmidt, die nach der Restitution an die Erben mit unserer Hilfe für die Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek angekauft werden konnte.

Dieser Fall ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht immer nur um materiell spektakuläre Kunstwerke geht, sondern aus Sicht der Familien jeder Fund – sei es ein Bild, ein Buch oder ein Brief – für die Erinnerung von großer Bedeutung ist. Auch das gehört zu einer fairen und gerechten Lösung.

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