Aachen - „Nicht abheben, wenn man mal Erfolg hat“

„Nicht abheben, wenn man mal Erfolg hat“

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International denken: Produzent Dieter Zeppenfeld vor dem französischen Filmplakat für „Zwei Leben“. Foto: Ralf Roeger
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Gute Figur auf dem roten Teppich: „Zwei Leben“-Regisseur Georg Maas und Hauptdarstellerin Juliane Köhler bei der Filmpreis-Gala in Berlin. Foto: Stock/ Future Image

Aachen. „Zwei Leben“ gehört nicht zu den wirtschaftlich erfolgreichsten deutschen Filmen des vergangenen Jahres, aber doch mit Sicherheit zu den ambitioniertesten und hoch dekoriertesten – unter anderem mit der Platzierung auf der Shortlist für den Auslands-Oscar und einem Deutschen Filmpreis in Bronze.

Inszeniert wurde das Drama von dem in Aachen geborenen Georg Maas, produziert von der Aachener Zinnober Film GmbH. Welche Schwierigkeiten bis zum Kinostart des Films zu überwinden waren und ob der künstlerische Erfolg große Spuren hinterlassen hat, darüber sprach unser Redakteur Hermann-Josef Delonge mit dem Chef von Zinnober Film, Dieter Zeppenfeld.

Herr Zeppenfeld, was hat sich durch den Erfolg von „Zwei Leben“ für Sie verändert?

Zeppenfeld: Für mich als Produzenten tatsächlich nicht sehr viel. Für das gesamte Team, das „Zwei Leben“ realisiert hat, natürlich schon. Die Vorgeschichte war ja nicht einfach. Es hat zehn Jahre gedauert, bis wir den Film drehen konnten, und als er dann fertig war, sah es so aus, als würde der Start nicht ideal verlaufen. Die Berlinale wollte „Zwei Leben“ nicht im Wettbewerb zeigen. Wir sind dann auf die kleineren Festivals in Deutschland gegangen. Dort ist der Film sehr gut angekommen, und auch nach dem regulären Start in den Kinos gab es eigentlich nur positive Resonanz vom Publikum. Dann die Oscar-Nominierung und später die Lola in Bronze: Da war die Freude selbstverständlich groß.

Das klingt jetzt sehr abgeklärt.

Zeppenfeld: Soll es gar nicht. Wir können sehr gut einschätzen, was da passiert ist. Die deutsche Oscar-Nominierung kam drei Wochen vor dem deutschen Kinostart. Alle Zeitungen waren voll. Ohne das hätten wir nie diese Zuschauerzahlen erreicht. Die Lola kam kurz vor der DVD-Veröffentlichung. Das alles hebt natürlich den Umsatz.

Wie viele Menschen haben „Zwei Leben“ in Deutschland im Kino gesehen?

Zeppenfeld: Wir sind jetzt über 125 000. Das ist sehr ordentlich.

Sie schäumen nicht gerade über vor Begeisterung.

Zeppenfeld: Nein. 350 000, das wäre ein herausragendes Ergebnis gewesen. „Zwei Leben“ ist sehr gut gestartet, aber nach fünf Wochen gab es einen Knick. Da hätte vielleicht noch einmal eine Kampagne geholfen, aber die Taschen waren leer.

Wie viel hat „Zwei Leben“ gekostet?

Zeppenfeld: Über drei Millionen Euro. Zwei Drittel aus Deutschland, ein Drittel aus Norwegen. Der Film ist ja eine deutsch-norwegische Koproduktion. Weil wir den Anteil aus Deutschland nicht abdecken konnten, hat das komplette Team Teile seiner Gagen zurückgestellt. Wenn ein Film erfolgreich ist, werden diese Rückstellungen zuerst ausgeglichen. Es sieht so aus, als würden wir das schaffen.

Ist das das Höchste, was man mit einem deutschen Arthouse-Film finanziell erreichen kann?

Zeppenfeld: Das kann man nicht pauschalisieren. Tatsächlich gibt es in Deutschland einige grundlegende Probleme bei der Filmfinanzierung. So erwarten die Förderanstalten, dass man eine Fernsehanstalt und am besten auch einen Filmverleih mit im Boot hat, bevor man Gelder bekommt. „Zwei Leben“ haben aber tatsächlich alle Fernsehanstalten abgelehnt. Schließlich sind wir zur Degeto (die gemeinsame Filmeinkaufsorganisation der ARD-Anstalten, Anm. d. Red.) gegangen, und da hat der Antrag ein Jahr lang gelegen. Ich habe immer wieder nachgefragt und bin immer wieder vertröstet worden. Schließlich hatte ich das gesamte Projekt schon abgeschrieben, als die Zusage ein paar Tage später doch noch kam.

„Zwei Leben“ wird also in der ARD zu sehen sein?

Zeppenfeld: Ja, voraussichtlich Anfang kommenden Jahres. Wir haben Glück gehabt, denn die Fernsehanstalten machen immer weniger Kino-Koproduktionen. Sie wollen Einfluss nehmen auf die Dramaturgie, und das ist bei Kinoproduktionen natürlich schwer.

Wie sieht der Einfluss aus?

Zeppenfeld: Wir wollten zum Beispiel auch für Deutschland die Sprachen, die im Film gesprochen werden, im Original belassen und dann Deutsch untertiteln. Die Degeto hat uns klargemacht, dass „Zwei Leben“ im Fernsehen dann nicht um 20.15 Uhr, sondern nur nach 23 Uhr laufen könnte. Also haben wir uns für eine synchronisierte Fassung entschieden.

Schweren Herzens?

Zeppenfeld: Fürs Fernsehen fand ich das okay. In den deutschen Kinos lief auch eine synchronisierte Fassung, aber wir haben uns über jedes Kino gefreut, das den Film im Original gezeigt hat. Die deutschen Zuschauer sind die Untertitel halt nicht gewohnt.

Wie viele Fördermittel haben Sie in Deutschland bekommen?

Zeppenfeld: Insgesamt 630 000 Euro von der Filmstiftung NRW, 200 000 von der Filmförderung Schleswig-Holstein/Hamburg und 380 000 vom Deutschen Filmförderungsfonds.

Warum gleich aus zwei Bundesländern?

Zeppenfeld: Besser wären sogar noch mehr. Aber das funktioniert in der Praxis sehr selten. Denn die regionalen Förderer wollen Effekte im jeweiligen Bundesland. De facto bedeutet das, dass wir mehr als 200 Prozent der Summe, die wir von einem Bundesland als Förderung bekommen, auch dort wieder lassen müssen – beim Drehen vor Ort, über Gagen und Aufträge an Dienstleister. Dieses Geld muss irgendwo herkommen. Das geht dann wiederum nur mit Bundesförderung – vom Filmförderungsfonds zum Beispiel oder von der Filmförderungsanstalt. Die guckt allerdings sehr auf die nackten Zahlen und hat uns deshalb für „Zwei Leben“ nicht unterstützt.

Ein schweres Geschäft, gerade für Arthouse-Produzenten.

Zeppenfeld: Stimmt. „Fack ju Göthe“ hatte es da von Anfang an leichter.

Warum?

Zeppenfeld: Abgesehen davon, dass der Film als Komödie wirklich sehr gut funktioniert: Das Team ist seit „Türkisch für Anfänger“ angesagt. Elyas M’Barek und auch der Regisseur Bora Dagtekin sind seitdem sehr bekannt. Das war damals bei Georg Maas und mir anders. Deshalb haben wir uns bemüht, bekannte Schauspieler ins Boot zu holen. Und auch Kamerafrau Judith Kaufmann und Cutter Hansjörg Weißbrich zählen zur ersten Liga in Deutschland.

Ist Deutschland ein gutes Filmland?

Zeppenfeld: Besser als noch vor zehn, 15 Jahren. Schauen Sie sich nur mal die sechs Filme an, die für den Deutschen Filmpreis nominiert waren: Das ist schon von sehr hoher Qualität mit großer thematischer Vielfalt – von „Fack ju Göthe“ über Edgar Reitz‘ „Die andere Heimat“ bis zum Alpen-Western „Das tiefe Tal“. Aber für Produzenten ist es immer noch nicht einfach.

Dabei hört man immer, wie groß der Neid in Europa auf das deutsche Filmförderungssystem ist.

Zeppenfeld: Natürlich ist Deutschland immer noch das Land in Europa, wo das meiste Geld fließt. Aber die Kosten sind hier auch sehr hoch. Zinnober Film könnte ohne das TV-Geschäft, also nur mit Spielfilmen, nicht überleben. Das gilt für viele Produzenten, die im Arthouse-Bereich unterwegs sind.

Haben Sie mit „Zwei Leben“ etwas verdient?

Zeppenfeld: Eher im Gegenteil.

Warum macht man es dann?

Zeppenfeld: Erstens: aus Leidenschaft. Zweitens: weil man eine Message hat. Drittens: weil es ungeheuer viel Spaß macht.

Ist „Zwei Leben“ ein deutscher Film?

Zeppenfeld: Ich tue mich schwer mit diesen Kategorien. Es ist eine internationale Produktion, angelegt für den europäischen Markt. Das ist auch gut so. So sollten wir in Deutschland denken. In Frankreich hat der Film jetzt schon mehr Zuschauer als in Deutschland. Das sagt doch alles. Hier lief er in 90 Kinos, in Frankreich bislang in 170. Das liegt an dem Verleih dort, aber auch an der Art und Weise, wie die Geschichte erzählt ist.

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Zeppenfeld: Wir haben den Film in 70 Länder verkauft, er ist aber noch nicht überall angelaufen. Der Erfolg hängt von vielen Faktoren ab, die nicht direkt mit dem Film zu tun haben. Die Arbeit der Verleiher ist da ganz entscheidend.

Kann man sich die aussuchen?

Zeppenfeld: Auch da muss man sehen, was möglich ist. Wir haben mit unserem Verleih hier in Deutschland sehr eng und sehr gut zusammengearbeitet, aber Farbfilm ist eben ein eher kleiner Verleih. Wir haben den Film auch größeren angeboten, aber die fanden das Projekt im Vorfeld zu riskant.

Wird sich das jetzt ändern – mit dem Erfolg von „Zwei Leben“ quasi als Türöffner?

Zeppenfeld: Das muss sich noch zeigen. Aber natürlich: Wenn man beim deutschen Filmpreis dabei war und sogar etwas gewonnen hat, dann kann das Türen öffnen. Ich habe bei der Preisverleihung viele Leute kennengelernt, und die wiederum kennen jetzt mich. Das ist schon ein großer Vorteil. Ich kann jetzt mit Leuten telefonieren, bei denen ich vorher aufgelaufen bin. Aber ich weiß auch genau: Alles ist relativ, man darf nicht abheben, wenn man mal Erfolg hat.

Apropos: Sie hätten beinahe die ganz große, internationale Filmwelt beim Oscar und haben bei der Lola in Berlin immerhin die deutsche Filmwelt kennengelernt. Was hält Sie da noch in Aachen, an der Peripherie? Warum sind Sie nie dahin gegangen, wo die Musik spielt?

Zeppenfeld: Das ist meine Stadt, hier bin ich groß geworden. Ich genieße und schätze die Grenzlage. Es ist für mich nie infrage gekommen, von hier wegzugehen.

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