Aachen - „Nie wieder störungsfrei!”: Schwein mit Hakenkreuz und Erdklänge

„Nie wieder störungsfrei!”: Schwein mit Hakenkreuz und Erdklänge

Von: Eckhard Hoog
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Wer in diese Erde mit dem Spat
Wer in diese Erde mit dem Spaten sticht, wird sein elektronisch unterstütztes Wunder erleben: Die Kuratorinnen der Ausstellung „Nie wieder störungsfrei!”, ab 21. Oktober im Ludwig Forum, probieren das von den Elektronikkünstlern Franz Buchholz und Gregor Jabs rekonstruierte Werk „Umgraben” von Wolf Vostell schon einmal aus: (von links) Annette Lagler, Myriam Kroll und Praktikantin Sophie Petri. Foto: Ralf Roeger

Aachen. 20. Juli 1964, Aachen, Audimax: Joseph Beuys schüttet Omo ins Piano und bohrt das Klavier fachmännisch an, der spätere Ästhetikprofessor Bazon Brock hält kopfstehend eine Rede - das Ende ist bekannt: Ein Student haut Beuys auf die Nase, der wird mit einem Schlag bundesweit bekannt.

Das „Festival der neuen Kunst” gilt heute als die Mutter aller Happenings. Mit ihr beginnt am Freitag, 21. Oktober (Eröffnung 20 Uhr), im Aachener Ludwig Forum eine Ausstellung zum 20-jährigen Bestehen des Hauses: „Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964”. Die Schau wird - wie berichtet - intensiv an das Aachener Kapitel jener wilden Umbruchzeit der Fluxus-Happenings und -Aktionen erinnern.

Kuratorin Annette Lagler und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Myriam Kroll riefen in unserer Zeitung vor einigen Monaten Zeitzeugen mit der Bitte auf, Originaldokumente von damals zur Ausstellung beizusteuern. Das hat gehörig gefruchtet: Jochen Grieshammer zum Beispiel, damals Architekturstudent an der TH, lieferte einen schon gar nicht mehr für möglich gehaltenen Beitrag: das absolut seltene und heute überaus kostbare Originalprogrammheft zum „Festival der neuen Kunst”, das man damals für eine Mark erwerben konnte. Das Titelblatt ziert Porträts der beteiligten Künstler, die im Fotofix-Automaten entstanden.

Zur Ausstellung wird ein solcher Passbild-Automat im Ludwig Forum aufgestellt, in dem sich die Besucher „porträtieren” lassen können. Annette Lagler: „Vier Fotos kosten zwei Euro. Wir hoffen darauf, dass wir jeweils ein Foto geschenkt bekommen, daraus lassen wir eine künsterische Collage anfertigen.”

Von Hans Peter Alvermann stammt das „Bundesdeutsche Notstandsschwein”, das in einer Aachener Ausstellung für Furore sorgte: ein Sparschwein in den Farben Schwarz-Rot-Gold mit Hakenkreuz auf dem Rücken, das später in Düsseldorf von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt wurde. Michael Dohle, damals gleichfalls Architekturstudent, übergab eine „Studententapete” von Wolf Vostell, den aufgerollten Druck einer Zeitung mit dem Bericht von den Demonstrationen gegen den Schah in Berlin. Dies nur einige Beispiele für zahlreiche zur Verfügung gestellte Objekte Aachener Bürger, etwa Jahresgaben des Kunstvereins „Gegenverkehr”.

Und auch die Künstlerschaft selbst zieht engagiert mit, das Kapitel „Nie wieder störungsfrei!” möglichst originalgetreu aufleben zu lassen. 1970, Neue Galerie, Ballsaal, Altes Kurhaus: Wolf Vostell hat einen überdimensionalen Sandkasten aufgestellt, gefüllt mit Erde aus dem Hürtgenwald. Die Besucher sind eingeladen, mit dem Spaten in dem Environment herumzugraben. Stößt man auf Hartes, ertönt aus Lautsprechern ein dröhnender Klang. Das Harte: Knochen toter Soldaten? Vostell benannte sein Werk schlicht mit „Umgraben” - gemeint war ein „Umgraben des Bewusstseins” durch Kunst.

Das Problem: Das technische Innenleben von „Umgraben” existiert heute nicht mehr. Die beiden Kuratorinnen baten den Aachener Künstler Franz Buchholz - absoluter Experte in Sachen elektronischer Kunst - und den Soundtüftler Gregor Jabs um Hilfe. Innerhalb einer Woche hatten beide die Technik entwickelt und eingebaut in die 70 Schubkarren umfassende Erdmenge. Je nach Heftigkeit des Spatenstichs ertönt das dumpfe Dröhnen in entsprechender Lautstärke. Gruselig!

Waren das Zeiten: Als der österreichische Künstler Günter Brus im Reiffmuseum der TH die Hose runterließ und einen Haufen machte. Sich in die Brust schnitt und mit dem Kopf gegen die Wand lief. Eine, die sich daran nicht nur noch bestens erinnern kann, sondern selbst als junge Architekturstudentin an der Seite von Wolf Vostell 1964 im Audimax als Mitakteurin auf der Bühne stand, ist Sibille Spiegel, bis 1990 Grünes Mitglied im Aachener Stadtrat.

Sie hatte drei Jahre lang zusammen mit dem Kurator des Suermondt-Ludwig-Museums Adam C. Oellers eine erste Ausstellung über die Aachener Avantgarde 1995 im Neuen Aachener Kunstverein vorbereitet. Requisiten, Texte, Plakate, Fotos von damals, die nun auch wieder zu sehen sind, erzählen erstaunliche Dinge: Beuys forderte in Aachen, die Berliner Mauer um fünf Zentimeter zu erhöhen: „Bessere Proportionen!” Und ein besonders beschlagener Pressechronist zählte an dem Abend 150 fliegende Tomaten und 400 Eier...

Oellers fahndete nach originalen studentischen Filmaufnahmen des Happenings und wurde fündig: Ein halbstündiger Film wird in „Nie wieder störungsfrei!” das legendäre Ereignis lebhaft dokumentieren.

Die Eröffnung istam 21. Oktober

„Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964”, Ausstellung im Aachener Ludwig Forum, Jülicher Straße.

Eröffnung: Freitag, 21. Oktober, 20 Uhr. Dauer: bis: 5. Februar 2012.

Geöffnet: Di., Mi., Fr. 12-18 Uhr, Do. 12-22 Uhr, Sa., So. 11-18 Uhr.

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