Aachen - Neue Spielzeit am Theater: Fremde Welten und überforderte Menschen

Neue Spielzeit am Theater: Fremde Welten und überforderte Menschen

Von: Jenny Schmetz und Hermann-Josef Delonge
Letzte Aktualisierung:
5370037.jpg
Der Wind steht gut: Das Theater Aachen schwimmt mit hervorragenden Besucherzahlen auf einer Erfolgswelle.
5369996.jpg
Das Leitungsteam auf der Bühne: Verwaltungsdirektor Udo Rüber, Chefdramaturgin Inge Zeppenfeld, Generalmusikdirektor Kazem Abdullah, Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck und Chefregisseur Ludger Engels (von links).

Aachen. Ein kleines Outing zu Beginn. Ja, Michael Schmitz-Aufterbeck ist „als einer der Ersten in Aachen“ zum „Hobbit“-Film ins Kino geeilt. Obwohl der Intendant auf der Welle des Erfolgs surft, muss er schließlich mal abschalten. Und sein Geständnis war die beste Einleitung ins Programm der nächsten Saison am Theater Aachen.

Ein Motto, das sich auf den Punkt bringen lässt, gibt es zwar nicht, aber einige Schwerpunkte: Ausgang ist „die Überforderung des Menschen durch die zunehmende Beschleunigung unserer technisierten und globalisierten Welt“. Wie verarbeiten wir Datenflut, Multitasking-Feuerwerk oder die Finanzkrise? Etwa durch die Flucht in andere Welten, Märchen oder Fantasy (siehe oben). Von diesen machen die Spielplaner noch eine scharfe Kurve zu den fremden Welten, aus denen Menschen zu uns kommen. Zusammenleben, Migration, Integration bilden also einen weiteren Schwerpunkt.

Überfordert angesichts dieser thematischen Fülle? Kein Pro-blem, auch ohne diese theoretischen Gedankenspiele der Dramaturgen zu kennen, darf man ganz einfach das Theater besuchen. Ein prima Raum zum Innehalten!

Eröffnung: Nach dem Theaterfest am 14. September startet Generalmusikdirektor Kazem Abdullah tags darauf mit Beethovens einziger Oper „Fidelio“ in die Saison. Ob er dabei auf Entschleunigung setzt, hat er am Donnerstag nicht verraten. Mit Shakespeares „Hamlet“ ist eine Woche später jedenfalls ein Zauderer zu erleben, der nicht nur beim „Sein oder Nichtsein“ mal gerne eine Reflexionspause einlegt.

Musiktheater: Vom Barock bis in die Gegenwart wird aus dem Standardrepertoire geschöpft: „Alcina“ zaubert im zweiten Teil des Händel-Zyklus, mit Dvoáks lyrischem Märchen „Rusalka“ und Verdis Schiller-Oper „Don Carlo“ macht Abdullah seine Vorlieben deutlich (siehe „Kurz gefragt“ rechts), und sogar eine Operette dürfen die Aachener genießen: Offenbachs Räuberpistole „Die Banditen“.

Heraus sticht eine Uraufführung: Nach Arbeiten für Zürich und die Rheinoper schreibt der Komponist Anno Schreier, 1979 in Aachen geboren und in Monschau aufgewachsen, dem Aachener Ensemble ein Werk in die Kehle und auf den Leib. „Prinzessin im Eis“ heißt die „multinationale Polarkomödie“, eine Dornröschen-Neubearbeitung für die ganze Familie. Zeitgenössische Musik und Popularität sind bei Schreier keine Gegensätze; er ist nicht als experimentell verschrien, sondern komponiere „sehr hörbar“, betont Schmitz-Aufterbeck. Keine Überforderung für die Ohren also.

Im Schauspiel könnte das bei einer großen Produktion etwas anders werden. Denn erstmals nach fast 20 Jahren wagt sich das Aachener Theater wieder an eine Textfläche von Elfriede Jelinek heran. 1994 hat die Hasenclever- und spätere Nobelpreisträgerin nach der deutschen Erstaufführung von „Totenauberg“ in Aachen Buhrufe einstecken müssen, viele Zuschauer flüchteten vor dem Ende. Mittlerweile wissen die Aachener wohl, was sie erwartet: nicht Figuren, Handlung oder Dialoge, sondern ein verzweifelt kalauernder Wortschwall. Mit „Faustin and out“, uraufgeführt 2012, überschreibt die Fachfrau für männliche Unterdrücker die Gretchentragödie und schließt sie kurz mit dem Fall Josef Fritzl, der seine Tochter jahrelang in einen Keller sperrte und sieben Kinder mit ihr zeugte.

Daneben fallen vor allem Prosa- und Kinostoffe auf: etwa Max Frischs „Homo Faber“, Virginia Woolfs „Orlando“ oder die WG-Komödie „Zusammen!“ nach dem Film von Lukas Moodysson. Neuere Stücke sind sonst nur auf den beiden kleinen Bühnen zu finden.

Projekte: Als „Markenzeichen“ des Aachener Theaters bezeichnet Chefregisseur Ludger Engels aber die Suche nach neuen Erzählformen jenseits der üblichen Gattungsgrenzen. Vier Projekte dieser Art sind geplant, darunter zum Karlsjahr das großes Spektakel „Der weiße Elefant“. Der kam als Geschenk eines Sultans im Jahr 802 von Bagdad über die Alpen nach Aachen. Nun wird er nachgebaut und soll durch die City ziehen: in einer Parade mit Tanz, Musik und möglichst vielen Bürgern.

Junge Zuschauer: Das Mörgens bleibt eine „junge“ Spielstätte, das begehrte Familienstück vor Weihnachten ist „Die kleine Hexe“, und in der Kammer bietet der „Zirkus Furioso“ Musiktheater von Kindern für Kinder.

Regisseure: Man setzt auf eine Mischung aus bewährten und neuen Kräften. Ewa Teilmans etwa inszeniert „Peer Gynt“, „Rusalka“ und ihr viertes JVA-Projekt, Christina Rast „Hamlet“. Auffällig: Die Frauenquote am Regie-Pult liegt über 50 Prozent! Aber Chefdramaturgin Inge Zeppenfeld will das nicht als Strategie verkaufen. „Das Geschlecht spielt keine Rolle.“

Wiederaufnahmen: So viele gab es noch nie, sagt Schmitz-Aufterbeck. Na klar, wegen des großes Erfolgs. Die Opern „Der Barbier von Sevilla“, „Hänsel und Gretel“ und „Carmen“ sowie im Schauspiel „Verrücktes Blut“ (in der Kammer), „Iphigenie“ und „Tschick“ (beide im Mörgens) sind wieder zu sehen.

Spielzeitheft: Da ist noch ein bisschen Geduld gefragt. Das Heft wird ab dem 18. Mai zu haben sein, im Magazin-Format wie in den vergangenen beiden Jahren.

Finanzen, Preise: Traditionell ein schwieriges Thema, doch Verwaltungsdirektor Udo Rüber bleibt in diesem Jahr auffallend entspannt. Bei den Eintrittspreisen soll sich nichts ändern, in der Abo-Struktur im Großen und Ganzen auch nicht. Rüber kalkuliert mit einem Etat von rund 22 Millionen Euro (17,2 Millionen Personalkosten, 4,8 Millionen Sachkosten) und für das Ende der Spielzeit mit einer „0,0“ unter dem Strich. Der städtische Zuschuss beträgt rund 19 Millionen Euro, der Rest soll eingespielt werden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert