Aachen - Neuer Spielplan im Theater: Neben Wagnissen findet sich „Carmen”

Neuer Spielplan im Theater: Neben Wagnissen findet sich „Carmen”

Von: Eckhard Hoog und Jenny Schmetz
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Sie stellten den Spielplan der
Sie stellten den Spielplan der Saison 2012/2013 des Aachener Theaters vor: (von links) Chefregisseur Ludger Engels, GMD Kazem Abdullah, Theaterpädagogin Mira Loos, Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck sowie die Dramaturgen Inge Zeppenfeld und Michael Dühn. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Ein Kranhaken hängt wie ein stählernes Symbol an der Decke - Sinnbild für Kraft, Energie und die Gewissheit: Hier wird etwas bewegt. Einen besseren Ort als den neuen Orchester-Probenraum im ehemaligen Umspannwerk mit diesem dekorativen Relikt hätten sich Aachens Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck und der neue Generalmusikdirektor Kazem Abdullah nicht aussuchen können.

Hier haben sie den Spielplan der Saison 2012/2013 vorgestellt. Und tatsächlich treffen auf das Programm Attribute zu, die eine besondere Stärke charakterisieren: ambitioniert und engagiert.

Standortbestimmung: „Das Theater steht in der Mitte der Stadt als ein Kommunikationszentrum”, eines der letzten, die es gibt, das noch Live-Erlebnisse bietet, meint Schmitz-Aufterbeck.

Motto der Saison: „Die Mitte”. Gemeint ist die Mitte der Gesellschaft, die nach den Worten des Intendanten schwer in der Krise steckt angesichts der Erfahrungen schwindender Sicherheit, des demografischen Wandels, der Angst vor Armut - und, und, und. Die Auswahl der Stücke entspricht den vielen Facetten dieses Traumas, das als thematische Klammer so weit durchkonjugiert wird, dass „Hänsel und Gretel” als „Fall aus der Gesellschaft” exemplifiziert wird. Zum Glück, erklärt Schmitz-Aufterbeck, ist der Faden derart tiefrot nun aber auch nicht gemeint. „Viele Elemente haben einen großen Unterhaltungswert.”

Schauspiel: Die Konsequenz der Auswahl gemäß des Mottos ist frappierend. Die Übersättigung der Wohlstandsbürger - Ibsens „Hed-
da Gabler” lässt sich in dieser Richtung interpretieren. Und Brechts „Guter Mensch von Sezuan” geht auch bestens durch als Fallbeispiel für eine Gesellschaft, in der das Schnäppchenjagen allgemeiner Sport geworden ist. War da nicht neulich etwas? Richtig: Wulff. Der steht wie Strauss-Kahn, sagt Dramaturgin Inge Zeppenfeld, für das geschwundene Vertrauen in die Eliten und falschen Umgang mit der Macht - Parademotive in Shakespeares „Macbeth”. Einen besonderen Akzent setzen zwei Theaterabende nach Filmen von Visconti und Aki Kaurismäki,„Der Fall der Götter” und „Lichter ziehen vorüber”, die das Motto in Richtung Macht eines Konzerns (Krupp) und Menschen am Abgrund ziehen. Insgesamt: ein inspirierender Kosmos an Literatur, der das Theater hart an die gesellschaftliche Front treibt.

Spielzeitheft: Die Theaterfreunde müssen sich noch ein wenig gedulden, gerade ist das Werk in Druck gegangen. Erscheinen wird es am 12. Mai, wiederum in Form eines Magazins, das mit interessanten Geschichten auch einen Blick hinter die Kulissen gewährt.

Angebot für Kinder: Die ehemals „Weihnachtsmärchen” genannte Produktion heißt diesmal „Pinocchio” und richtet sich an Menschen ab sechs Jahren. Wieder aufgenommen wird das „Schaf”, Musiktheater für Leute ab fünf.

Projekte: Gemeint ist eine Art Theater vor Ort, wirklich hart an der Front und Realität. In „Tiere essen” recherchiert das Theater, unter welchen Produktionsbedingungen Fleisch in Aachen angeboten wird, um dann mit dem Düsseldorfer Koch-Künstler Arpad Dobriban eine Performance aufzuführen, in der die Ergebnisse mit Jonathan Safran Foers Bestseller „Tiere essen” verknüpft werden. In „Kings Fate” erarbeiten der ehemalige Dramaturg Lukas Popovic und das „Theater Ausbruch” mit den Bewohnern des Stadtteils Kronenberg, ein städtischerseits völlig vernachlässigtes Viertel ohne In-frastruktur, ein Stück über ihre Heimat. Aufführungsort ist die „Backenzahn” genannte Kirche
St. Hubertus.

Musiktheater: Erst sehr spät kommt bei der Spielplanvorstellung der Neue zu Wort. Kazem Abdullah scheint keiner zu sein, der sich gerne in den Vordergrund drängt. Mit blauen Zettelchen in der Hand, bringt der 32-Jährige auf Deutsch zuallererst seinen „großen Respekt vor der künstlerischen Leistung” seines Vorgängers Marcus Bosch zum Ausdruck, bevor er noch ein Motto formuliert - sein eigenes: „Musik ist sinnlich. Musik ist für alle da!” Dann gehts auf Englisch weiter (siehe auch das „Nachgefragt” rechts und den Konzertspielplan unten).

