Bonn - „Nocturno“-Auftakt: Opern-Besucher tragen Schlafmasken

„Nocturno“-Auftakt: Opern-Besucher tragen Schlafmasken

Von: Pedro Obiera
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Neue Musik im Kochstudio: Ruth Weber (vorn, Sopran) bei der Uraufführung von Georg-Friedrich Haas‘ neuer Oper „Nocturno“ in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle. Foto: Thilo Beu

Bonn. Das war‘s: „Bonn Chance“, die Experimentierbühne der Bonner Oper, wird es in der kommenden Spielzeit nicht mehr geben. 1992 mit viel Schwung und zwei Uraufführungen pro Jahr ins Leben gerufen, kämpft die ambitionierte Studio-Bühne seit längerer Zeit ums Überleben. Angesichts der finanziellen Nöte zog Intendant Klaus Weise jetzt die Reißleine und verkündete das Aus.

Gemildert wurde der Abschiedsschmerz durch die Uraufführung der neuen Oper von Georg Friedrich Haas, „Nocturno“, in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle. Mit Haas‘ letzter Oper, „Bluthaus“ auf ein Libretto von Klaus Händl hat die Bonner Oper vor zwei Jahren bei den Schwetzinger Festspielen für Aufsehen gesorgt. In „Nocturno“ beschreitet Haas ganz andere Wege. Folgte er bisher dem derzeit hoch im Kurs stehenden Faible zeitgenössischer Komponisten für Stücke mit einer mehr oder weniger klar umrissenen Handlung, präsentiert er sich in „Nocturno“ wesentlich abstrakter. Schon die Entstehungsgeschichte ist ungewöhnlich.

Denn eine echte Uraufführung bietet er nur mit einem 15-minütigen Chorstück für Frauenchor und Akkordeon, das die mit Schlafmasken verdunkelten Besucher zum Auftakt in völliger Finsternis einstimmen soll. Ein zartes Klanggemälde auf Texte von Novalis und Trakl, die allerdings völlig unverständlich bleiben. Mit dem Einsatz eines instrumentalen Oktetts nach dem Vorbild von Schuberts berühmtem Kammermusikwerk geht das Licht an und die Zuschauer dürfen die Masken ablegen.

Man befindet sich in einer Art überdimensionaler Puppenstube mit funktionsfähiger Küche, Speise- und Schlafzimmer und allem, was zu einer gemütlichen häuslichen Umgebung gehört. Dafür hat Haas zwei frühere Werke ineinander verzahnt, die die gestörte Beziehung eines Paares erkennbar werden lassen.

Das Zentrum bildet der 45-minütige Sopran-Monolog „Atthis“ auf einen Text der griechischen Philosophin Sappho, der von der zunächst unerfüllten und später hoffnungsgestärkten Sehnsucht nach einer Geliebten spricht. „Haiku“, ein Monolog für Bariton, betehend aus drei Zeilen, wird 80-mal in unterschiedlichen Stimmungsfarben in den Sappho-Monolog integriert.

Eine hoch emotionale Musik, die einen spannenden Kontrapunkt zur Inszenierung von Florian Lutz bildet. Die erotische Komponente deuten lediglich ein paar Bilder an, die die Bühne umrahmen. Im Mittelpunkt stehen die häuslichen Räumlichkeiten und geben den Blick auf eine Frau frei, die offensichtlich ein recht bescheidenes Eheglück sucht und sich bemüht, durch Kochen die Menschen für sich zu erwärmen und im Bett einsam vor sich hin trauert. Dem steht der Mann mit seinen recht starren Haiku-Repetitionen gegenüber. Das Publikum kann sich derweil frei durch die Räumlichkeiten bewegen, an dem Esstisch Platz nehmen und sich auch an den Kühlschränken bedienen.

Grandiose Intensität

Ruth Weber gestaltete den kräftezehrenden Monolog hoch konzentriert mit grandioser Intensität und großem Einfühlungsvermögen. Nicht minder überzeugend der Bariton David Pichlmaier sowie der Damenchor der Bonner Oper und das „Ensemble „musikFabrik“ unter Leitung von Christopher Sprenger.

Ein würdiger Abschluss einer verdienstvollen Reihe, die mit Recht das Markenzeichen „experimentell“ tragen durfte. Die nächsten Aufführungen in der Kunst- und Ausstellungshalle: Montag und Dienstag, 20 Uhr.

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