AZ App

„Nora“: Freundlicher Applaus für stimmige Inszenierung

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
6891864.jpg
Die Idylle trügt: Wie immer wird sie ihn verlassen . . . Ibsens „Nora“ in den Kammerspielen des Theaters Aachen: mit Lara Beckmann in der Titelrolle und Benedikt Voellmy als Torvald.

Aachen. Am Ende geht sie. Wie immer. Seit 1879. Beziehung beendet. Nora, Prototyp der selbstbestimmten Frau, verlässt Mann und Kinder, um zu sich selbst zu finden. Ein einziger, ungerechter Wutausbruch ihres Mannes hat ausgereicht, um ihr die Augen zu öffnen.

All das Glück der vergangenen Jahre war nichts als die kindische Illusion einer Ehe, nur die tote Hülle einer leeren, seelenlosen Zweierbeziehung. In einer im Ganzen zurückhaltenden Ibsen-Inszenierung des Aachener Theaters wird daraus in den Kammerspielen eine One-Woman-Show der Hauptdarstellerin: Lara Beckmann zieht alle Register und pfeffert mit sprühendem Temperament eine exaltierte Nora-Version auf die Bühne.

Spaß und Shopping

Was kann es Schöneres geben, als zu shoppen und Spaß zu haben? Spaß zu haben und zu shoppen? Glück, das hat acht Ecken, ist hübsch eingepackt und passt in prall gefüllte Einkaufstaschen. Nora – vermutlich eben noch mit Hunderten von ihresgleichen auf der nahen Shopping-Mall Adalbertstraße unterwegs – wähnt sich nach Jahren der Entbehrung am Lebensziel, besteigt den Esstisch wie einen Gipfel und wedelt triumphierend mit den Wohlstands-Trophäen. Gönnerisch Ehemann Torvald. So mag er sein „Vögelchen“, das „Häschen“, sein „kleines Ferkel“. Gerade zum Bankdirektor berufen, lässt er noch ein paar Scheinchen springen.

Und das putzige Ferkelchen im Lederröckchen scheint es gerne so zu haben, dem Partner als Piepvögelchen brav vorzuflöten und räkelt sich lustvoll auf dem Esstisch. Den setzt Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner, deren Arbeit wegen ihrer bevorstehenden Niederkunft in der letzten Woche von Katharina Rahn fortgesetzt wurde, ins Zen-trum, wenn diese toten Dialoge um oberflächliche Nichtigkeiten anheben zwischen dem anzugsteifen Torvald und seinem Hoppelhäschen. Das hat die ungleiche Rollenverteilung fröhlich verinnerlicht. Unterdrückt wird diese Nora nicht – im Gegenteil, verzuckert fast auf Händen getragen. Aber: „Wir haben nie etwas Ernsthaftes besprochen“, geht Nora am Ende das Licht auf.

Die Rosen-Tapete (Bühne und Kostüme: Dominique Muszynski), billige Romantik verströmend, setzt sich bis über den Boden fort – unvermeidlich, dass alle darauf herumtrampeln. Pech und letztlich Glück zugleich, dass Nora von der Vergangenheit eingeholt wird in Gestalt ihres in Bedrängnis geratenen Gläubigers Lars Krogstad (Karsten Meyer) und ihrer Jugendfreundin Christine (Nele Swanton). Ohne die Begegnung mit beiden hätte das Vögelchen wohl bis ans Lebensende als Projektion des Ehemannes blindlings weitergezwitschert.

Aufputschmittel trifft auf Schlaftabletten – so etwa lässt sich die Verteilung der Temperamente in der Inszenierung umschreiben, was nichts mit der jeweiligen schauspielerischen Leistung zu tun hat. Lara Beckmann gibt gestenreich wie ein Wirbelwind körperlich alles, um Nora selbst in ihren schwächsten Momenten noch stark erscheinen zu lassen.

Das Licht verlöscht, ein schmutzig-gelber Schein legt sich über die Szenerie – in kurzen Momenten kämpft Nora, wegen ihrer gefälschten Unterschrift in bedrohliche Bedrängnis geraten, mit alptraumhaften Visionen. Starke Momente einer gebrochenen Figur – das Häschen hat ausgehoppelt. Und offenbart mehr und mehr, zumal im Dialog mit dem Freund der Familie, Doktor Rank (Torsten Borm), dass sie von Anfang an keineswegs nur das genusssüchtige Püppchen, sondern eine durchaus verantwortungsvolle junge Frau im Umgang mit Geld war.

Aber: Nora traut sich nicht einmal, einen Brief am Ehemann vorbei aus dem Briefkasten zu angeln, alles kommt raus. Und der verlogene Torvald (Benedikt Voellmy) flippt immer noch so aus wie 1879 – schreit, brüllt, rudert mit den Armen. Nichts hat sich geändert. Die wahre Macht verliert gelegentlich das subtile Gewand und offenbart ihre hässliche Fratze.

Der Temperamentsbolzen ist still geworden – Nora ruht am Ende in sich selbst. Die bittere Erkenntnis: ein Leben lang verniedlicht – vollkommen entmündigt. Die Beziehung: eine leere Hülle gesellschaftlicher Erwartungen und Rollen, ohne Seele, ohne Leben. Voll Bitternis schlägt sie ihm in einem letzten ergreifenden Dialog am Esstisch die Wahrheit um die Ohren.

Ein an Verlogenheit gescheitertes Beziehungsmodell, das auch mit Torvalds letztem Aufbäumen von menschlicher Größe nicht mehr zu retten ist.

Die stimmige Inszenierung, die starke Präsenz der jungen Schauspielerin Lara Beckmann und alle übrigen Beteiligten bekamen herzlichen Applaus.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert