Nichts Neues unterm Zirkuszelt

Von: Hermann-Josef Delonge
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Was gibt´s da zu lachen? Thomas Hamm, Andreas Herrmann, Julia Brett- schneider und Sebastian Stert (von links) in Thomas Bernhards „Macht der Gewohnheit”, zu sehen in der Aachener Kammer. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Vollkommenheit, das wäre das höchste Glück. Perfektion. Seit 22 Jahren versucht Caribaldi, diesen Zustand zu erreichen. „Wenn es nur einmal, nur ein einziges Mal gelänge, das Forellenquintett zu Ende zu bringen, ein einziges Mal perfekte Musik” Vergebens, das ganze Leben: vergebene Liebesmüh. Schwachsinn, Niedertracht, Verrat.

Nicht schwer zu erraten: Wir sind im Thomas-Bernhard-Land. „Die Macht der Gewohnheit” ist das vierte Theaterstück des großen Menschenfeindes - und seine erste Komödie.

Vielleicht ist es ja Zufall, dass im Programmheft zu Jenny Nörbecks Inszenierung für die Aachener Kammer dieses Wort nicht vorkommt. Die Regisseurin lässt das Stück da, wo es hingehört: in der Schwebe zwischen Erdschwere und Groteske. Das ergibt schöne Momente, entgeht über die Distanz von zwei Stunden aber nicht der Gefahr der Ermüdung. Und richtig was zu lachen gibt es erst im dritten Akt.

Ein Wanderzirkus, irgendwo im Nirgendwo: Direktor Caribaldi, der Despot, malträtiert den Jongleur, den Spaßmacher, den Dompteur und seine Enkelin, die Seiltänzerin, mit Schubert. Er will das perfekte Kunstwerk; eine Pflicht, die unausweichlich scheint.

So unausweichlich wie das Scheitern, denn die Proben kommen nie zustande. Aber aufgeben gilt nicht, aufgeben hieße sterben. Deshalb immer und immer wieder: „Morgen Augsburg”. Wer das „Hoffnung” nennt, hat nichts verstanden.

Als Zirkuswagen hat York Landgraf einen mit Holz verkleideten, ausrangierten Linienbus in die Kammer gewuchtet - so festgefahren wie alle Bemühungen, diesem trostlosen Leben Sinn zu geben. Davor ein ranziger Teppich, Plastikstühle und ein verbeulter Campingtisch, zu essen gibt es Suppe aus der Tüte und Billigstmilch. Das kann ja heiter werden.

Wird es aber nicht, denn Nörbeck nimmt Bernhards notorische Themen (Herrschaft, Dressur, Kunst, Scheitern, das Nichts) und seine dramaturgischen Taschenspielertricks dann doch eine Spur zu ernst. Dabei sind diese ewigen Monologe, diese um sich selbst kreisenden Wiederholungen mittlerweile selbst reif für eine Parodie.

Doch die verkneift sich die Regisseurin. Stattdessen: mehr Schmerz als Scherz, mehr Verzweiflung als Karikatur. Etwas mehr Biss hätte dem ganz gut getan.

Auf der Habenseite steht jedoch Nörbecks Gespür für psychologische Nuancen und die großartige Leistung des Ensembles. Andreas Herrmann versucht sich als Caribaldi dankenswerterweise nicht im Minetti-Imitat; einmal warm gespielt, trifft er knorrig den richtigen Ton für diesen Präzisions-Diktator, der Anflüge von Menschlichkeit nur in Phasen des Selbstmitleids zeigt.

Herausragend Thomas Hamm, dessen Jongleur, ein ebenso überempfindlicher wie verdruckster Möchtegern-Künstler mit Hang zu Höherem, auf schmalem Grat zwischen Unterwürfigkeit und Auflehnung wandelt, um dann aber doch erniedrigt und beleidigt als Hündchen das Bein zu heben.

Karsten Meyers Dompteur ertränkt seinen Hass grandios im Alkohol, sein Auftritt als umnebelter Proben-Saboteur ist großer Sport. Wenig Text, aber viel Präsenz haben Sebastian Stert als noch unschuldiger Spaßmacher mit ständigen wechselnden Kopfbedeckungen, der dem Tyrannen als einziger richtig an die Gurgel gehen will, und Julia Brettschneider als gelangweilte Enkelin mit Zigarette, großen Augen und plötzlicher Mutation zur sinnlichen Raubkatze.

Überaus freundlicher Applaus des Premierenpublikums.

Thomas Bernhards „Die Macht der Gewohnheit” ist noch am 29. Dezember, 2., 9., 15. und 27. Januar, 2., 5., 17., 20. und 26. Februar, 28. März, 9. und 23. April sowie am 30. Mai in der Aachener Kammer zu sehen.

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