Besonders sinnlich knistert es sicherlich, wenn Abdullah mit Bizets Opern-Blockbuster „Carmen” die Spielzeit eröffnet. Lag die spanische „Femme fatale” in Aachen zuletzt in den Regie-Händen der Intendanten (Paul Esterhazy 2004, Elmar Ottenthal 1994), so darf diesmal der ehemalige Schauspielchef Michael Helle ran. Wer in dieser Saison seinen „Figaro” gesehen hat, der weiß, dass Sanja Radisic wohl kaum als kastagnettenklappernde Folklore-Carmen über die Bühne tanzen wird.

Vom Barock bis zur Gegenwart decken die Opern ein breites Spektrum ab - mit Schwerpunkt im 19. Jahrhundert. Neben den absehbaren Publikumsrennern „Hänsel und Gretel” und „Der Barbier von Sevilla” erklingen auch weniger populäre Werke: Händels Opera seria „Ariodante” und Verdis düsteres Polit-Drama „Simon Boccanegra”. Das größte Wagnis bedeutet sicherlich die Aufführung von Salvatore Sciarrinos Oper „Superflumina”: ein Nachtstück rund um Heimatlose an einem Bahnhof und zeitgenössische Musik, die die Grenzen des Klangs abtastet. Die Hauptpartie, eine Obdachlose, stellt monströse Anforderungen an die Sängerin: Daher ist Schmitz-Aufterbeck froh, die Mezzosopranistin Anna Radziejewska als Gast gewinnen zu können. Sie wurde bei der Mannheimer Uraufführung 2011 umjubelt.

Ensemble: Zwei Schauspieler und ein Sänger verlassen das Theater. Julia Brettschneider gastiert aber weiterhin als Puppenspielerin. Joey Zimmermann zieht es wieder in die Schweiz. Und Tenor Yikun Chung hat in seiner Heimat Korea eine Professur angenommen.

Regisseure: Man vertraut wieder fast völlig bekannten Kräften. So darf etwa Joan Anton Rechi nach „La Cenerentola” mit dem „Barbier” für Rossini-Vergnügen sorgen. Die Rast-Schwestern Christina und Franziska, die mit „Viel Lärm um nichts” und „Tartuffe” schrill und schräg Erfolge feierten, nähern sich dem skurrilen Humor der Filme Aki Kaurismäkis. Chefregisseur Engels wagt sich an „Superflumina” und kümmert sich um die Beziehungsprobleme von „Macbeth” und „Hedda Gabler”. Ewa Teilmans inszeniert „Hänsel und Gretel” und „Der Fall der Götter”. Und ihr Mann, Michael Schmitz-Aufterbeck, will in der kommenden Saison „nur” Intendant sein. Nach seinem „Maskenball”-Debüt schließt er weitere Regie-Arbeiten für die Zukunft aber ausdrücklich nicht aus.

Finanzen:Um Inhalte soll es gehen, nicht um Zahlen, meint Schmitz-Aufterbeck zu Beginn. Doch der Tarifabschluss im öffentlichen Dienst hat ihn in der Höhe überrascht, gibt er auf Nachfrage schließlich zu. Für das Theater könnte er - grob überschlagen, bis zum Ende der Saison 2013/14 - eine Mehrbelastung von über 1,5 Millionen Euro bedeuten. „Das ist ein gesamtstädtisches Problem”, sagt der Intendant. Von der Stadt habe er aber noch keine Reaktion. Die Gespräche mit der Kämmerin stehen noch aus. Immerhin: „Die nächste Spielzeit ist gesichert.”

Die Produktionen im Großen Haus

„Carmen”, Oper von Bizet, 16. September 2012

„Macbeth”, Drama von Shakespeare, 23. September 2012

„Hänsel und Gretel”, Märchenoper von Humperdinck, 4. November 2012

„Pinocchio”, Familienstück nach dem Kinderbuch von Collodi, 16. November 2012

„Superflumina”, Oper von Sciarrino, 9. Dezember 2012

„Der gute Mensch von Sezuan”, Stück von Brecht, 12. Januar 2013

„Ariodante”, Oper von Händel, 3. Februar 2013

„Der Fall der Götter”, Familiensaga nach einem Film von Visconti, 9. März 2013

„Simon Boccanegra”, Oper von Verdi, 7. April 2013

„Lichter ziehen vorüber”, Theaterabend nach Kaurismäki-Filmen, 27. April 2013 (Uraufführung)

„Der Barbier von Sevilla”, Oper von Rossini, 9. Juni 2013

Produktion der Musikhochschule, 5. Juli 2013

Die Produktionenim Mörgens

„Tschick”, nach dem Roman von Herrndorf, 29. September 2012

„Iphigenie auf Tauris”, Schauspiel von Goethe, 15. November 2012

„Zwei arme, polnisch sprechende Rumänen”, Stück von Maslowska, 10. Januar 2013

„Deportation Cast”, Stück von Bicker, 22. März 2013

„Arm sein”, Stück von Mansmann nach Recherchen in Aachen, 15. Mai 2013 (Uraufführung)

„Geister”, Mitmach-Musiktheater für alle ab acht Jahren (Wunsch)

„Louis am Strand”, Figurentheater für alle ab vier Jahren (Wunsch)

Die Produktionenin der Kammer

„Die Präsidentinnen”, Stück von Schwab, 21. September 2012

„Verrücktes Blut”, Stück von Erpulat und Hillje, 10. November 2012

„Wir lieben und wissen nichts”, Komödie von Rinke, 5. Januar 2013

„Wohnen. Unter Glas”, Stück von Palmetshofer, 15. März 2013

„Hedda Gabler”, Stück von Ibsen, 17. Mai 2013

„Tiere essen”, Performance nach Foer, 7. Juni 2013 (Uraufführung)
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