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Neue Direktorin des Ikob Museums zeigt faszinierende Ausstellung

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
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Mit „Fata Morgana“ präsentiert sie ihre erste große Ausstellung: Maïté Vissault, die neue Direktorin des Ikob Museums für zeitgenössische Kunst in Eupen. Hier steht sie vor einem Werk der Neusser Künstlerin Isa Melsheimer, das eine Tsunami-Schutzstation in Indonesien darstellt.

Eupen. Bestechend und inspirierend – eine einzige Faszination: Maïté Vissault, die im vergangenen Jahr die Leitung des Ikob Museums für zeitgenössische Kunst in Eupen übernommen hatte, liefert jetzt mit ihrer ersten Ausstellung eine großartige Visitenkarte ab. Für den Besuch der Schau sollte man sich sehr viel Zeit nehmen.

Sie bietet ein erlebnisreiches Panorama der zeitgenössischen Kunst, das eines ihrer Grundmomente variantenreich mit einer menschlichen Ur-Erfahrung verknüpft: der von Grenzen und unerreichbaren „anderen“ Räumen.

Das Phänomen der „Fata Morgana“ liefert titelgebend und metaphorisch für 17 Künstler aus Belgien, Frankreich und Deutschland den gemeinsamen Fluchtpunkt. „Das Thema beschäftigt mich seit drei Jahren“, erzählt die in der Normandie geborene Französin, die 16 Jahre lang in Deutschland gelebt hat. Besonders virulent wurde es 2013 für sie ganz persönlich mit ihrem Umzug ins Dreiländereck: mit der Erfahrung von Grenzen, kulturellen Räumen, die sich gegenüberstehen und zum Teil ineinander übergehen. Fata Morgana, das ist für Maïté Vissault eine vielfältige Metapher: für die „Erscheinung von anderen Räumen“ ebenso wie für die Kunst selbst, „die nicht sofort verstehbar ist“ oder auch für das Imaginäre an sich. Fata Morgana nicht als Trugbild gemeint, sondern eher im physikalischen Sinne, als Luftspiegelung – als wahrnehmbares und doch unerreichbares, nicht greifbares Phänomen.

Immer auch verwirrend

Und grundsätzlich verwirrend ist es selbstverständlich auch: Beim Eintritt begegnet der Besucher einem rundum angebrachten Handlauf mit rätselhafter Funktion, angelehnt ein offenbar vergessener Besen des Hausmeisters. Beim Nähertreten offenbart sich dessen Existenz als verblüffend wirkende Fotografie – zum Einstieg führt der Antwerpener Leon Vranken das Thema der Schau leicht und humorvoll als visuelles Phänomen vor Augen.

Ein Bildschirm, zwei Gesichter, die sich vermischen – das der Madonna und einer jungen Frau, die mit Pfeilen auf Maria zielt: Ulrike Rosenbach markiert mit ihrem feministischen Performance-Video „Glauben Sie nicht, dass ich eine Amazone bin“ aus den siebziger Jahren eine historische Position in der Ausstellung. Hier wird das tradierte Kulturbild der Frau in der Spanne zwischen Ideal und Wirklichkeit, von der Heiligen bis zur modern lebenden Städterin ziemlich aggressiv infragegestellt.

Drei Tische mit unscheinbarsten Gegenständen: einer elektrischen Zahnbürste, einem Eimer mit Schrauben, einem riesigen Knäuel aus Tonbändern. Der Brüsseler Freek Wambacq erzählt damit eine Geschichte, verlangt dem Besucher allerdings einiges an Fantasie ab: Die drei Objekte dienen Geräuschmachern in der Filmbranche dazu, Szenen akustisch zu untermalen: Die geknüllten Bänder hören sich an wie sturmumtoste Baumwipfel, „gerührte“ Schrauben wie prasselnder Regen und die Elektrozahnbürste auf der Tischplatte wie ein Erdbeben. Ein Unwetter, das in der Katastrophe endet – im Kopf des Betrachters.

Das Ikob Museum als Haus ist eine eigentümliche Erscheinung: Neben dem Haupteingang wird im gleichen Gebäude ein Sonnenstudio betrieben. Freek Wambacq „bespielt“ das gleich mit und präsentiert auf zwei Simsen neben den Kabinen Reihen von Salzpackungen, deren Aufdrucke im Nebeneinander eine Welle ergeben. Salz dient Geräuschemachern, um akustisch Regenkaskaden zu erzeugen. Maïté Vissault: „Sonne und Regen – das passt doch.“ Die Sonnenstudio-Mitarbeiterin verspricht, den Kunden das Werk gründlich zu erklären.

Wie das Foto einer Grotte wirkt das Riesenbild des Brüsselers Emmanuel van der Auwera. Beim Nähertreten löst es sich fatamorganisch auf zu einem spinnennetzartigen Gewebe – ein Ergebnis der Aufnahmetechnik: Ein Laser scannte den Höhleneingang bei Charleroi minuziös ab. Das Wahrgenommene bekommt plötzlich eine ganz andere Erscheinung und Materialität.

Bizarre, fremdartige, monströse, zum Glück fiktive Architekturen mit rätselhafter Funktion fotografiert der Franzose Nicolas Moulin: bunkerartige Hochhäuser, gekippte Baukörper aus Beton, aus dem Boden wachsende Klötze. Vorstellungen von einer möglichen, hoffentlich nie wirklich werdenden unmenschlichen Zukunft.

Lebender Hirschkopf

Ein kapitaler Hirschkopf prangt als Jagdtrophäe an der Wand, Stolz eines jeden Weidmannes, gefilmt von dem Belgier Ruben Bellinck. Aber: Wackelt der Hirschkopf nicht mit den Ohren? Die Kamera fährt näher: Tatsächlich, die Nüstern pulsieren – das Tier atmet.

Ein zweites Video zeigt das Hinterteil des durch die Wand blickenden Tiers. Scheintot oder scheinlebendig, das ist hier die Frage, vor allem die nach dem menschlich verantwortungslosen Umgang mit der lieben Fauna dräut hier doch, wo Natur in fremde Räume gezwängt wird. Der Künstler soll, das garantiert die Museumsdirektorin, ein überaus verständiges und geduldiges Tier, liebevoll aufgezogen von einem anerkannten Hirschzüchter, für dieses Performance-Video gecastet haben.

In Tokio hat der Deutsche An-dreas Maria Fohr ein Phänomen gefilmt, das sich dort seit den 70er Jahren etabliert hat: An jedem Wochenende treffen sich Jugendliche auf einem ganz bestimmten Platz, um hier ihre neuen Kleider zu präsentieren – in einer Vorstellung aus Punk, Postpunk und Fashion. Die Darsteller könnten Manga-Comics entsprungen sein. Und so hat sich hier über die Zeit ein eigenes Ritual entwickelt, dem Erwachsene als Besucher beiwohnen. Fohr zeigt die Gestalten in Zeitlupe, das Ergebnis wirkt wie eine Choreographie.

Der vielleicht beeindruckendste Beitrag stammt tatsächlich aus der Wüste: Der Leuvener Wim Catrysse filmte eine halbversunkene Meute wilder Hunde, die ein Sandsturm hierher verschlagen hat. In geringem Abstand dahinter rauschen schwere Militärfahrzeuge über eine berüchtigte Hauptverkehrsader in Kuwait. Gleichmütig blinzeln die Hunde in die Sonne – zwei Welten, hart nebeneinander, die sich nie begegnen.

Maïté Vissault beweist mit ihrem Eupener Debüt, wie spannend eine Themenausstellung sein kann.

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