Netta Or: Zwischen Salzburg, Bayreuth und Aachen

Von: Jenny Schmetz
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Eingesprungen für die schwangere Katharina Hagopian: Netta Or ist ab Sonntag als Angelica in Händels Oper „Orlando“ im Theater Aachen zu sehen und zu hören. Foto: Harald Krömer

Aachen. Das Talent zum Singen liegt bei Netta Or wohl irgendwo in ihren Genen. Ob Großmutter, Großonkel, Mutter oder Schwester – alle gut bei Stimme. Aber Sängerin als Beruf? Das wollte die blond gelockte Frau, die in Aachen aufgewachsen ist, erst gar nicht.

„Meine Eltern dachten, dass ich eine gute Rechtsanwältin abgeben würde.“ Wegen ihrer schnellen Zunge. Aber dann kam Händel dazwischen – und jetzt sitzt Netta Or, dramatischer Koloratursopran, im Aachener Theater und stochert skeptisch in Spaghetti an Spinat-Käsesoße.

Zurzeit muss alles „zacki-zacki“ gehen. Da muss sie beim Pressegespräch eben auch essen. Als Gast ist die Sängerin eingesprungen – für Katharina Hagopian, die ein Kind erwartet. Die Kollegen haben bereits vor der Sommerpause mit den Proben zur Barockoper „Orlando“ begonnen. Netta Or hat dagegen nur zwei Wochen. Ziemlich wenig – oder? „Ja“, sagt sie cool. Damit hat sie Erfahrungen.

Aber diesmal ist das schon ein besonderes Einspringen. Für Netta Or so eine Art Heimkehr. Pförtner und Inspizientin kennen sie schon, obwohl sie als Solistin zum ersten Mal hier auftritt. Sie präzisiert: „Als ausgewachsene Sängerin ist es mein erstes Mal in Aachen.“

Denn als sie noch eine Nummer kleiner war, hat sie viel Zeit in Garderobe und Kantine verbracht – an der Seite ihrer Mutter Rebecca Or, die bis 2008 mehr als 25 Jahre im Opernchor aktiv war. Und das „Theaterkind“ hatte mit neun oder zehn neben ihrer älteren Schwester Talia die ersten Auftritte als Geistererscheinung in Verdis „Macbeth“ und Knabe in Mozarts „Zauberflöte“, später dann weitere im Extra-Chor.

Aber als Beruf? Lieber nicht, dachte sie, bis eben Händel dazwischenfunkte. Der Film „Farinelli“ über den Starsänger der Barockoper hat es Netta Or „total angetan“. „Ich wollte unbedingt diese Händel-Arien singen.“ Zu Hause mit der Mutter am Klavier hat sie dann einfach mal die Kastraten-Partien nachgesungen.

Nach der Schule ging´s dann ziemlich „zacki-zacki“: Studium an der Musikhochschule Köln, festes Engagement an der Rheinoper, 2005 als erster Höhepunkt die Aspasia in Mozarts „Mitridate“ bei den Salzburger Festspielen, und mittlerweile ist sie wie ihre Schwester Talia freiberuflich als Sopran unterwegs. „Ein schweres Los“ wegen der harten Konkurrenz, wie sie meint.

„Aber es läuft gut.“ Aachens Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck hat ihre Karriere verfolgt und sie im Schwangerschaftsengpass kontaktiert. Und Netta Or freut sich, ihren „Favoriten“ Händel in ihrer alten und seit drei Jahren wieder neuen Heimat singen zu dürfen – zum Abschluss des Händel-Zyklus in der Inszenierung von Jarg Pataki. Nach Alcina in Köln und Stuttgart oder Armida in Bonn wartet mit der Angelica in „Orlando“ ein Rollen-Debüt auf sie.

Aber die Sängerin meint: „Ich würde mal behaupten, dass mir alle Händel-Partien gut liegen.“ Zuvor hatte sie gefragt: „Klingt das jetzt überheblich?“ Na ja, auf jeden Fall selbstbewusst.

„Extrem schöne Arien“

Patakis Regie-Konzept findet die Sängerin „sehr überraschend“. Laut Textbuch ist Orlando ein Ritter im Liebeswahn, der sich nach der chinesischen Prinzessin Angelica verzehrt – vergeblich. In Aachen ist Angelica weder chinesisch noch Prinzessin. „Es sind alles Menschen von heute, die sich in ein Institut einweisen lassen, um dort ihre kaputten Leben – geprägt von Burn-out oder Depression – auf die Reihe zu bringen“, erklärt Netta Or die Grundidee des Schweizers, die an Jens-Daniel Herzogs Züricher Erfolgsinszenierung erinnert.

Die Sängerin schwärmt von ihren „extrem schönen Arien“, eine allerdings wurde „leider gekürzt“. Dagegen wollte sie mit schneller Zunge noch anreden, aber: „keine Chance“. Als Einspringerin habe sie sich unterzuordnen. Auch mit anderen Gepflogenheiten des Opernbetriebs hat sie sich arrangiert: etwa ihr Alter zu verheimlichen – mit Verweis auf den „Jugendwahn“. Ihre Schwester Talia hat in einem Interview die Erwartung beschrieben, „dass man als Sängerin schlank wie ein Model und schön wie ein Filmstar sein muss“. Netta kann das unterschreiben. Als sie „noch etwas dicker war“, habe ihr ein Juror geraten, fünf Kilo abzunehmen. Damals habe sie nicht Folge geleistet. Jetzt lässt sie einige Spaghetti liegen, und als Dessert lutscht sie einen Immun-Pusher.

Schub gibt ihrer Karriere vielleicht das Bayreuth-Debüt im kommenden Festspielsommer, obwohl das erste Blumenmädchen im „Parsifal“ keine fette Partie ist. Im Wagner-Fach sieht Or für sich auch keine große Zukunft, lieber im Belcanto, Norma etwa fände sie „sehr geil“. Aber von der alten Musik möchte sie auch nicht lassen.

In der „Orlando“-Premiere werden einige Kritiker sitzen – auch aus der eigenen Familie. Ihre Schwester wird wohl keine Zeit haben. Ihre Mutter? „Die kommt bestimmt!“ Und ihr Vater auch. Der singt allerdings nicht.

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